08.09.2021 14:20 |

„Sind jetzt mächtig“

Missbrauchsvorwürfe gegen Ex-Chef von Modelagentur

Jahrelang haben sie geschwiegen. Nach den Schauspielerinnen und der MeToo-Debatte rund um Hollywood-Urgestein Harvey Weinstein scheint nun die Reihe an die Models gekommen, teils weit zurückliegende Missbrauchsfälle öffentlich zu machen und juristisch dagegen vorzugehen. Seit vergangener Woche sagen frühere Models in einem Ermittlungsverfahren gegen Gérald Marie, den ehemaligen Europa-Chef der mächtigen Model-Agentur Elite, aus. Diese ist dafür bekannt, Schönheiten wie Claudia Schiffer, Naomi Campbell und Cindy Crawford unter Vertrag gehabt zu haben. Bislang haben sich 15 Frauen gemeldet.

„Es hat mich 20 Jahre lang verfolgt“, sagt Lisa Brinkworth, eine ehemalige BBC-Journalistin, die die seit September 2020 laufenden Ermittlungen der Pariser Staatsanwaltschaft gegen Gérald Marie ins Rollen gebracht hat. „Die Zeit ist reif. Er war zu lange unangreifbar“, urteilt die 54-Jährige. Brinkworth hatte 1998 verdeckt für eine Reportage über sexuellen Missbrauch von Minderjährigen recherchiert. Dabei hatte sie auch Gérald Marie getroffen.

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Die Zeit ist reif. Er war zu lange unangreifbar.

Lisa Brinkworth, BBC-Journalistin

„Er hat immer weitergemacht“
In einem Nachtklub in Mailand habe er sie vergewaltigt, erzählt sie. „Ich habe mich völlig machtlos gefühlt. Er hat immer weitergemacht, obwohl ich nein, nein, nein gesagt habe“, erinnert sie sich.

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Ich habe mich gefühlt, als habe mir jemand den Kopf abgeschnitten. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich in meinem weiblichen Körper wieder sicher gefühlt habe.

Ebba Karlsson, Ex-Model

„Wenn du berühmt werden willst, musst du dich hingeben“
Das frühere schwedische Model Ebba Karlsson (51), das vergangene Woche mit den Ermittlern sprach, schilderte, dass Marie ihr zu Beginn ihrer Karriere Fotos bekannter Models gezeigt habe. „Wenn du berühmt werden willst, musst du dich hingeben“, habe der Agentur-Chef gesagt. „Während er das sagte, schob er seine Hand unter meinen Rock und penetrierte meine Vagina mit seinen Fingern.“ „Ich habe mich gefühlt, als habe mir jemand den Kopf abgeschnitten. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich in meinem weiblichen Körper wieder sicher gefühlt habe.“

Marie weist alle Vorwürfe entschieden zurück, wie seine Anwältin Céline Bekerman betont. Ende vergangenen Jahres hatte sich allerdings auch seine Ex-Frau, Supermodel Linda Evangelista, hinter die mutmaßlichen Opfer sexueller Übergriffe von Marie gestellt.

„Schließt euch uns an!“
In New York hat ihn unterdessen das ehemalige Model Carre Otis verklagt, das zeitweise mit US-Schauspieler Mickey Rourke verheiratet war. Die Schauspielerin wirft Marie vor, sie „unzählige Male“ vergewaltigt zu haben, als sie 17 Jahre alt war. Am Dienstag wurde auch sie von den Ermittlern vernommen. Anschließend trat Otis an der Seite von fünf anderen Ex-Models vor die Presse: „Schließt euch uns an!“, sagte sie sichtlich aufgewühlt an andere möglicher Opfer des Agentur-Chefs gerichtet. „Es ist Zeit, dass dieser Mann für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird.“

Viele der mutmaßlichen Missbrauchsfälle sind nach französischem Recht verjährt. Brinkworth hofft darauf, dass die Frist aufgehoben werden kann, weil sie durch eine Vereinbarung zwischen der BBC und der Elite-Agentur zum Schweigen verpflichtet war. Außerdem hoffen die Models, dass sich möglicherweise ein Opfer melden könnte, in dessen Fall die Vergehen noch nicht verjährt sind.

„Mut haben, das Wort zu ergreifen"
Seit Beginn der Ermittlungen haben sich nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP etwa 15 Frauen öffentlich geäußert oder bei der zuständigen Brigade für Vergehen gegen Minderjährige gemeldet. Die Vorwürfe reichen von sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung. Etwa ebenso viele weitere Frauen zögern offenbar noch, ähnliche Vorwürfe publik zu machen. Karlsson hofft, dass noch andere Opfer „den Mumm, den Mut haben, das Wort zu ergreifen“. „Wir sind jetzt mächtig“, fügt die Schwedin hinzu.

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