24.08.2021 09:45 |

Gefangen im Iran

Mahmoud war in der Hölle

Die Stimme von Mahmoud Royaei ist fest. Man merkt, er hat die Geschichte oft erzählt. Er will sie oft erzählen. Denn die Welt muss erfahren, was in den Gefängnissen des Irans passiert ist. „Ich habe dort viele Freunde verloren“, sagt Mahmoud im Gespräch mit der „Krone“. Schuld daran ist Ebrahim Raisi, neuer Staatspräsident im Iran.

Er war in der Hölle. Und hat manchmal ein schlechtes Gewissen, dass er ihr entkommen ist. Im Jahr 1981, im Alter von 18 Jahren, wird Mahmoud von den Revolutionsgarden verhaftet. Er hatte Flugblätter der Volksmudschaheddin verteilt, der säkularen Oppositionsbewegung gegen das islamische Ajatollah-Regime im Iran. Mahmoud wurde gefoltert.

„Sie fesselten mich an ein Bett und schlugen mich mit Kabeln. Manche dicker, manche dünner. Manche machten blaue Flecken und Blutergüsse. Manche rissen Wunden. Von oben nach unten. Und dann wieder von vorne. Mehrmals täglich.“ Sie rasierten ihm die Haare. Überall. Und zwangen ihn, sie später zu essen. „Damit dir klar ist, dass wir hier nicht im Hotel sind, sagten sie zu mir“, sagt Mahmoud zynisch.

Dort, im Gefängnis, traf Mahmoud 1988 auf jenen Menschen, der nun Präsident des Iran ist: Ebrahim Raisi, als einer der Richter der sogenannten Todeskommissionen. „Er kam rein, er fixierte uns, die wir hier saßen. Und er merkte sich jeden einzelnen von uns. Er machte uns klar, dass er nicht in einem Raum mit uns sein wollte. Er beschimpfte uns, brüllte herum“, erzählt Mahmoud. „Er zeigte keine Gnade. Bei niemandem.“ Die meisten wurden in den Tod geschickt. Mehr als 30.000 Regimegegner wurden beim Massaker von 1988 durch die Todeskommissionen zum Tode verurteilt.

Auch Mahmoud hätte sterben sollen. „Wir wurden also den Richtern vorgeführt. Sie verlasen die Anklagepunkte. Ich wollte mich verteidigen, aber ich wurde angebrüllt, ich solle den Mund halten.“ Am Ende sollte Mahmoud nur eine Frage beantworten: „Gibst du ein TV-Interview, in dem du deine Freunde verrätst?“ Mahmoud antwortete: „Ich habe doch nichts getan.“ Der Richter wiederholte die Frage und sagte: „Entweder TV-Interview oder Exekution.“ Mahmoud überlegte. Aber er wollte seine Freunde nicht verraten: „Ich habe nichts zu sagen.“ Der Richter schmiss ihn hinaus.

Mahmoud hatte mit dem Leben abgeschlossen. Seine Familie nicht. Seine Eltern taten alles, um ihm das Leben zu retten. So blieb Mahmoud der Henker erspart. Nach zehn Jahren kam er frei. Die Eltern hatten ihr Haus verpfändet und mussten 100.000 Dollar Kaution hinterlegen. Falls Mahmoud sich wieder politisch betätige oder das Land verlasse, werde man das Geld einziehen. Ein Mitglied der Familie musste dafür bürgen. „Das war mein Onkel“, sagt Mahmoud heute bitter. „Ich hatte die Wahl. In die Knie zu gehen und mich dem Regime beugen. Dann hätte ich alle meine Freunde verraten, die in dem Massaker von 1988 umgekommen sind.“

Mahmoud floh. Nach Albanien. Seitdem kämpft er für Gerechtigkeit. Als er hörte, dass sein Folterknecht von damals Präsident des Iran werden sollte, „wollte ich, dass die Welt die Schreie der Gefangenen hört. Ich wollte, dass die Welt sieht, was ich in diesen Folterkammern gesehen habe.“

In Raisis Kabinett befinden sich zudem viele Minister, die bei den Revolutionsgarden dienten. Die meisten stehen auf der Sanktionsliste der USA und Europa wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Raisi selbst auch. Dass ihm zahlreiche Staatspräsidenten - darunter auch Österreichs Alexander Van der Bellen - zum Wahlsieg gratulierten, bestürzte Mahmoud: „Viele wussten zunächst vielleicht nicht, dass er für uns das Symbol für Folter und Mord ist.“ Aber als Amnesty International auf Raisis Vergangenheit aufmerksam machte, hätte Mahmoud sich ein Umdenken erwartet. Er, so sagt er, werde niemals schweigen. Die Welt muss von den Verbrechen erfahren. Dafür kämpft er. Dafür hat er überlebt.

Clemens Zavarsky
Clemens Zavarsky
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