"70 Prozent der türkischen Ehen in Graz sind arrangiert. Die Mädchen sind dabei psychischem Druck und auch Gewalt ausgesetzt" - mit dieser Aussage hatte die Caritas-Mitarbeiterin Elif Kahraman schon Ende 2009 die steirische Öffentlichkeit schockiert.
Die 30-jährige Leyla (Name von der Redaktion geändert, Anm.) ist eine Betroffene. Sie kam kurz nach ihrer Geburt als Tochter einer Gastarbeiterfamilie nach Graz. Bei einem Heimaturlaub wurde der damals 27-Jährigen nahegelegt, einen Cousin ihres Schwagers zu heiraten - damit dieser nach Österreich ziehen darf. Sie weigerte sich. Drohungen und Gewalt waren die Folge. Sie erstattete Anzeige. Ruhe kehrte erst nach der Gerichtsverhandlung ein. Die mediale Berichterstattung hatte die Familie offenbar eingeschüchtert.
In Graz sind aktuell 25 derartige Fälle bekannt (die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein). Die Betroffenen werden von der Caritas betreut. 23 Frauen und zwei Männer sind es - die meisten kommen aus Ägypten, dem Irak, aus der Türkei, Afghanistan sowie aus Tschetschenien.
"Hat in Österreich keinen Platz"
Wer sich dagegen wehrt, riskiert sein Leben. "Auflehnung bedeutet den Bruch mit der Familie", erklärte Caritas-Präsident Franz Küberl am Mittwoch. Oft müssen Betroffene in andere Bundesländer ziehen, um der Verfolgung der Verwandten zu entgehen. In Deutschland ist es sogar zu "Ehrenmorden" gekommen. Küberl: "Die Zwangsheirat hat in Österreich keinen Platz - dieses Verhalten gehört in das Museum. Bei uns ist Ehe eine Liebessache."
Man müsse hier deutliche Worte finden, forderte auch der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl: "Der Staat sollte sich gut überlegen, ob Menschen, die ihren eigenen Kindern eine Ehe aufzwingen, künftig noch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten sollen."
von Ernst Grabenwarter, "Steirerkrone"
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