10.07.2021 11:27 |

Musik rettete Leben

KZ-Überlebende Esther Bejarano (96) gestorben

Sie überlebte den Holocaust, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Jetzt ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Sie sei am frühen Morgen friedlich im Israelitischen Krankenhaus eingeschlafen, habe nicht gelitten. Schon am Abend habe sich abgezeichnet, dass es ihre letzten Stunden sein werden. Bejarano engagierte sich über Jahrzehnte gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Helga Obens vom Vorstand des Auschwitz Komitees bestätigte Bejaranos Ableben am Samstag. Sie sei im Israelitischen Krankenhaus von Freunden umgeben gewesen. „Wir sind alle noch ganz konsterniert.“ Jetzt ist die kleine Frau mit dem mutigen Herzen, die sich seit Jahrzehnten gegen das Vergessen und für mehr Toleranz eingesetzt hatte, gestorben.

Bejarano engagierte sich viele Jahre lang gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie oft geehrt wurde. Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang sie jüdische und antifaschistische Lieder, zuletzt tourten sie mit einer Kölner Hip-Hop-Band durch Deutschland.

Eltern ermordet, Zwangsarbeit, danach Deportation nach Auschwitz
Geboren wurde Esther Bejarano am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter eines jüdischen Oberkantors. Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht, sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Dort überlebte sie nur, weil sie sich als Akkordeonspielerin meldete - ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben. „Dann sollte ich den deutschen Schlager ‘Bel Ami‘ spielen und es gelang mir auch. Das war wie ein Wunder“, erinnerte sie sich in ihrer Autobiographie.

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Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein.

Esther Bejarano

„Wir waren nur noch Nummern“
„Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern“, schilderte sie die Schrecken des Alltags im Lager. Am schlimmsten war für sie, dass das Orchester auch spielen musste, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren: „Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein.“ Weil ihre Großmutter Christin war, wird sie ins Frauenstraflager Ravensbrück verlegt und überlebt den anschließenden Todesmarsch. Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel zu ihrer Schwester Tosca aus, kehrte 1960 jedoch mit ihrem Ehemann nach Deutschland zurück.

„Ihre Stimme wird uns fehlen"
Der deutsche Außenminister Heiko Maas würdigte Bejarano am Samstag auf Twitter als „wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“. In seinem Post schrieb er weiter: „Die wundervolle Esther Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen“.

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