01.06.2021 06:50 |

„Die Letzten“

Sogar seidiger als eine Kinderwange

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst hat er die beiden Kürschner Margit Diem und Jürgen Amann besucht.

Die Felle sind ihnen buchstäblich davongeschwommen, als das Kürschnerhandwerk in den 90er-Jahren durch Tierschutzverbände arg in Verruf kam. Jürgen Amann macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ich sehe sofort am Fell, ob es ein Tier gut hatte oder nicht, ob es beim Töten gequält wurde oder nicht. Die Tierschützer waren nicht unser Problem. In meinem Betrieb herrschten zu jeder Zeit allerstrengste Auflagen. Viel mehr geschadet hat uns die Gesinnung, dass ein Pelz günstig sein müsse.

Also haben gewisse Versandhäuser plötzlich Pelze in rauen Mengen und minderer Qualität angeboten." Der kleine, zierliche Mann mit dem schmal rasierten Clark-Gabel-Bart ist eine Legende. Er bediente Kundschaften aus aller Welt. In dem unscheinbaren Laden standen Scheichs aus Arabien, aber auch Enkel, die den Persianer ihrer geliebten Großmutter umarbeiten lassen wollten, zu einem Andenken in Form einer Krabbeldecke oder eines Sofakissens.

Die perfekte Nachfolgerin gefunden
Der Kürschnermeister Jürgen Amman ist Anfang des Jahres in Pension gegangen und hat das Geschäft an seine langjährige Mitarbeiterin Margit Diem übertragen. Die beiden sind von ausgesuchter Gastfreundlichkeit und haben sich viel angetan, mich in das Betriebsgeheimnis einer der ältesten Zünfte blicken zu lassen. Gleich nimmt Frau Diem ein Stück „Rauchware“ zur Hand, so nennt man ein gegerbtes, aber noch nicht zu Pelz verarbeitetes Tierfell. Es ist ein heimischer Rotfuchs.

Jürgen Amann zeigt mir die Technik des „Anbrachens“. Er fasst das Fell an beiden Kanten, beugt den Kopf und beginnt ganz vorsichtig in das Fell zu blasen. Mit Kennerblick sieht er sofort, wo sich Schadstellen befinden, und seien sie noch so klein. „Solche Stellen können durch eine Rauferei entstanden sein, Revierkämpfe. Eine Wunde, die wieder verheilt ist. Dort hat das Fell aber an Güte verloren. Deshalb zeichnen wir die Stelle an und machen sie wieder brauchbar. Daher kommt eigentlich das Wort Anbrachen“, erklärt Amann.

Er nimmt ein Kopierrad zur Hand, perforiert eine lädierte Stelle, wendet das Fell und zeichnet die Umrisse nach. Dieser Fleck wird dann ausgeschnitten, genässt, damit sich das Leder dehnt, und dann wieder vernäht. „Wir Kürschner“, sagt Frau Diem, „arbeiten nicht auf der Haarseite, wie man vermuten könnte, sondern immer auf der Lederseite.“

Eine fordernde und schöne Arbeit
Frau Diem und Herr Amann reden sich richtig in Fahrt. Man spürt die Begeisterung und auch die Liebe, die sie zu ihrem Beruf haben. „Nach dem Anbrachen wird das Haarbild entworfen“, sagt Frau Diem. Ihre Augen blitzen auf. „Das ist eine wunderbare Arbeit.“ Hier gehe es darum, geht Herr Amann dazwischen, den Look eines fertigen Pelzes zu kreieren, den Charakter. Da wird gestückelt und verglichen, werden Schablonen Schnittlinien gezeichnet.

Er nimmt einen schwarzen Persianermantel vom Kleiderbügel. „Man soll ja nicht sehen, wo die Felle angesetzt wurden. Das erreichen wir, indem wir das Fell ’stürzen’, also gewissermaßen auf den Kopf stellen. So kommt die Moiré-Struktur erst ans Licht. Je besser der Kürschner die Felle ’einschneidet’, so der Fachausdruck, desto weniger sieht man die Nahtstellen.“ Und tatsächlich: Erst, als er mir die Nähte zeigt, sehe auch ich sie.


Margit Diem legt den Mercedes unter den Pelzen auf den Arbeitstisch, ein Stück Nerz. Anhand dieses Beispiels erklären mir die beiden, was es mit der Technik des ’Auslassens’ auf sich hat. Da diese Felle so kostbar sind, wird nichts weggeworfen. Sie werden der Länge nach in ca. acht Millimeter breite Streifen geschnitten und dann in einer Art Stufentechnik wieder zusammengenäht. So gelingt es - auf Kosten der Breite - Länge zu erzielen.

„Als Lehrling habe ich täglich nur geschnitten und ausgelassen“, erinnert sich Frau Diem. „Das ist auch immer eine Mordsrechnerei, weil das Material ja so wertvoll ist“, fügt Jürgen Amann hinzu und will mir das anhand einer Tabelle erklären. Ich winke ab. Bei mathematischen Dingen erlahmt sofort mein Interesse, weil ich damit in der Schule auf Kriegsfuß stand. Mehr zufällig als gewollt streiche ich mit den Fingern über den Nerz und staune. »Das fühlt sich ja seidiger an als eine Kinderwange!« Ich muss noch einmal darüberfahren und bekomme Gänsehaut. So etwas Zartes, ja fast Ätherisches, habe ich noch nie wirklich bewusst berührt.

„Nur zu!“
Wie sei beide die eigentliche Kunst des Kürschnerhandwerks beschreiben würden, will ich wissen. „Wenn jemand aus einem Erbe etwas zu uns bringt, wo viele Erinnerungen dranhängen“, antwortet Herr Amann, „und es gelingt uns, dieses Stück zur vollen Zufriedenheit der Nachfahren umzuarbeiten, neu zu fassen, das wäre die höchste Kunst des Kürschners.“ „Deshalb hat gerade das Wort Nachhaltigkeit in unserem Beruf seine tatsächliche Berechtigung“, ergänzt Frau Diem voller Stolz. Ob ich mit der Hand nochmals über den wundersamen Nerz streifen dürfe, frage ich ganz zum Schluss. Beide schmunzeln. „Nur zu!“

 

 

Robert Schneider
Robert Schneider
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