25.05.2021 19:00 |

Anwälte sind gefragt

Vom netten Nachbarn zum störenden Feind

Weil viele Menschen mehr Zeit zu Hause verbringen, haben Konflikte zugenommen. Streit-Themen sind vor allem Lärm und Geruchsbelästigung. Anwälte und Gutachter sind aktuell sehr gefragt.

Die Cello-Musik aus der Wohnung unterhalb, der Zigarettenrauch vom Balkon nebenan, die spielenden Kinder im angrenzenden Garten: Was bis vor Kurzem – wenn überhaupt – registriert und unkommentiert hingenommen wurde, wächst sich plötzlich zum unangenehmen Störgeräusch aus, das einfach nicht mehr ausgeblendet werden kann. Die Corona-Krise und die damit einhergehenden Lockdowns haben zuletzt aus vielen, teils jahrzehntelangen guten Nachbarschaften Feindschaften gemacht, wie Anwälte und Mediatoren bestätigen.

„Ich habe schon früher damit gerechnet“, sagt Natascha Vrabie (Bild unten). „Aber seit heuer kann man eindeutig eine Häufung an nachbarschaftlichen Konflikten beobachten“, berichtet die 36 Jahre alte Juristin im „Krone“-Gespräch.

Für die Grazer Anwältin, die sich auf Wohn- und Liegenschaftsrecht spezialisiert hat, also keine überraschende Entwicklung: „Die Menschen sind jetzt so oft zu Hause wie nie zuvor. Und gehen sich dadurch auch mehr auf die Nerven. Dazu kommt, dass einige Menschen existenzielle Sorgen plagen – sei es wegen Jobverlust oder quälender Einsamkeit.“

Bedingt durch Homeoffice oder Kurzarbeit, wegen dem stornierten Uni-Kurs oder Homeschooling: Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum Erwachsene und der Nachwuchs nun oft rund um die Uhr ihr Eigenheim bewohnen.

Nach dem Nachtdienst kommt der Hammer
Die Gründe für die Streitigkeiten fokussieren sich auf wenige Themenfelder: „Lärm und Gerüche – darüber wird hauptsächlich gestritten. Dass in den letzten Monaten viele den Heimwerker in sich entdeckt haben, sorgt natürlich jetzt verstärkt für Zündstoff. Während der eine für die berufliche Videokonferenz dringend Ruhe benötigt und sich konzentrieren muss, baut der andere schon wochenlang sein Wohnzimmer um. Das kann freilich nur schwer gut gehen“, spricht auch Rechtsanwalt Gunther Ledolter (Bild unten) von der Kanzlei Rath und Partner aus Erfahrung.

Neuer Pool: Des einen Freud, des anderen Leid
Gehäuft kommen nun auch Klagen wegen des neuen Pools des Nachbarn: „Durch die Betonierungsarbeiten geht zum Beispiel Fläche verloren oder ein Abhang entsteht. Und plötzlich wird bei einem Unwetter das Regenwasser zum Nachbargrundstück abgeleitet“, berichtet Ledolter.

Worüber lässt sich, bedingt durch ein klares Regelwerk, gar nicht gut streiten? „Entgegen einer weit verbreiteten Meinung gibt es keine gesetzlich festgelegte Ruhezeit im Sinne einer absoluten Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr“, weiß Vrabie. Demnach müsse auch in diesem Zeitraum im Einzelfall geprüft werden, ob eine sogenannte „ungebührliche Lärmerregung“ vorliegt.

Zitat Icon

Es gibt beinahe nichts, worüber nicht gestritten wird. Kürzlich hatte ich einen Fall, wo eine Streitpartei dem Nachbarn das Verwenden von akustischen Maulwurfsfallen untersagen wollte. Das Surren hat ihn gestört.

Gunther Ledolter, Rechtsanwalt

Streitschlichtung als Ding der Unmöglichkeit
Auch wenn sich Mediatoren und Rechtsexperten oft mit großer Anstrengung bemühen, zwischen den einst befreundeten und jetzt verfeindeten Nachbarn wieder eine Gesprächsbasis herzustellen – zu einer außergerichtlichen Einigung kommt es in den seltensten Fällen. „Die Nerven liegen meist schon derart blank, da geht dann gar nichts mehr ohne Richter“, sagt Vrabie. „Leider“, wie sie betont: „Die Toleranzgrenze ist bei vielen durch Corona noch weiter gesunken. Zudem verlernen immer mehr Menschen, ganz normal miteinander zu reden – dadurch könnte man sich sicherlich viel Geld und Nerven sparen.“

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