01.05.2021 10:25 |

„Die Letzten“

Die weise Frau aus Buchboden und ihre „alte Mühle“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk oder einer alten Kulturtechnik nachgehen. Jüngst hat er die Kräuterfrau Susanne Türtscher besucht:

Wann war ich das letzte Mal in Buchboden, im Talschluss des Großen Walsertals? Ich erinnere mich. Als Kind. Mein Vater wollte dort eine Kuh kaufen. Die Reise erschien mir damals wie eine Ewigkeit. Ob er die Kuh gekauft hat, weiß ich nicht mehr.

Die Töchter der Räucher- und Kräuterfrau
Heute, nach so vielen Jahren, fahre ich wieder nach Buchboden, das im Mittelalter angeblich noch Geiersboden hieß, wegen der Bären, Luchse und Geier. Der Himmel ist blau mit wie Schneeschaum aufgequollenen Wolken drauf. Über dem Walserkamm tummeln sich bunte Gleitschirme, die wie Teebeutel unter den Wolken hängen. Die Fahrt erscheint mir immer noch lang. Ich parke neben dem Kirchlein, das so unproportioniert ist mit dem wuchtigen Turm, dem zu kurzen Lang- und zu breiten Querschiff. Ich begegne zwei jungen Frauen, die gerade „am Züna“ sind, also Litzen spannen, um die Kühe auf die „Bündt“ zu treiben. Es stellt sich heraus, dass es zwei der fünf Töchter von Susanne Türtscher sind, der über die Grenzen hinaus bekannten Räucher- und Kräuterfrau, die ich besuchen möchte. „As sind o Lüt, d’Walser“, scherze ich etwas provokativ mit den Töchtern, die sich vermutlich denken: Welcher Wahnsinnige kommt denn da ins Dorf?

Kindliche Offenheit
Die Haustür der Türtschers steht offen, wie das früher überall Sitte war. Dennoch klopfe ich an. Vor dem Haus ergießt sich ein Gärtlein mit zig Töpfen und Töpfchen. Die Primeln haben gerade zu blühen begonnen. Auf 900 Metern lässt sich die Natur noch Zeit. Eine Frau mit schulterlangem, grauem Haar, behutsamen Bewegungen, die ihr Älterwerden würdevoll herzeigt, tritt unter den Türsturz. Im Augenblick spüre ich eine geradezu kindliche Offenheit. Nichts Abwartendes, kein Misstrauen, kein Taxieren. 

Der Liebe wegen ins Großwalsertal
Susanne Türtscher ist „Visionssucheleiterin“ und Kräuterpädagogin, die Ritualarbeit bei Franz Redl und Claudia Pichel in Wien gelernt hat. Aber sie stammt nicht aus Buchboden, sondern aus Lustenau. Die Liebe hat sie in den hintersten Flecken des Großen Walsertals verschlagen. Dort ist sie geblieben. Ursprünglich war sie Floristin. „Es hat mir weh getan, wenn die Leute achtlos an meinen Arrangements vorbeigegangen sind“, erzählt sie später im Gespräch. „Wie kann man einen Brautstrauß einfach so über den Rücken werfen? Auch die Schnittblumen, die aus den Gefrierhäusern aller Herren Länder kommen, taten mir leid.“

Die Kraft der Kräuter
Sie macht mir eine Tasse Kaffee, muss dazu in den Keller gehen, weil sie die Kaffeemaschine „aus ästhetischen Gründen“ dort untergebracht hat. Ich entschuldige mich, dass ich in Sachen Kräuter- und Räucherkunde ein Greenhorn bin. Das scheint sie überhaupt nicht zu irritieren. Sie ruht, so mein Eindruck, ganz bei sich und ist doch sehr dünnhäutig und empfänglich für die „Vibes“ des Gegenüber. Mich interessiert das Phänomen, das hinter der Neubesinnung auf die Kraft der Kräuter steckt. Dieser „Run“ darauf. Mich interessiert das Wort Sehnsucht.

Alleine im Krankenhaus
Ich frage biografisch, ganz direkt. Susanne Türtscher gibt mir in einer Freiheit und Offenheit Auskunft, wie ich das noch selten erlebt habe, erzählt von einer schweren Scharlacherkrankung, wie sie als Kind mausallein im Krankenhaus lag, zurückkehrte und merkte, dass die Kindheit zu Ende war. Etwas war zerbrochen. Sie sagt Sätze wie „Man kann sich nicht entkommen, so sehr man es auch möchte“ oder „Der Partner ist nicht dazu da, mich zu erlösen“.

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Dann könnte ich heute nicht das tun, was ich so gern tue, zum Beispiel endlos Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen, zuschauen, wie sie anfangen, ihr Leben zu gestalten.

Türtscher auf die Frage, ob sie nicht reich hätte werden wollen

Altes Wissen über Jahrzehnte erarbeitet
Über Jahrzehnte hat sie sich auf vielen Wegen und Irrwegen das alte Wissen über die Kräuterheilkunde erarbeitet. Sie ist darin zu einer hohen Autorität geworden. „Wollten Sie nicht reich werden mit Ihren Tinkturen?“, frage ich provokativ. „Dann hätte ich mich ganz anders organisieren müssen, und ich könnte heute nicht das tun, was ich so gern tue, zum Beispiel endlos Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen, zuschauen, wie sie anfangen, ihr Leben zu gestalten.“

In der „alten Mühe“
Wir machen gemeinsam eine kleine Wanderung. Susanne Türtscher zeigt mir die „alte Mühle“, ein ehemaliger Hof, auf dem „zwoa Altledige“, Bruder und Schwester gelebt haben. Dort offenbart sich ihre ganze Welt, ihr Kosmos. Mit unendlicher Hingabe hat sie das leerstehende Haus wiederbelebt, Seminarräume mit der Möglichkeit zu nächtigen geschaffen. Das Haus ist voller Bilder und Gegenstände, die sie im Lauf der Jahre zusammengetragen hat. Glaskugeln, eine Jakobsleiter aus Ästen, eine Wurzel, die wie eine Bärentatze aussieht. Schlüssel für unsere verschlossenen Seelen. Unten an der Lutz, neben einem „magischen Wäldchen“, ist ein Rund entstanden, der Rückzug und Geborgenheit schenkt.

Die Zeit bleibt stehen
Wir sitzen auf einem sonnenbeschienenen Findling und blicken talauswärts. Reden über Märchen, über „weise Frauen“ und Missverständnisse, die eine mutige Reise zu sich selbst im Gegenüber hervorrufen kann. Eine rote Katze streicht schnurrend um meine Beine. Sie ist seit der Covid-Zeit nunmehr die einzige Bewohnerin der „alten Mühle“.
Die Zeit bleibt irgendwie stehen. Erst am Abend, als ich wieder daheim bin, merke ich, dass ich mir einen heftigen Sonnenbrand eingefangen habe. Meine Nase glüht.

Robert Schneider
Robert Schneider
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