29.04.2021 06:00 |

Sozialbetrug-Taskforce

„Corona-Krise feuert kriminelle Energie an“

Als Hypo-Chef-Ermittler sorgte Bernhard Gaber vom Bundeskriminalamt einst für Schlagzeilen - seit 2018 jagt er als Leiter der eigens installierten Taskforce nun dreiste Sozialleistungsbetrüger. Und hat dabei alle Hände voll zu tun, wie der Top-Fahnder im Gespräch mit der „Krone“ berichtet.

„Krone“: Herr Gaber, 2020 wurde der Staat um 20,1 Millionen Euro an Sozialleistungen betrogen. Die Summe hat sich zum Jahr davor fast verdoppelt! Wieso?
Bernhard Gaber: Das liegt zum einen daran, dass wir deutlich mehr Kontrollen durchführen. Wir sind durch die 2018 im Bundeskriminalamt gegründete Taskforce und den Kooperationen mit Auszahlungsstellen mittlerweile gut aufgestellt. Zum anderen sind die Zahlen aber auch der Pandemie geschuldet.

Inwiefern?
Die Krise stellt viele vor finanzielle Probleme – das feuert kriminelle Energie an. Sieht man keinen Ausweg mehr, macht man eher Dinge, die man im Normalfall nie tun würde. Es gibt auch Betroffene, die sich in der Pandemie an das weniger oder gar nicht mehr arbeiten gewöhnen und lieber weiter das Sozialsystem ausnutzen.

Sie und Ihr Team haben im vergangenen Jahr 50 verschiedene Betrugsformen aufgedeckt. Was sind denn die „Lieblings-Maschen“?
In vielen Fällen ging es um Erschleichung von Mindestsicherung bzw. Grundversorgung. Flüchtlinge werden oft gezielt beraten, wie sie zu Geld kommen – auch auf illegalem Weg. Ein speziell in Wien auftretendes und im großen Ausmaß geplantes Phänomen ist zum Beispiel der Medizin-Tourismus. Derzeit sitzen fünf Täter einer Bande in Haft, die über diverse Firmenkonstrukte Leute als Mitarbeiter getarnt für einige Monate nach Österreich geholt haben. Um dann auf Kosten der Krankenkasse Operationen oder Zahn-Sanierungen durchführen zu lassen. Dann reisen sie wieder zurück in die Heimat. Die Ermittlungen in diesem Fall laufen zwar noch – aber aktuell stehen wir allein in dieser Causa bei einem entstandenen Gesamtschaden von etwa 2,5 Millionen Euro. Immer wieder stoßen wir aber auch auf Betrüger, die zwar in Österreich gemeldet sind und hier Sozialleistungen kassieren, parallel aber in deren Heimat sogar ihr eigenes Unternehmen leiten.

Setzt sich der Trend zum Sozialbetrug auch heuer fort?
Laut der ersten vier Monate und den tagesaktuellen Fallzahlen setzt sich dieser Trend grundsätzlich fort, ja. Es wird wohl mit einem weiteren Anstieg der Schadenssumme zu rechnen sein. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir in diesem Jahr - neben vieler weiterer Maßnahmen - die Ermittlungsarbeit auch auf die Bezirksebenen ausweiten.

Klaus Loibnegger
Klaus Loibnegger
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