„Das Dahinter wissen“

Antonia Keßelring: Ihre Klienten sind Verzweifelte

Antonia Keßelring hat Theologie studiert, betreute lange in Spitälern Schwerstkranke - und Sterbende. Jetzt ist sie Leiterin der Telefonseelsorge. Die Konfrontation mit grauenhaften Schicksalen gehört also zu ihrem Alltag. Und trotzdem wirkt sie glücklich.

Sie könnte auch Entwicklungshelferin sein. Oder Psychologin. Oder Sozialarbeiterin. Denn Antonia Keßelring vermittelt - Geborgenheit; in ihrer merkbaren Empathie und ihrem glaubhaften Interesse für Lebensgeschichten.

Ihre Klienten sind Verzweifelte
Anderen zuzuhören, ihnen bei der Bewältigung von Problemen zu helfen, „das ist mein Beruf“, sagt die 53-Jährige, „und ich übe ihn sehr gerne aus.“

Trotz der damit verbundenen Traurigkeit. Denn die Klienten der Telefonseelsorge-Leiterin sind - natürlich - Menschen in Notsituationen. Männer, Frauen unterschiedlichen Alters, „die verzweifelt sind“. Weil sie von ihren Partnern verlassen wurden, weil sie sich einsam fühlen, weil sie ihre Jobs verloren haben, weil sie in Beziehungen Gewalt erfahren, weil sie an schweren Krankheiten leiden, weil geliebte Angehörige gestorben sind. Weil sie denken, sie seien an einem Tiefpunkt angelangt.

Die ständige Konfrontation mit tragischen Schicksalen - wie schafft es Antonia Keßelring, damit umzugehen? „Indem ich bei allem Mitleid versuche, Distanz zu bewahren. Und indem ich mich darauf besinne, dass es ein Dahinter gibt.“

Antonia Keßelring an ihrem Arbeitsplatz, in ihrem Büro in der Erzdiözese Wien. Die Zahl der Menschen, die sie bereits beraten hat? „Ich weiß nur, es waren viele.“

„Ich suchte nach Beständigkeit“
Ein „Dahinter“, ein „Darüber“, „wir könnten viele Begriffe für das, was ich meine, verwenden.“ Für etwas, das nicht greifbar, sondern nur spürbar sein kann. Der Glaube an Gott. „Ich selbst bin mir sicher, dass er existiert. Irgendwo, irgendwie.“ Eine Überzeugung, die schon lange in ihr ist, „eigentlich von Jugend an“, als sie begann, nach dem, was wir Beständigkeit nennen, zu suchen. In der Unbeständigkeit, von der ihr Dasein von klein an geprägt gewesen ist.

„Ich bin Deutsche, wurde in Frankfurt geboren, aber dort war ich nur ein paar Wochen.“ Der Vater, ein hoher Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, hatte nämlich ständig Auslandseinsätze. Hongkong, Tokio, Paris - lediglich einige von vielen Stationen der Familie, „wir blieben immer bloß zwei, drei Jahre an einem Ort“.

Durch meinen Beruf weiß ich: Es gibt fürchterliche Schicksale. Umso mehr kann ich schätzen, dass es mir gut geht.

Antonia Keßelrig über ihren Beruf - und ihr Privatleben

Sie und ihre beiden Brüder waren damit stets „Fremde in der Fremde“: „Und wenn es mir doch gelang, Freundschaften zu knüpfen, wurden sie rasch wegen eines weiteren Umzugs zerrissen.“ Die Sehnsucht nach einem fixen Zuhause und danach, einen übergeordneten Sinn für „das Ganze“ zu finden, „wurde daher laufend stärker in mir“. Nach dem Abitur - in ihrer Heimat - studierte Antonia Keßelring zunächst Jus, „aber nur kurz, und ziemlich schnell sattelte ich auf Theologie um“.

Wodurch sie nach Wien kam, und in der Folge zur Telefonseelsorge, „wo ich achteinhalb Jahre ehrenamtlich arbeitete“.

Fakten

Daten & Fakten
Die Telefonseelsorge wurde vor 54 Jahren gegründet. Um Menschen rund um die Uhr in Notsituationen zu beraten. Kostenlos und anonym, unter Tel. 142. Und mittlerweile auch per Chat (www.telefonseelsorge.at). Zwei Drittel der Hilfesuchenden sind Frauen, ein Drittel Männer; genauso das Verhältnis der - zum Großteil ehrenamtlichen - Mitarbeiter/innen. Spendenkonto: Verein der Freunde der Telefonseelsorge; BAWAG: AT61 6000 0000 0761 4523

Bis sie eine feste Stelle annahm, als Spitalseelsorgerin. Die Konfrontation mit - oft unfassbarem - Leid; mit Schwerstkranken, mit dem Tod, „ich betreute auch Patienten in einem Hospiz“, gehörte demnach zu ihrem Alltag. Zwei Jahrzehnte hindurch. „Die dauernde Auseinandersetzung mit Sterbenden ist mir selbstverständlich sehr nahe gegangen. Schließlich so nahe, dass ich beschloss, umzusatteln.“

Und als ihre jetzige Position wegen der Pensionierung ihrer Vorgängerin frei wurde, „bewarb ich mich darum. Und ich bekam sie.“ Eine „glückliche Fügung“, die ihr geschehen sei; wie damals, vor zwölf Jahren, nachdem sie sich bei einer Partnerbörse registriert und „der erste und einzige Kontakt, den ich dort hatte“, ihr Ehemann wurde. Sein Beruf? „Biochemiker.“

Spricht sie mit ihm über die Erlebnisse in ihrem Job? „Nein. Ihn damit zu belasten, fände ich nicht gut.“

„Ich baue Stress beim Stricken und Weben ab“
Wo, bei wem redet sie sich aus? „Bei Supervisionen. Und außerdem habe ich einen weiteren Weg gefunden, Stress abzubauen. Ich stricke, webe und spinne leidenschaftlich gerne; ich liebe es, unseren Garten zu pflegen. Und mich dabei ausschließlich auf diese Tätigkeiten zu konzentrieren.“ Der krasse Gegensatz zu ihrer Arbeit ist für sie „eben erholsam“.

Was war Antonia Keßelrings bisher schlimmste Situation als Telefonseelsorgerin? „Das Gespräch mit einer jungen Mutter, die nach der Trennung von ihrem Partner sich und ihr Kind töten wollte.“

Besonders belastend war das Gespräch mit einer jungen Mutter, die sich und ihr Kind töten wollte.

Die Telefonseelsorgerin über ihren bisher schlimmsten Anruf

Wie mit solch einer Ankündigung umgehen? „Ich habe versucht, die Frau zu beruhigen, sie dazu zu bringen, ihre Wurzeln zu finden. Und nach und nach merkte ich, dass sie immer mehr dazu bereit war, sich selbst wieder zu spüren. Die Liebe zu ihrem Kind, zu sich selbst. Zu ihrem Leben.“

Martina Prewein