07.02.2021 12:47 |

Im „Krone“-Gespräch

Generation Putin: Liebe für Land, Furcht vor ihm

Sie wurden geboren, als Wladimir Putin in Russland an die Macht kam. Nun erzählen zwei junge Erwachsene der „Krone“ vom Leben in einem Land, das sie lieben. Mit einem Herrscher, den sie fürchten.

Sie wurden geboren – er war da. Sie gingen zur Schule – er war da. Sie machten ihren Abschluss – er war da. Seit 21 Jahren ist Wladimir Putin in Russland an der Macht. Stepan und Anastasia aus Moskau sind 21 Jahre alt. Sie stehen exemplarisch für die „Generation Putin“. Im Gespräch mit der „Krone“ sind sie offenherzig. Fotos wollen sie keine machen. Nicht aus Angst. Eher eine Art Unsicherheit. Russland sei „immerhin keine Demokratie“, sagt Stepan.

Und Anastasia glaubt ohnehin, dass „es nirgends eine Demokratie in der realen Welt gibt“. Politikverdrossenheit, gepaart mit Hoffnungslosigkeit. Anastasia, die einen Abschluss von der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften hat, geht immerhin noch zu den Wahlen. Sie wolle ja ihre Meinung ausdrücken. Stepan nicht: „Es hat keinen Sinn, zu ohnehin manipulierten Wahlen zu gehen.“

Die Jugend sehnt sich nach Freiheit
Wladimir Putin folgte am 31. Dezember 1999 Boris Jelzin als Präsident Russlands nach. Zunächst kommissarisch, seit 26. März 2000 auch gewählt. Verfassungsgemäß endete seine erste Amtszeit 2008, sein „Ziehsohn“ Dmitri Medwedew wurde Präsident, Putin zog aber als Ministerpräsident im Hintergrund weiter die Fäden. Mehrere demokratisch fragwürdige Verfassungsänderungen ermöglichten Putin ab 2012 weitere Amtszeiten, diesmal mit sechs statt vier Jahren. Putin bleibt im Regelfall bis 2036 Präsident Russlands.

Der Musik-Student Stepan sagt: „Putin ist ein Monarch. Niemand sollte so lange an der Macht sein.“ Er ergänzt: „Das politische System in Russland war nie demokratisch. Aber erst unter Putin wurde es richtig anti-demokratisch. Für die Regierung ist das russische Volk der Feind. Schaut euch doch nur an, wie die Opposition niedergeprügelt wird. Sieht so Demokratie aus?“

Stepan ist kein großer Fan von Kremlkritiker Alexej Nawalny, der kürzlich in einem Schauprozess zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt worden ist. „Aber eine Opposition muss existieren, man muss die Wahl haben. Was Putin gemacht hat, ist kriminell.“ Auch Anastasia will die freie politische Entscheidung. „Ich muss zumindest die Möglichkeit zur Wahl haben. Und ich möchte zu Versammlungen gehen, ohne dass ich Angst vor der Polizei haben muss.“

Hoffnungslosigkeit und keine Perspektiven
2016 gründete Putin die „russische Nationalgarde“ und überraschte damit die Welt. Ein Teil davon ist die Spezialeinheit „Omon“. Sie gilt als innenpolitisches Machtinstrumente der russischen Regierung. Putin setzte sie in jüngster Vergangenheit auch bei Demonstrationen ein. Ihre Brutalität ist gefürchtet: „Opfer von willkürlicher Polizeigewalt zu werden ist meine größte Angst“, sagt Stepan.

Obwohl beide etwa freien Zugang zur Bildung haben, fühlen sie sich nicht frei: „Es gibt keine Entscheidungsfreiheit, es gibt keine freie Rede unter Putin. Den Medien glaube ich prinzipiell nichts“, sagt Stepan. Lange glaubten beide, die Politik würde ihr Leben nicht beeinflussen. „Aber irgendwann holt es dich ein.“

Viele Junge sehen keine Zukunft in Russland. Bis zu 240.000 ausgebildete Russinnen und Russen verließen allein in den letzten sechs Jahren Russland. In Städten wie Moskau gibt es noch vereinzelt Perspektiven.

„Die Welt muss verstehen: Es gibt Russen. Und es gibt Putin“
Stepan und Anastasia lieben ihr Land und bezeichnen sich als Patrioten. „Dank Putin ist das Wort ein Fluch“, sagt Stepan. Weil Liebe zum Land mit Liebe zur Regierung gleichgesetzt wird. „Die Welt muss verstehen: Es gibt Russen. Und es gibt Putin. Er regiert durch Einschüchterung und durch ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er schuf ein totalitäres Regime und seine persönliche Armee für den Krieg mit den Bürgern Russlands.“

Die Hoffnungslosigkeit spiegelt sich auch in den Antworten auf die Frage wider, wie Russland ohne Putin aussehen würde. Er hat Russland geprägt. Anastasia meint resignierend: „Wenn er es nicht ist, dann ein anderer, der so ist wie er. Dieselbe Person, anderer Name.“ „Ohne Blutvergießen wird Putin nicht abtreten“, malt Stepan ein düsteres Bild der Zukunft. „Bald werden Schüsse fallen. Und Putin wird zuerst schießen.“

Clemens Zavarsky, Kronen Zeitung

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