Die steirischen Frauenhäuser sind zu 90 Prozent ausgelastet - trotzdem wird sicher niemand abgewiesen. Drei von Gewalt betroffene Frauen erzählen, wie sie ihre Flucht inmitten der Pandemie erlebt haben.
Sie ist 28 Jahre alt, Mutter eines dreieinhalbjährigen Sohnes und einer zweijährigen Tochter. Als Frau F. und ihr Mann eine Familie gründen, ist alles gut. Doch dann geht es bergab. „Die Beziehung hat einfach nicht mehr funktioniert, es gab täglich Streit. Wir haben einfach unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft und Familie“, sagt Frau F.
Sie ringt sich durch und reicht die Scheidung ein. Doch dann kommt die Pandemie, das Verfahren verzögert sich. „Wegen des Lockdowns mussten wir viel Zeit gemeinsam verbringen. Und dann verlor mein Mann auch noch seinen Job.“ Von da an wurde er immer aggressiver, warf mit Kinderspielzeug und schrie. „Vor etwa einem Monat hat er seinen Bruder verprügelt. Dann kam er nach Hause, hat mich vor den Kindern beschimpft und am Hals gepackt. Da wusste ich: Ich muss hier weg.“
Mehr Betroffene trauen sich, Hilfe zu holen
Frau F. fand Zuflucht im Grazer Frauenhaus - so wie viele andere von Gewalt betroffene Frauen und Kinder auch. Die Einrichtungen in Graz und Kapfenberg sind in den letzten Wochen zu etwa 90 Prozent ausgelastet gewesen, kürzlich hat das Land die Plätze aufgestockt. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass es mehr Gewalt gibt, sondern auch, dass mehr Betroffene den Schritt wagen, sich Hilfe zu suchen. Laut Daten des Gewaltschutzzentrums sind die Betretungsverbote zur Zeit wieder am steigen.
Man hat sich ein gemeinsames Leben aufgebaut und geschaffen. Es fällt extrem schwer, das aufzugeben. Da belügen sich manche auch selbst.
Michaela Gosch, Geschäftsführerin der steirischen Frauenhäuser
Flucht vor Gewalt nach 38 Ehejahren
Wie lange es manchmal dauern kann, bis man sich die nötige Hilfe sucht, zeigt der Fall von Frau K. Sie und ihr Mann sind seit 38 Jahren verheiratet und wohnen in einem kleinen obersteirischen Ort. In der Pension beginnt ihr Mann zu trinken - aus einer harmonischen Ehe wird eine Gewaltbeziehung. „Er hat mich geschlagen, an den Haaren gerissen und mir gedroht, mich zu verbrennen“, schildert sie die schreckliche Zeit. Frau K. vertraut sich ihrem Hausarzt an. Der glaubt ihr und unterstützt sie, gemeinsam alarmieren sie die Polizei, die eine Wegweisung ausspricht. „Aber ich hatte trotzdem noch immer Angst“, erzählt sie. Nun lebt sie im Frauenhaus, bis sie eine Lösung findet.
In Gewaltbeziehungen gibt es viele Abhängigkeiten und Ängste. Finanzielle Unabhängigkeit von jeder Person ist die Basis für Gewaltlosigkeit.
Michaela Gosch, Geschäftsführerin der steirischen Frauenhäuser
Ex-Mann drohte, sich umzubringen
Aus der Kontrolle ihres Ex-Mannes hat sich Frau H. befreit. Eigentlich lebt sie mit den drei Kindern (acht, zehn und zwölf Jahre) seit zwei Jahren von ihrem Mann getrennt. „Wir hatten aber nach wie vor Kontakt und haben mit den Kindern gemeinsam Dinge unternommen“, erzählt Frau H.
Doch dann kommt Corona. Die Grazerin verliert ihren Job in der Gastro, das Auto geht kaputt, ihre Mutter verstirbt plötzlich. „Es war finanziell sehr eng, da hat mein Mann angeboten, dass wir bei ihm wohnen können.“ Zu fünft lebt die Familie auf 48 Quadratmetern. Dann verliert auch noch der Mann seinen Job. Es wird eng. Homeschooling belastet. „Er wurde von Tag zu Tag gereizter. Er hat begonnen mich zu kontrollieren und drohte mir, sich umzubringen, wenn ich ihn verlasse.“ Vergangene Woche eskaliert die Situation. Vor der Wohnung ohrfeigt ihr Mann Frau H. Nachbarn holen Hilfe. Sie und ihre Kinder flüchten ins Frauenhaus. Wie es weitergehen soll, ist ungewiss...
Hier finden Sie Hilfe
Polizei-Notruf: 133. Notruf der Frauenhäuser Steiermark: 0316 42 99 00. Auch ein WhatsApp-Chat mit dieser Nummer ist möglich. Das Gewaltschutzzentrum Steiermark ist unter 0316 77 41 99 erreichbar (Montag bis Donnerstag 8-16 Uhr; Freitag 8-13 Uhr; in dringenden Fällen bis 22 Uhr). Männer finden Krisen-Beratung beim Männernotruf: 0800 246 247.
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