09.12.2020 08:00 |

Kritik-Überblick

Ein Massentest, der viele Fragen aufwirft

Tirols erster Massentest ist - wie berichtet - abgeschlossen. Nur 32% der Bevölkerung nahmen daran teil, 620 „positiv Getestete“ wurden herausgefischt. Vor allem die geringe Beteiligung wirft viele Fragen auf und lässt Spekulationen zu. Die „Krone“ fasst zusammen.

Der Termin des Massentests wurde vorverlegt. Eine gute Entscheidung?
„Tirol testet die Bevölkerung als eines der ersten Bundesländer“ - das verkündete das Land Tirol voller Stolz. Kein Geheimnis ist jedoch, dass dieser Schritt viel Stress und Hektik herbeigeführt hat. „Alles musste in letzter Minute organisiert werden. Sämtliche Mitarbeiter haben schier Tag und Nacht durchgearbeitet“, schildert der „Krone“ ein Insider. Vor allem den Gemeinden wurde daraufhin enorm viel zugemutet.

Hinzu kam, dass die vom Bund dem Land Tirol zur Verfügung gestellte Software nicht funktionierte. „Als sich die Gemeinden nach der Reihe eingeloggt haben, brach das System zusammen“, erklärte Projektleiter Elmar Rizzoli. Doch hat man nicht Tage zuvor zumindest einen Testlauf mit allen Gemeinden durchgeführt, um zu eruieren, ob die Software ausreichend ist? „Nein, denn dafür fehlte die Zeit“, sagt der Insider.

Warum haben 70% der Tiroler Bevölkerung das Angebot des kostenlosen Coronatests nicht angenommen?
Am Montag nach dem Massentest haben Handel und Schulen wieder ihre Pforten geöffnet. Nicht abwegig ist, dass viele Eltern oder Angestellte das Risiko einer Quarantäne im Fall einer positiven Testung beim Massentest schlichtweg nicht eingehen wollten und sich aus diesem Grund nicht testen haben lassen. Damit sind wir wieder bei der Frage: War es die richtige Entscheidung, den Termin vorzuverlegen?

Warum wurde im Vorfeld betont, dass nur Personen, die sich gesund fühlen, am Massentest teilnehmen dürfen?
So blieben alle Menschen mit Halskratzen oder Schnupfen daheim und wurden nicht getestet. Immerhin war die Rede von einem Massentest – und da geht es ja primär um die Masse.

Sind die angewandten Schnelltests ein probates Mittel für einen Massentest?
Laut Experten filtern die Schnelltests nicht zu 100% das Ergebnis heraus. Sie haben eine Fehlerquote von 30 Prozent. Dass von den 620 positiv Getesteten schlussendlich „nur“ 400 Personen tatsächlich positiv waren, wie die Auswertung der PCR-Tests nun auflistet, gibt den Skeptikern Recht.

Warum hat man nicht gleich auf PCR-Tests gesetzt, die viel aussagekräftiger sein dürften?
Hier dürften die Finanzen eine entscheidende Rolle gespielt haben. Doch in Zeiten wie diesen, wo sogar der Kanzler den Sager „Koste es, was es wolle“ prägte, hätte man diese Investition vielleicht auch noch stemmen können.

Sind Personen, die am Coronavirus erkrankt, aber symptomfrei sind, in der Tat infektiös und somit eine Gefahr für andere?
Auch hier scheiden sich die Geister. Die AGES betont dazu: „Mittlerweile geht man davon aus, dass rund 20 Prozent der Infizierten in diese Gruppe fallen. Für eine Weiterverbreitung der Infektion spielen asymptomatisch Infizierte aber eine untergeordnete Rolle. Zu unterscheiden davon sind sogenannte präsymptomatisch Infizierte: Sie sind bereits ein bis zwei Tage vor Auftreten von Symptomen kontagiös (= ansteckend).“ Worin ist dann die Sinnhaftigkeit dieser Massentests gegeben?

Wurden die Schnelltests in Tirol gekauft?
„Nein, nicht alle, obwohl man diese auch problemlos in Tirol hätte kaufen können“, schildert ein „Krone“-Informant. Kritik kam diesbezüglich bereits von der Wirtschaftskammer Tirol. Der Sprecher des Tiroler Medizinproduktehandels, Oswald Gritsch, sprach von einem „bitteren Beigeschmack“, den die Beschaffungspraxis des Landes in Zusammenhang mit den Antigentests hinterlasse.

„Aus den Medien mussten wir erfahren, dass das Land Tirol die rund 600.000 Antigentests über die Bundesbeschaffung GmbH erworben hat, leider ohne den Tiroler Medizinproduktehandel mit einzubeziehen“, betont er.

Bei einer Beteiligung von lediglich 32 Prozent ist anzunehmen, dass eine große Stückzahl an Schnelltests übrig geblieben ist. Was passiert mit diesen Tests?
Da bereits ein zweiter Massentest in Tirol Anfang Jänner (evtl. 8. bis 10.1.) im Raum steht, werden die übrigen Tests wohl dafür vorgesehen sein.

Was, wenn auch beim zweiten Anlauf die Beteiligung so gering ausfällt und neuerlich etliche Tests übrig bleiben?
Möglich, dass dann ein dritter Massentest die Folge ist und das „Spiel“ so lange wiederholt wird, bis diese aufgebraucht sind. Im schlimmsten Fall von den stets gleichen Testpersonen.

Zurück zum zweiten Massentest: Wie sieht hierfür das Konzept aus? Wird dieser wieder über die Gemeinden abgewickelt? Oder über die Bezirkshauptmannschaften? Oder Screening Straßen? Wie will man die Beteiligung erhöhen?
Darauf fehlen im Moment noch die Antworten.

Was bedeutet das Ergebnis des ersten Massentests nun für die Zukunft?
Zweifellos ist es vorteilhaft, dass letztlich 400 „Blindgänger“ herausgefischt werden konnten. Doch in Prozent umgerechnet sind das nicht einmal 0,2 Prozent. Letztlich doch ein eher geringer Wert, der die Frage aufwirft: Rechtfertigt all das den riesigen (finanziellen) Aufwand?

Wie geht es nun weiter?
Die Zahl der Zweifler, dass all die strengen Maßnahmen weiter sein müssen, steigt. Es wird für die Bundes- und Landesregierung in der Tat kontinuierlich schwieriger, der Bevölkerung glaubhaft zu vermitteln, warum sie weiterhin diszipliniert handeln und auf vieles verzichten muss. Etwa aufs Skifahren bis zum 24. Dezember.

Satte 70% ließen sich nicht testen, was bedeutet das?
Denkbar ist, dass die Regierung diesen Massentest doch nicht als Richtwert für nächste Schritte ansieht. Dass die Beteiligung derart niedrig war, dafür kann die Tiroler Bevölkerung nicht verantwortlich gemacht werden. 

Also wie nun den Tirolerinnen und Tirolern schlüssig erklären, dass sie auch weiterhin diszipliniert agieren sollen? Anhand der Infektions- bzw. der Hospitalisierungszahlen? Das klingt zwar plausibel, doch bisher wurde nicht kommuniziert, wie diese Zahlen aussehen müssen, damit wieder Normalität einkehren kann.

Jasmin Steiner
Jasmin Steiner
Claus Meinert
Claus Meinert
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