28.11.2020 09:00 |

Vinyl wieder im Trend

Die totgesagten Scheiben drehen sich noch länger

Es ist das Comeback einer Diva, die gepflegt und gehegt werden will. Mit dem Retro-Hype in der Musik hat die Vinyl-Scheibe heuer die CD überholt. Die einzige Schallplatten-Produktion Österreichs findet sich in Fehring - und auch internationale Stars setzen auf Austrovinyl!

Am heimischen Musikmarkt wurden im letzten Jahr sieben Millionen Euro mit Schallplatten umgesetzt. „Der Marktanteil liegt bereits bei acht Prozent“, rechnet Thomas Böhm vom Verband österreichischer Musikwirtschaft vor. „Selbst heuer gingen im schwierigen ersten Halbjahr 150.000 Schallplatten über den Ladentisch.“ Ein sehr hoher Wert für ein seit Jahrzehnten bestehendes Format.

Und auch der Online-Handel erklärt die Langspielplatte (LP) zum Verkaufsschlager im Weihnachtsgeschäft. Beliebt sind Neupressungen von Klassikern. So wird die Plattenfirma von Gerd Steinbäcker, selbst glühender Vinylfan, seine Soloalben im Jänner als Schallplatten herausbringen.

Wieder Vinyl aus Östereich
Austrovinyl ist die einzige Schallplattenproduktion des Landes mit Sitz in Fehring. „Wir sind bis zum kommenden Frühjahr ausgebucht, jeder Werktag bringt einen neuen Auftrag“, freut sich Peter Wendler, einer der drei „Austrovinylisten“, die rein aus persönlicher Leidenschaft zur Langspielplatte die Produktion nach 20 Jahren Pause wieder nach Österreich geholt haben. Die Maschinen dafür kommen aus Schweden und England, das Granulat zum Pressen aus Italien und das Know-how liefern die Oststeirer.

Die Musiker und Bands, die auch aus dem Ausland nach Fehring kommen, sind so schillernd wie die bunten Schallplatten selbst. Von Jazz über Pop bis Techno ist alles dabei, selbst die Spezialpressungen von David Hasselhoff und Heintje sind von Austrovinyl. „Nicht wenige Künstler bringen ihre Musik nur mehr als Schallplatte oder zum Streamen auf den Markt.“ Jüngst auch der international bekannte Star-DJ Parov Stelar, der den Oststeirern mit 6000 Doppel-LPs den bislang größten Auftrag bescherte. „Wir sind schon beim Nachpressen für den amerikanischen Markt.“

Mit Volldruck dahinter
Mit 200 Bar Druck wird die Musik in 180 Grad heißes Vinyl gepresst. Die Grundlage dafür ist eine Urschallplatte aus Metall (Acetat), von der im Silberbad das Negativ zum Pressen der Schallplatte kommt. 25 Sekunden dauert der Vorgang.

Um die eigene Schallplatte zu pressen, sind zuerst Rechte und Lizenzen abzuklären. Ab 100 Stück geht’s los, sie kosten 1200 Euro - in allen Farben und Spezialausgaben, wie jüngst die Käse(schall)platte eines oststeirischen Milchhofs.

Mit dem Erscheinen der CD 1983 schien das Zeitalter der Schallplatte vorbei zu sein. Bis sich die Computer-Welt in die Audio-Domäne vordrängte, nun lassen Streaming-Dienste die CD alt klingen. „Es ist vielmehr die Frage, ob es noch CD-Abspielgeräte geben wird, um den stark rückläufigen Tonträger abspielen zu können“, prophezeit Wendler der CD eine triste Zukunft.

In einer körperlosen Streaming-Welt, in der man Musik nicht mal besitzt, bekommt das Fassbare aber einen neuen Stellenwert, auch im Hörgenuss. Vinyl-Liebhaber schätzen an einer Schallplatte daher genau jene Eigenschaften, die eine digitale Musiksammlung nicht bieten kann!

Die Musik zelebrieren
„Der Reiz der Platte liegt darin, dass man die Musik zelebriert“, schwört Wendler auf die Scheibe, die Lebensgeschichten und Erinnerungen weckt. Die Haptik, das Cover-Design, der warme Klang. „Genau das kann eine Datei nicht!“ Und für Künstler gilt: „Wer musikalische Qualität liefert, macht es auf Vinyl“.

Auch die steirische Kultband Opus war über die gesteigerte Vinyllust baff. „Unsere neue LP-Box ,Opus Magnum‘ war schon am ersten Tag ausverkauft“, freut sich Ewald Pfleger. Alle bisher erschienen Opus-Langspielplatten sind auch wegen ihrer pittoresken Cover begehrte Sammlerstücke, bestätigt Schallplatten-Liebhaber Fritz Almer.

In seinem Heim in Winzendorf stapeln sich 22.000 LPs. Was sich seit den 1970er -Jahren zu viel angesammelt hat, verkauft der 68-Jährige am Flohmarkt in Gleisdorf, ein Treffpunkt für alle Fans der Scheibe. Auch für die Jüngeren, die Vinyl neu entdecken. „Vom Banker bis zum Bauern ist jeder am Suchen und Sammeln.“

„Jäger der schwarzen Scheiben“
Auch Peter Loidl aus Kaindorf ist ein besessener „Jäger der schwarzen Scheiben“, die der Unternehmer wie Aktien sieht. Weltweit stöbert er nach Kuriositäten und Raritäten: Ob exotische Limitationen aus Australien oder Weißmuster aus Uruguay - dafür zahlt der Vinyl-Freak schon mal 1000 Euro und mehr. „Oft wissen die Leute gar nicht, welche Schätze sie am Dachboden oder Keller horten“, sagt er und verweist auf Erstpressungen von Queen, David Bowie oder Pink Floyd.

„Signierte Schallplatten vervielfachen ihren Wert.“ So gibt es Beatles-Platten, die bereits um hunderttausende Euro versteigert worden sind. Doch reich macht das Sammeln nicht, denn „wir Sammler sind leider so verrückt und kaufen alle Pressungen aus verschiedenen Ländern, und da hast du von einer Platte gleich 50 Ausgaben“, gesteht Loidl, dessen Sammelleidenschaft vorerst einmal räumliche Grenzen gesetzt sind.

Erich Fuchs, Kronen Zeitung

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