13.11.2020 06:00 |

Album „Trümmerlotte“

Ansa Sauermann: Kopf aus - Hitmaschine an

Mit seinem zweiten Album löst sich der mittlerweile in Wien ansässige Dresdner Ansa Sauermann endgültig von den eng gezogenen Gordeln der Vergangenheit. „Trümmerlotte“ ist gleichermaßen leichtfüßiges Pop-Statement und inhaltsschwere Erlebnisabhandlung. Im Interview lässt uns André Sauermann hinter die Kulissen des ambitionierten Werkes blicken.

Wien tut gut, das weiß auch Musiker André aka Ansa Sauermann, der sich vor zwei Jahren endgültig entschlossen hat, vom beschaulichen Dresden in Österreichs einzige Metropole zu ziehen. Immer wieder hat es schon vorher in die Bundeshauptstadt verschlagen. 2017 hat er hier sein Debütalbum „Weiße Liebe“ aufgenommen und sein bester Freund war vier Jahre in der Stadt, um seine Matura zu machen. „Ich wollte schon länger aus Dresden raus und war dann eineinhalb Jahre in Berlin“, erinnert er sich im Interview mit der „Krone“ zurück, „aber Wien ist weniger prätentiös als Berlin. Als dann einige Berliner Freunde dort die Stadt verließen war für mich klar, dass ich jetzt erstmals auf eigene Faust Wien kennenlernen könnte. Nicht von Einheimischen reingezogen werden, sondern aktiv die Social Skills aktivieren. In Berlin gibt es zu viele Selbstdarsteller. Auf einer Party hat ein selbsternannter Manager eine halbe Stunde auf mich eingeredet und konnte mir auf Nachfrage nicht erklären, was er eigentlich tut. Der Wiener hingegen öffnet sich vielleicht nicht auf den ersten Spritzer, aber wenn du Zugang zu ihm gefunden hast, ist er warm und zugänglich.“

Fische fangen
Die Wärme Wiens versprüht nicht zuletzt Sauermanns zweites Album „Trümmerlotte“, trotz eines mehr als nur deutschen Titels, mit dem nicht zuletzt die mehrschichtige Welt des Kreativkopfs abgedichtet wird. Frei von Grenzen und den vielen unerwünschten Zwängen des Debüts nahm er mit den Naked Lunch-Köpfen Herwig Zamernik und Stefan Deisenberger in Wien auf und ließ bewusst Platz für Imperfektion. Für den jungen Künstler war dieser neue Zugang fordernd und fördernd zugleich. „Herwig hat mir gesagt, ich solle einfach den Kopf ausschalten. Wir wären hier, um Fische zu fangen, denn entschuppen und polieren könne man sie später immer noch. Den Song ,Kopf aus‘ haben wir in einem Take mit allen Instrumenten gleichzeitig aufgenommen. So etwas habe ich auf dem Debüt noch nicht einmal probiert, aber das ist der Grund, warum ,Trümmerlotte‘ auch so viel dynamischer klingt.“ Die wundervollen und mit intelligenten Texten durchzogenen Popsongs klingen wärmer und lebendiger, lassen dafür Sterilität und Perfektion bewusst beiseite. Das tat nicht nur dem Künstler, sondern auch seinem Material mehr als gut.

Das Debütalbum hat für Sauermann trotz starker Songs noch immer einen bitteren Beigeschmack. Der Dresdner unterschrieb beim Branchenriesen Sony Music, bekam dort aber nicht die Freiheit zugesprochen, die er gerne gehabt hätte. „Das ganze Album steckt in einem unguten Korsett. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Debüt bei einem Indie-Label rauszubringen und erst dann zum Major zu wechseln, so wie es Wanda machten.“ Mit denen trat Sauermann einige Mal auf, als Konzerte noch möglich waren und hat in allen Bereichen viel dazugelernt. Den Link zu Wanda gibt es nun mit „Trümmerlotte“, denn das Zweitwerk erscheint bei Lotterlabel, der Plattenfirma des Wanda-Entdeckers Stefan Redelsteiner. „Ich wollte einfach keinen gefälligen Radiorock machen. Die Instrumente dürfen jetzt auch mal übersteuern und man kann danebengreifen, ohne dass es ein Problem ist. Ich wollte die Energie meiner Live-Konzerte auf einem Album einfangen und das ist mir jetzt gelungen.“ Mit den alten Songs ist er trotz allem im Reinen. „Ich hasse das Album und die Songs nicht, sie bleiben mir immer in guter Erinnerung und das ist auch wichtig.“

Leicht und schwer
„Trümmerlotte“ fühlt sich in seiner kompositorischen Frische wie ein Debüt an, was Sauermann und seiner kundigen Band gut zu Gesicht steht. Trotz der musikalischen Leichtfüßigkeit, die angenehmerweise gerne ins Hymnenhafte geht, ohne zu seicht zu klingen, sind die Texte mitunter von schweren Gedanken und Erlebnissen durchzogen. Der Opener „Kopf aus“ etwa hatte gar einen suizidalen Charakter. „Der Gedanke war kurz da als ich ein tief hatte, aber wie bei allen anderen Songs war es mir wichtig, ihn nicht zu pathetisch und dramatisch zu gestalten. Im Prinzip dreht sich der Song ums Entfliehen und man kann ihn im Sinne des Alltags auf alles Mögliche projizieren. Ich werde mich jedenfalls hüten, meiner Mutter davon zu erzählen.“ Dass es familiär nicht immer fein zugeht, erzählt die Geschichte zu „Bohrmaschine“.

„Die Bohrmaschine spielt vor allem auf meinen Vater an, mit dem ich ein schwieriges Verhältnis habe. Er war in meiner Kindheit der beste Vater der Welt. Er war mit mir Angeln und wir haben Baumhäuser gebaut, aber wir sind mittlerweile politisch weit auseinandergedriftet. Er schrieb mir während des Bohrmaschinengehämmers eine SMS, die mich nervte, und da entstand der Song. Er wollte alibihalber das Album hören und ich habe es ihm vorab ohne diese Nummer durchgeschickt, weil ich mir unsicher war, wie er das aufnehmen würde. Er ist einfach jemand, der bei allen Themen fragt und nachbohrt, aber nicht mehr zuhört, wenn ich dann endlich etwas erzähle. Es geht in diesem Song um die ewiggleichen Fragen. Es war aber Zeit zu sagen: ,Tritt einfach mal beiseite und lass jetzt die jungen Leute machen - deine Meinung kennen wir zur Genüge.‘“ Die Ohrwürmer reihen sich auf „Trümmerlotte“ wie Perlen aneinander. Die Single „Al Pacino“, das stampfend-flotte „Nackt“ oder das melancholische „Die Enden der Welt“ - Sauermann versteht sein Handwerk hervorragend und hat sich trotz all der Ungezwungenheit eine gewisse Ernsthaftigkeit bewahrt, die dem Hörer niemals ins Gesicht springt.

Kleiner und präziser
Einen roten Faden hat der Künstler bewusst nicht durch das „Wien-Album“ gezogen, doch man sollte das Werk als Vinyl sehen, bei der die A-Seite etwas akustischer und ungezwungen-poppiger, die B-Seite dafür elektrischer und härter ausgefallen ist. Ein Widerspruch, der eigentlich keiner ist, verbindet das Gesamtwerk einfach die mannigfaltigen Stärken des kreativen Zampanos. „Die großen Fragen des Lebens habe ich schon am Debüt durchleuchtet, dieses Mal wollte ich alles etwas kleiner halten. Ein Song soll nicht mehr versuchen, alle Themengebiete auf einmal abzuarbeiten. Ich habe bewusst versucht präziser zu schreiben und war inhaltlich definitiv von meinen Erfahrungen und Erlebnissen in den letzten zwei Jahren in Wien inspiriert.“ Eine Trümmerlotte mag in seiner lexikalischen Erklärung ein lahmendes Pferd sein, Sauermann ist es definitiv nicht. Mit seinem Gespür für leichtfüßige und trotzdem textstarke Songs ist sein poetischer Gestus dem musikalischen gleichzusetzen. Sein Zweitwerk ist ein modernes, mutiges und ganz und gar ehrliches Popalbum, dass es verdient, über den Wulst ideenloser Kommerzalben hinweg herausgehört zu werden.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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