07.11.2020 17:20 |

Tragödie vor 20 Jahren

Der Tag, als in Kaprun die Zeit stehen blieb

Die größte Seilbahn-Katastrophe Österreichs jährt sich zum 20. Mal. 155 Menschen sind am 11.11.2000 qualvoll im 3,3 Kilometer langen Tunnel der anno „modernsten“ Standseilbahn erstickt und verbrannt. Die „Krone“ erinnert.

Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, es gibt keine Worte, nur Tränen“. 20 Jahre nach diesen Worten von „Krone“-Reporter Edgar Breuss wirkt die Tragödie noch immer unfassbar. „Kaiserwetter“ hat es an jenem Schicksalstag gegeben, ein Snowboard-Opening und Tausende wollten auf das Kitzsteinhorn auf 3203 Metern Seehöhe.

Die Menschen stehen Schlange, um in einer der zwei Garnituren der Gletscherbahn Platz zu finden. Um Punkt 9 Uhr setzt sich die „Kitzsteingams“ in Bewegung. Mit 161 Fahrgästen, Schulter an Schulter.

Zu diesem Zeitpunkt hat es schon zu brennen begonnen. Sogar Augenzeugen haben Rauch beim talseitigen unbesetzten Führerstand bemerkt. Aber nur einige Passagiere im hinteren Teil bekommen es mit. Doch für einen Notruf reicht die Zeit nicht – die Verbindung kappt als die Bahn in den 3,3 Kilometer langen Tunnel einfährt. Nach 1132 Metern hält der Zug an – ein automatischer Stopp aufgrund der Bremshydraulik.

„Ich wusste, wir müssen raus, sonst ist es vorbei“
Der Rauch wird im stockfinsteren hinteren Zugabteil dichter, erste Hilferufe ertönen. Der Zugführer bemerkt dies nicht, er sitzt am anderen Ende. Langsam breitet sich Panik aus. Die Türen sind fest verschlossen – aus Sicherheitsgründen. Es gibt keine Feuerlöscher, keine Notfallhämmer. Bayrische Skifahrer versuchen, mit Skistöcken die Scheiben einzuschlagen. Zu lange dauert es, bis ein kleines Loch in der zerkratzen Kunststoffscheibe entsteht. Der Qualm wird währendessen dichter, der Feuerschein ist das einzige Licht in der Dunkelheit. „Ich wusste, wir müssen raus, sonst ist es vorbei. Ich warf meine Tochter in den Stollen“, zitiert die „Krone“ damals einen Überlebenden.

Er ist einer der wenigen, die nach unten laufen – viele steigen nach oben und werden von einer tödlichen Rauchgaswolke eingeholt. Am weitesten hat es ein Kind aus Japan (14) geschafft – 142 Meter vom brennenden Zug entfernt. Der Kamin-Effekt hat das Gemisch bis zur Bergstation geschossen: Drei Menschen sterben oben, weil sie die Wolke einatmen. Zwei weitere im „Gletscherdrachen“, der zweiten Garnitur.

Um 9.12 Uhr heulen die Sirenen. Zu diesem Zeitpunkt ist das letzte Herz der 155 Opfer schon verstummt. Das Leid und die Trauer sind noch nach 20 Jahren hörbar.

Antonio Lovric
Antonio Lovric
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