13.09.2020 06:30 |

Seit 25 Jahren im Amt

Schönborn: „Das Gute geschieht meist unbemerkt“

Die Amtsübernahme von Kardinal Christoph Schönborn als Erzbischof von Wien jährt sich am Montag zum 25. Mal. Aus diesem Anlass hat Claus Pándi mit dem Theologen über Flüchtlinge und Mitgefühl, über Wahrheit und Politik und über die Kunst des Sterbens geredet.

Das ist kein Interview. Es ist das Gedankenprotokoll eines Gesprächs mit dem Kardinal. Das Treffen hat am Donnerstag im Erzbischöflichen Palais in Wien stattgefunden - am Tag nach dem ORF-Interview, in dem Außenminister Alexander Schallenberg zu den Ereignissen im griechischen Flüchtlingslager Moria sagte, man müsse „die Debatte deemotionalisieren“ - also ohne Gefühl bewerten.

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Das Gute geschieht meist unbemerkt. Ich glaube, dass das Menschenherz zu viel Bösem fähig ist, aber dass die Güte größer ist.

Kardinal Christoph Schönborn

Wenige Stunden nach Schallenbergs Fernsehauftritt war Schönborn bereits mit einem Bischofskollegen in telefonischem Kontakt. Rasch war man einig, dass die Lage in Moria zum Handeln zwinge, man nach der Erklärung des Außenministers nicht zur Tagesordnung übergehen könne. Es könne nicht sein, dass Österreich keine Kinder aufnehmen kann. Stunden später die unmissverständliche Erklärung der österreichischen Bischöfe, dass „jedes politische Kalkül über die Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen in Europa angesichts der aktuellen Notlage völlig verfehlt“ wäre.

„Bilder des Elends, die zum Himmel schreien“
Schönborn sagt, es sei ihm einfach nicht verständlich, wie man angesichts der „Bilder des Elends, die zum Himmel schreien“ ohne Emotion debattieren könne. Hier trage jeder Verantwortung, vor der sich keiner davonstehlen dürfe.

Das Gespräch führt zum Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Das Problem der Lüge und der Täuschung in der Politik kenne man seit Sokrates. Nun, heute, wirke vieles verrückt im wahrsten Sinn des Wortes: verrückt. Gut sei die Politik dann, wenn die Dinge beim richtigen Namen genannt werden. Der Kardinal erinnert an Aristoteles in der Rechtsphilosophie: Für die Gerechtigkeit sei es zentral, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln.

Schönborn ist verwundert darüber, wie es Menschen überhaupt möglich sein kann, sich an dramatische Ereignisse ohne Emotion anzunähern. Schon die Spiegelneuronen, Nervenzellen im Gehirn, sollten es dem Menschen unmöglich machen, Gefühle anderer Menschen ohne innere Anteilnahme wahrzunehmen. Das habe unter anderem zur Folge, dass man selber zusammenzuckt, wenn sich jemand anderer mit einem Messer in den Finger schneidet. Ganz so, als ob man den Schmerz selbst verspüren würde.

Der Kardinal erinnert an die Gedenkrede von André Heller vor zwei Jahren aus Anlass des 80. Jahrestages des 12. März 1938, in der Heller von der „Weltmuttersprache Mitgefühl“ gesprochen hat. Schönborn fügt hinzu: „Ich hoffe, wir verlernen sie nicht.“

Die Möglichkeit zur Veränderung
Es bestehe für Menschen und Institutionen immer die Möglichkeit zur Veränderung, sagt der Kardinal auch unter Verweis auf innerkirchliche Prozesse. Beispielgebend und zentral sei die Festschreibung eines klaren Nein zur Todesstrafe im Katechismus.

Nach vielen kritischen Anmerkungen will der Kardinal die Regierung auch loben. Etwa die Initiative des Kanzlers gegen die Vereinsamung. „Wenn ich am Abend durch Wien gehe, die Lichter hinter den Fenstern sehe, denke ich daran, wie viele Menschen in ihren Single-Haushalten alleine sind.“ Einsamkeit betreffe ältere Menschen, aber auch immer mehr junge.

Schönborn selbst ist dankbar für „die geschenkte Zeit“ nach seinem Lungeninfarkt vor bald einem Jahr. Seinen Abschied vom Amt habe er eingereicht, nun beschäftige er sich auch mit der Ars moriendi, der Kunst des Sterbens - der Vorbereitung auf den guten Tod.

„Das Böse macht viel Lärm“
Bis dahin kann es allerdings noch lange dauern - Schönborns Mutter hat vor Kurzem ihren 100. Geburtstag gefeiert. Der Kardinal selbst wirkt nach einer Phase der Ruhe hoch vital. „Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, weil es mir so gut geht“, sagt Schönborn.

Nachtrag: Die Notizen zu dem Gespräch mit dem Kardinal waren am Ende doch eine Nuance zu düster geraten. Der per WhatsApp nachgereichten Bitte um eine Botschaft der Zuversicht kam Schönborn, der sein Mobiltelefon immer dabei hat, prompt nach: „Ich glaube fest daran, dass das Gute immer stärker sein wird als das Böse. Ich glaube fest daran, dass es auch in der heutigen Welt unglaublich viel Gutes gibt. Das Böse macht viel Lärm. Das Gute geschieht meist unbemerkt. Ich glaube, dass das Menschenherz zu viel Bösem fähig ist, aber dass die Güte größer ist.“

Claus Pándi, Kronen Zeitung

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