20.07.2020 06:00 |

Album „The Kingdom“

Bush: Eine Karriere durchzogen von Schicksalen

In den 90er-Jahren gehörten sie zu den größten Rockbands der Welt, im Zeitalter von Cloud Rap, Latin-Pop und R&B sind Bush ein Vierteljahrhundert kommerziell gesundgeschrumpft, aber immer noch voller Kreativität. Das neue Album „The Kingdom“ wäre in den 90er-Jahren ein Megaseller geworden und Frontmann Gavin Rossdale blickt für uns noch einmal zurück.

Die Karriere von Bush ist durchzogen von Schicksalen - positiver wie negativer Natur. In den 90er-Jahren zählten sie in der Post-Grunge-Ära zu den größten Rockbands Amerikas. Der kleine „Schönheitsfehler“ dabei war, dass Gavin Rossdale und Co. eigentlich aus Großbritannien stammen, doch nach dem tragischen Freitod von Kurt Cobain dürstete das US-Publikum nach würdigen Nachfolgern. Das Bush-Debütalbum „Sixteen Stone“ erschien im Dezember 1994, kam bis auf Platz vier der amerikanischen Billboard-Charts und gilt noch heute als Referenzwerk des Alternative Rock. Rossdale, mittlerweile 54 Jahre alt, weiß um die Wichtigkeit des ersten Bush-Albums, hat aber nie wirklich seinen Frieden mit der allgemeinen Einordnung und den Medien gemacht. Er lässt gerne Skepsis und Vorsicht walten, zumal er von Kritikern während der kommerziellen Erfolge durchgerüttelt und erst spät künstlerisch akzeptiert wurde.

Unfaire Vergleiche
„Mich hat vor allem verärgert, dass all das damals ein großes Missverständnis war“, blickt er im Gespräch mit der „Krone“ zurück, „wir waren etwas später mit den frisch gegründeten Foo Fighters auf Tour und der kleinste gemeinsame Nenner zwischen mir und Dave Grohl waren die Pixies. Ich fand die Nirvana- und Pearl Jam-Vergleiche insofern unfair, als dass wir immer Blues-basierter spielten. Nach dem tragischen Tod von Cobain kam unser Album raus und wir wurden sofort direkt verglichen. So funktioniert das Geschäft, aber ich mit Dave noch heute gut befreundet, wir hatten nie Probleme miteinander. Vielleicht sollte ich das Ganze aber auch positiv sehen. Immerhin wurden wir mit einer wirklich guten Band verglichen und nicht als die neuen Poison betrachtet.“

Das dreifach mit Platin gekrönte Nachfolgewerk „Razorblade Suitcase“ ging in den USA gar auf die eins und auch das 1999er Werk „The Science Of Things“ zeigte Bush kreativ in Hochform, danach ging es aber steil bergab und 2002 bröckelte die Band auseinander. Rossdale startete eine Solokarriere, führte eine bis zur bitteren Scheidung öffentlich-mediale Ehe mit Gwen Stefani und zehrte von den großen Tagen der 90er-Jahre. Dass Bush, die sich 2010 mit stark veränderter Besetzung wiedervereinigten und seither vier Alben veröffentlicht haben, gemeinhin immer noch als klassische „90s Band“ bezeichnet werden, stößt Rossdale mitunter sauer auf. Klar, Rockmusik ist tot und gerade bei Jugendströmungen kein Thema mehr, doch gleichzeitig erfreuen sich derartig kuratierte Festivals größter Beliebtheit, denn die Massen strömen noch immer gerne zu derartigen Events. Ein künstlerisches Paradoxon, für das es bis heute noch keine allgemeingültige Erklärung gibt.

Benehmen und Manieren
„Natürlich habe auch ich manche Entscheidungen falsch getroffen. Ein Leben zu leben bedeutet, dass man aus Fehlern lernt und nach vorne schaut, anstatt herumzusitzen und immer etwas zu bereuen. Sich im Labyrinth des Selbstmitleids zu bewegen, macht einfach keinen Sinn.“ Rossdale galt zeit seines Lebens nicht immer als einfacher Charakter, hat sich über die Jahre hinweg aber zu einem zugänglichen, nachdenklichen und reflektierten Menschen entwickelt. Ein einschneidendes Erlebnis dafür war die beginnende Freundschaft mit dem großen Sir Tom Jones in seiner Zeit als Juror bei „The Voice UK“. „Es war unglaublich zu sehen, wie er mit Menschen umgeht. Er gab mir immer wichtige Ratschläge und hat das älteste Klischee der Branche bestätigt: Die größten Stars sind immer die freundlichsten und haben die besten Manieren. Jene, deren Karriere im Mittelfeld herumdümpelt, sind oft egozentrisch. Selbst ein Tom Waits hat hinter seinen rauen Schalen einen sehr weichen Kern.“

Zugegeben - in der ersten Liga des Rock spielen Bush schon lange nicht mehr mit. Beim letzten Wien-Konzert im Herbst 2017 konnte noch nicht einmal der Gasometer ganz gefüllt werden, doch Beharrlichkeit zahlt sich aus. „Ich habe glücklicherweise nicht viele Stinker in meinem Leben geschrieben“, lacht Rossdale, „ich muss mich rückblickend nicht schämen. Das letzte Album war eben etwas elektronischer, weil ich die Gitarre etwas zur Seite stellen wollte. Auf dem neuen Album sind wir aber basischer und traditioneller. Manchmal muss man aber breiter denken und aufhören, sich nur hinter der Gitarre zu verstecken.“ „The Kingdom“ wird anno 2020 wohl kaum mehr die Charts hinaufklettern, ist aber das zweifellos rockigste und auch drängendste Album seit der Band-Wiedergeburt vor exakt zehn Jahren. Vor allem die Lead-Gitarre von Rossdale-Intimus und Ex-Helmet-Saitenschwinger Chris Traynor ist neben der charismatischen Stimme des Frontmanns und dem präzisen Drumming von Neuling Nik Hughes dafür verantwortlich, dass Bush mit diesem Album vor 25 Jahren wohl ein durchschlagender Erfolg gelungen wäre.

Zwischen Mudhoney und Orchester
Gerade auf der ersten Albumhälfte finden sich zahlreiche Highlights wie etwa der Titeltrack, das aus dem Film „John Wick 3“ bekannte „Bullet Holes“ oder der ohrwurmträchtige Opener „Flowers On A Grave“, der zügellose Aggression mit nachdenklichen Momenten vermischt. „Falling Away“ am Ende ist eine Nummer, für die auch R.E.M. töten würden. „Bush sind eben nicht wie ein Burger-Restaurant, wo du immer das gleiche Menü bestellst“, erklärt Rossdale, „manchmal freue ich mich auf dreckige Gitarren und lege alte Mudhoney-Platten auf, dann will ich wieder etwas Episches und lausche Chören. Ganz gut kriegen das in meinen Augen The Kills hin, die ihren Ideen kompromisslos folgen und gerade deshalb eine absolut eigene Identität entwickelt haben.“ Für den seit vielen Jahren in Kalifornien lebenden Briten mag „The Kingdom“ eine Rückbesinnung auf die alten Tage sein, doch für den großen Erfolg reicht Qualität allein leider nicht immer aus. Doch Rossdale fährt mit Bush ohnehin seinen eigenen Film und hält sich an den Ratschlag, den ihm David Bowie in den 90er-Jahren gab: „Überlebe einfach deine Kritiker“.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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