24.06.2020 11:00 |

„Handl Tyrol“:

„Klar, dass nicht alles aus Tirol ist“

Der umstrittene Fleisch-Gigant Tönnies war auch Lieferant für Speck Handl und MPreis. Die  Werbetrommel wird zwar kräftig mit dem Schlagwort  „Tirol“ gerührt, aber es gibt hierzulande viel zu wenig Schweine, um die Produktschienen abzudecken.

Menschen sehnen sich nach Ursprünglichkeit und Authentizität, ist auf der Homepage von Speck Handl in Pians zu lesen. Deshalb biete man unverfälschte Tiroler Spezialitäten- und Genusskultur.

Ist das mit den engen Geschäftsbeziehungen zum Tönnies-Konzern zu vereinbaren, der nicht erst seit der Corona-Welle in der Kritik steht? Es geht in der Billig-Debatte um Schnitzelfleisch für 2 Euro pro Kilo, um Hungerlöhne für großteils osteuropäische Arbeiter.

Entscheidender ist aber: Landet Tönnies-Fleisch über die Verarbeitung durch das Oberländer Speckunternehmen in den Mägen der heimischen Konsumenten?

Kein Tönnies-Fleisch für die heimische Mägen
Auf „Krone“-Anfrage betont Handl seine zwei Schienen: Zum einen die Speck- und Rohwurstprodukte, die für den Heimmarkt ausschließlich mit dem Gütesiegel der Agrarmarketing Austria (AMA) produziert werden. „Das heißt, dass das Schwein in Österreich geboren, gemästet und geschlachtet worden sein muss“, präzisiert man seitens der AMA. Rund 2000 Kontrollen jährlich würden Schwindeleien verhindern. Tirol ist in der Landkarte der Handl-Lieferanten allerdings weiß, es dominieren die östlichen Bundesländer.

Warum dann dieser Werbe-Fokus auf Tirol? „Es geht um das Tiroler Geschmackserlebnis, um die ehrliche Verarbeitung von Rohstoffen, um Rezepte über Generationen“, betont man seitens Handl. In Tirol gebe es nur rund 20.000 Schweine pro Jahr. „Viel zu wenige für den Bedarf. Klar, dass nicht alles aus Tirol kommt.“

Zum anderen produziert Handl auch für den deutschen Markt, hier nennt sich die Zertifizierung Q + S (steht für Qualität und Sicherheit). Etwa 15 Prozent der Rohstoffe stammen von Tönnies. Derzeit sind deren Lieferungen behördlich gestoppt. Handl sieht aber keinen Grund, an dieser Partnerschaft künftig zu rütteln.

Alpenmetzgerei mit Agrarmarketing im Boot
Auch MPreis mit seiner Marke Alpenmetzgerei war Tönnies-Kunde, nun ist die Kooperation gestoppt. Mit der Alpenmetzgerei kooperiert auch das Agrarmarketing Tirol. „Aber nur bei Produkten der Marke Qualität Tirol, die alle zu 100 Prozent bei uns erzeugt werden“, betont Geschäftsführer Matthias Pöschl. Es sei Sache der Alpenmetzgerei, ob sie auch andere Schienen fahre.

„Täuschung muss endlich aufhören“
Seit Jahren wird von Seiten der Landwirtschaftskammern eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln gefordert. „Produktnamen und Verpackungen suggerieren oft eine regionale Herkunft der Zutaten. Diese Täuschungen dürfen künftig nicht mehr möglich sein“, betont Josef Hechenberger, Präsident der LK Tirol.

Der Entschließungsantrag vom 18. Juni zu einer gesetzlich verpflichtenden Herkunftskennzeichnung sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, jetzt müsse es aber auch zu einer raschen Umsetzung kommen.

„Es braucht eine Haltungskennzeichnung“
Für Martin Balluch, der erst kürzlich die realen Bedingungen bei „Berger Schinken“ aufdeckte, ist das aber zu wenig. „Es braucht eine Haltungs- keine Herkunftskennzeichnung“, sagt der Obmann des Vereins gegen Tierfabriken. Denn auch in Österreich gebe es grauenhafte Zustände.

Denn während das niederösterreichische Traditionsunternehmen mit glücklichen Tieren im Stroh warb, zeigten die vom VGT veröffentlichten Bilder „unzählige verletzte Schweine auf Vollspaltenboden mit strukturlosen Wänden und ohne Stroheinstreu, mit abgebissenen Ohren und Schwänzen, schwer verletzten Gelenken, Beulen. Mitten darin Tausende Maden und ein Schweinetotenkopf“.

Das Unternehmen kündigte daraufhin an, seine Vertragslandwirte besser kontrollieren zu lassen. Für den VGT kann aber nur der Verbot des Vollspaltenbodens und eine Haltungskennzeichnung die Lösung sein.

Ein Frühstück ohne Kompromisse
Wir haben in Österreich eine über hundertprozentige Eigenversorgung von Schweinefleisch. Wir exportieren dieses Fleisch. Und importieren anderes.Wir schreien auf, wenn Videos von Tiertransporten öffentlich werden, wenn deutsche Lkw vor heimischen Supermärkten stehen, wenn Bilder aus Massentierhaltungen durch die Medien geistern und kleine Landwirtschaften zusperren, weil sie trotz Nebenverdienst und Förderungen nicht überleben können.Wir schlagen die Zeitungen zu, schalten die Fernseher aus, fahren die Computer herunter - und beißen in unsere Schnitzel, in die Wurstsemmeln und Brettljausen. Weil wir manchmal nicht wissen, dass zwischen den Medienberichten und unserem Frühstück ein Zusammenhang besteht - weil wir es manchmal aber auch nicht wissen wollen.Denn wir haben in Österreich eine über hundertprozentige Eigenversorgung von Schweinefleisch. Wir exportieren dieses Fleisch. Und importieren anderes. Das ist absurd. Das ist real. Alleine dieser Fakt müsste der erste Dominostein in einer Reihe vieler sein. Denn das Tier ist vor dem Gesetz eine Sache. Haltungsformen mit Vollspaltenböden sind Alltag. Tiertransporte um die ganze Welt Normalität. Milch- und Fleischpreise unter jenen von Mineralwasser sind Realität. Verpackungen, die Regionalität und Tierwohl suggerieren, gängig - und ein Unternehmen, das gegründet wurde, um „dem Wunsch nach Qualität, Regionalität und Verantwortung ohne Kompromisse“ nachzukommen, bezieht „neben österreichischem Fleisch auch qualitätsgeprüftes Fleisch aus Deutschland“ - etwa von Tönnies. Das muss aufhören, - vor dem nächsten Frühstücksbissen. A. Haselwanter

Anna-Katharina Haselwanter
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Andreas Moser
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