07.06.2020 13:55 |

Das große Interview

Was gibt’s noch zu lachen, Herr Schenk?

Eine Legende wird 90: Mit Conny Bischofberger spricht der Schauspieler, Regisseur und Komödiant Otto Schenk über Corona und Kobolde, Humor und Unsterblichkeit und seine einzigen zwei Wünsche zum Geburtstag.

Die Szene könnte aus einem Film sein: Ein sonnendurchflutetes Wohnzimmer, mitten im Raum steht ein Bett, in dem eine Frau friedlich schläft. Ihre Gesichtszüge sind entspannt, sie sieht selig aus. Der Mann sitzt in einem Fauteuil neben ihr, er hat seine Hand auf ihre gelegt. Als „die Gnädige“, wie Otto Schenk seine Haushälterin scherzhaft nennt, uns die Tür zur Dachterrassenwohnung in der Wiener Innenstadt öffnet, erhebt sich der Hausherr gemächlich aus seinem Sessel und begrüßt uns.

„Ich bin gestürzt und habe mit dem Auge gebremst“, flüstert er und zeigt auf den blauen Fleck in seinem Gesicht. „Das Blut hat dermaßen geprotzt, dass ich geglaubt habe, ich rinne aus!“ Und wir lachen schon. Aber leise, um seine Frau nicht aufzuwecken. Fürs Interview macht sich’s der Meister des Blödelns auf dem Sofa seiner beachtlichen Bibliothek nebenan bequem, „die Gnädige“ serviert Kaffee und Strudel, er rührt aber nichts von beidem an.

„Krone“:Herr Schenk, wie geht’s und wo zwickt’s mit fast 90?
Otto Schenk: Zwicken tut es überall in meinem Alter. Man ist sich seiner Gelenke so richtig bewusst und lernt sogar neue kennen, die sich noch nie gerührt haben. Manchmal kommt eine Masseurin, die bereits abgestorbene Gliedmaßen knetet und wieder zum Leben erweckt.

Was trauen Sie sich nicht mehr zu?
Ich traue mir eigentlich gar nichts mehr zu. Ich hoffe immer, dass mir die andern auch nichts mehr zutrauen, aber dem ist nicht so. Ich würde zum Beispiel nicht mehr nach New York fliegen. An den Irrsee fahren mit dem Auto schon, aber nicht von mir gelenkt.

Lassen Sie sich groß feiern am 12. Juni?
Um mich herum planen gewisse Leute einen Festumzug, ich habe jedoch ein Blumen- und Geschenksverbot ausgegeben.

Warum das?
Meine Vasen sind mir heilig! Sie haben ja meine Sammlung gesehen da draußen. Das gibt immer eine Aufräumerei mit Blumen. Und für Geschenke gibt es einfach keinen Platz mehr, die Stellflächen sind alle besetzt.

Gar keine Wünsche?
Gar keine. Ich habe auch keinen Appetit mehr. 90 Jahre Essen haben meinem Magen nicht gutgetan. Jetzt ist er beleidigt und mag gar nichts mehr. Ich esse nur noch ein Brot und zwei Scheiben Salami pro Tag. Aber schmecken tut es mir nicht, ich nehme es wie Medizin zu mir.

Nichts außer Salami?
Manchmal auch Heringe oder Sardellenringerl. Dazu Wasser. Ich trinke nichts Aufbauendes mehr.

Braucht man am Ende des Lebens immer weniger?
Man hätte gerne was zum Brauchen. Stattdessen wartet man ab, aber man weiß nicht genau, worauf man wartet.

Auf dem Tisch vor Ihnen liegt „Schenk. Das Buch.“ von Michael Horowitz, mit vielen alten Fotos. Was empfinden Sie, wenn Sie alte Bilder anschauen?
Sie sind eigentlich alle sehr verschieden, auch charakterlich verschieden. Das ist es, was ich versuche, wenn ich eine Rolle spiele: Meinen Charakter zu ändern. Der Michael Horowitz hat mich zu diesem Buch verführt, mir alles aus der Nase gezogen. Er kennt mich gefährlich genau und fotografiert mich, seit es mich gibt. Nur die Babyfotos sind nicht von ihm.

Waren Sie eigentlich am liebsten Schauspieler, Regisseur, Intendant oder Komödiant?
Ich war immer alles zugleich. Ich hab Urlaub von einer Sache gemacht und mich in der anderen von der ersten Sache ausgeruht, überlappend eigentlich. In diesem Gefühl bin ich immer aufgegangen. Dankbar zu sein, auch noch was anderes zu haben.

Waren Sie auch manchmal nichts von alledem?
Sehr oft war ich ein versagender Tölpel, ein ängstlicher, mit sich unzufriedener Querkopf.

Wollten Sie schon als Kind berühmt werden?
Ja. Schon mit vier. Weil schon sehr früh über mich gelacht wurde. Bei den Nachtmählern, zu denen ich zugelassen wurde, haben meine Onkel und Tanten verlangt, dass ich diese G’schicht erzähle, dass ich „Die Reblaus“ singe von Moser, den ich geliebt habe, dass ich sie nachmache. Und dann haben sich alle gebogen vor Lachen. Ich habe das gar nicht so lustig gefunden, eher interessant.

Bei unserem Interview zum 80er habe ich Sie gefragt, was es noch zu lachen gibt. Wie sehen Sie das heute?
Es wird immer genug zu lachen geben. Wir haben uns in den schrecklichsten Zeiten, im Luftschutzbunker während des Krieges, blöde Witze erzählt. Lachen ist die menschlichste Eigenschaft, es passiert einem einfach, noch bevor wir verstanden haben, warum. Das ist ein großes Wunder.

Wo ist die Quelle für die Lacher?
Bei den Schwächen, Blamagen und Ausrutschern, beim Ungeschick und beim Scheitern. Ich habe immer Menschen studiert, ich war ein Menschenfresser. Das war meine Kraft, Lacher zu erzeugen.

Wann haben Sie selber zuletzt herzhaft gelacht?
Wann war der 1. Weltkrieg? - Lacht.

Im September stehen Sie wieder auf der Bühne. Wie lange soll das noch gehen?
Ich will eigentlich gar nicht mehr. Aber ich will jene, die mich noch immer engagieren, nicht enttäuschen. Und so stehe ich für so verhatschte Auftritte noch immer zur Verfügung. Ich kann die letzten sieben Schritte bis zum Pult gerade noch gehen, wie ein Gesunder, dann muss ich mich schnell niedersetzen. Und dann lese ich mit großer Begeisterung das, was mich begeistert. Dazu muss das Licht so hell sein wie bei einem Verhör.

Hatten Sie je Lampenfieber?
Lampenfieber habe ich nie. Ich werde nur schrecklich müde und möchte absagen. Dann döse ich noch in der Garderobe und bevor es losgeht, sticht mich dann der Kobold. Die Welt ist voller Kobolde.

Worauf sind Sie am meisten stolz, wenn Sie zurückblicken?
Wenn verehrte Kollegen oder von mir hochgeschätzte Menschen irgendein Detail bei einer Aufführung gut finden. Dann verhöre ich sie fast, will ganz genau wissen, warum sie es gut finden. Es ist nicht nur das Lob, Lob nutzt gar nichts. Es muss von den Richtigen kommen!

Wollten Sie nie unsterblich sein?
Also wirklich! Das würde mir gerade noch fehlen!

Warum?
Keine Phantasie reicht aus, um sich eine so lange, nie endende Strecke des Lebens vorstellen zu können. Es ist genau dosiert, wie alt wir werden. Es ist nur ungerecht dosiert. Das Furchtbare ist ja nicht das eigene Sterben, sondern das Weggehen von Menschen, die man liebt. Das ist das Unerträglichste am Altwerden.

Wie alt möchten Sie werden?
Als Junger wollte ich gerne sehr alt werden. Ich habe auch immer ältere Freunde gehabt. Im Kindergarten sind ja die Erstklässler schon die alten Herren. Als ich dann in die Stubenbastei eingetreten bin, hatte ich das Gefühl, so wie Gulliver ins Land der Riesen einzutreten. Alt waren immer die andern. Heute bin ich es wohl selber. Und ich will eigentlich gar nicht mehr älter werden.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, je älter ich werde, desto vertrauter wird er mir eigentlich. Ich habe ihn deshalb nicht lieber, das kann ich nicht sagen. Aber es macht mir nichts aus, dass er da im Raum ist mit mir, das Corona unterm Arm.

Haben Sie Angst vor dem Virus?
Nein, ich glaube dem Virus schmecke ich schon nicht mehr. Corona ist aber schon eine ganz bedrückende Angelegenheit. So geheimnisvoll, so hinterfotzig und unbehandelbar. Die ganze Regierung, die sich ja rührend bemüht, weiß auch nicht genau, wie sie damit umgehen soll.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für die Welt, was wäre es?
Ich würde mir wünschen, dass die Menschen lernen, mit dem Fremden umzugehen, es als ihresgleichen empfinden. Das, was das Christentum vorschreibt und nie eingehalten hat: „Liebet eure Feinde.“

Macht Ihnen Sorgen, was in Amerika im Moment passiert?
Natürlich, es ist ganz furchtbar! Ich finde es rührend, dass der Bruder des Opfers um Beschwichtigung bittet. Er sagt, das hat keinen Sinn, wenn ihr Autos zusammenhaut und Fensterscheiben, davon wird mein Bruder nicht lebendig.

Was ist der Sinn des Lebens?
Ich maße mir nicht an, als kleiner Schauspieler so eine wichtige Frage zu beantworten. Man soll einfach wahnsinnig dankbar sein, dass man da sein durfte. Das versuche ich mir jeden Tag einzureden. Dass man so lange teilhaben durfte an diesem wahnsinnigen Schauspiel, dass man durchgerutscht ist durch so viele Gefahrenlöcher. Dass man dann noch so einen sonnigen Tag erlebt, dass da noch Blumen wachsen und Kinder spielen. Ich hab Kinder ja so gern.

Wie wichtig sind Freunde?
Sehr sehr wichtig, aber manchmal werden sie ranzig. Dann genießt man sie nicht mehr. Und daran ist man oft selber schuld. Ich hoffe dennoch, dass ich ein guter Freund war. Ich habe versucht, niemanden zu kränken. Das ist mir manchmal schrecklich misslungen.

Bei wem müssen Sie sich noch entschuldigen?
Bei allen eigentlich.

Wofür?
Für alles. Für die Unachtsamkeit, für den Brief, den man nicht geschrieben hat, ein Geschenk, das man nicht gemacht hat, eine Bosheit, die man gesagt hat, für ein paar Wochen, wo man nicht angerufen hat. Aber besser als sich zu entschuldigen ist, es wieder gut zu machen.

Wie geht es Ihrer Frau?
Sie ist nicht mehr sehr beweglich, aber sie isst und trinkt mehr als ich. Nicht mehr selber, es wird ihr gereicht. Und sie spricht leider sehr leise und ich muss sehr horchen. Sie liegt meistens in ihrem bequemen, beweglichen Lager, man kann nicht genau sagen, ob sie jetzt nur ein Schlaferl macht oder wirklich ruht.

Sie sind seit 1956 verheiratet. Was ist das Geheimnis Ihrer Ehe?
Die Verliebtheit. Bis heute. Jede Sekunde. Und jede Sekunde in eine andere Frau! Sie verwandelt sich wie im Zaubermärchen. Auch jetzt noch wird sie manchmal ganz jung und spitzbübisch, und dann wieder ganz böse, wie eine Hexe fast. Und ich bin so vernarrt in sie, dass ich ihr den ganzen Tag nur zuschauen möchte, wie sie daliegt.

Gab es gar nie Krisen?
Nur blöde Streitereien, wegen einem Salzfasserl oder wegen der Haartracht oder sonstwas. Nach einem Krach war jedes Mal ich als erster wieder zärtlich. Sie war noch eine ganze Zeit mürrisch und ist dann dahingeschmolzen, das war jedes Mal ein wunderschöner Augenblick.

Möchten Sie, wenn Sie an Ihre Frau denken, der überlebende Teil sein oder der, der früher geht?
Das ist ein großes Problem. Ich wage diese Frage fast nicht zu beantworten. Wenn sie mich braucht, möchte ich der Überlebende sein. Aber ich brauche sie auch ... Vielleicht kann sie doch ein bisschen länger dableiben.

Was soll man einmal über Otto Schenk sagen?
Was man will. Es ist mir eigentlich ganz egal.

Ab September wieder auf der Bühne
Geboren am 12. Juni 1930 als Sohn eines Notars und einer italienischen Mutter in Wien. Seine Kindheit ist geprägt von den Schrecken des Nazi-Regimes. Nach der Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar beginnt er seine Karriere am Theater in der Josefstadt. Er feiert Erfolge als Opernregisseur, u. a. an der Mailänder Scala und der Met in New York. Bis heute begeistert Schenk sein Publikum mit Soloabenden und Lesungen (am 3. September wieder im Theater Akzent in Wien). Verheiratet seit 1956 mit Renée, Sohn Konstantin ist Kapellmeister.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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