05.06.2020 13:40 |

Furchtbarer Verdacht

Hat mutmaßlicher Maddie-Mörder auch Inga entführt?

Die Staatsanwaltschaft Stendal sucht nach möglichen Verbindungen zwischen dem Fall der vor fünf Jahren in Sachsen-Anhalt verschwundenen kleinen Inga und dem der dreijährigen Madeleine „Maddie“ McCann aus Großbritannien.

Die Staatsanwaltschaft Stendal teilte am Freitag mit, im Zusammenhang mit dem Tatverdacht gegen einen Deutschen im Fall Maddie werde nach Anhaltspunkten für Verbindungen zum Fall Inga gesucht. Die Frage sei auch, ob sich daraus ein Anfangsverdacht gegen den Mann ergebe. Die „Magdeburger Volksstimme“ hatte zuvor berichtet, der 43-Jährige, gegen den im Fall Maddie wegen Mordes ermittelt wird, sei in der Nähe gewesen sein, als 2015 die damals fünfjährige Inga verschwand.

Neue Ermittlungen gefordert
Bereits im Februar 2016 gab es dem Bericht zufolge auch in Sachsen-Anhalt Ermittlungen. Der Verdächtige besitzt demnach im Landkreis Börde ein altes, verfallenes Grundstück. Dort fanden die Beamten einen Datenstick mit Kinderpornografie. Nur einen Tag vor dem Verschwinden der aus der Stadt Schönebeck stammenden Inga soll der Verdächtige auf einem Autobahnrastplatz bei Helmstedt einen Unfall gehabt haben. Die Anwältin von Ingas Mutter forderte laut „Volksstimme“ nun neue Ermittlungen.

Die fünfjährige Inga war am 2. Mai 2015 in einem Wald bei Stendal verschwunden. Sie hatte mit ihrer Familie einen Ausflug in den Ortsteil Wilhelmshof gemacht. Man wollte Holz für ein Lagerfeuer suchen. Nachdem Inga nicht zurückkehrte, startete eine riesige Suchaktion auf dem gut 3.500 Hektar großen Gelände, Hubschrauber wurden eingesetzt, ebenso Suchhunde. Umfangreiche Ermittlungen konnten den Fall bisher nicht klären. Die Region liegt rund 100 Kilometer nordöstlich von Braunschweig.

Verdächtiger fantasierte in Chat über Missbrauch
„Der Spiegel“ berichtete unterdessen, der im Fall Maddie Verdächtige habe in einem Chat über die Entführung und den sexuellen Missbrauch eines Kindes fantasiert. Das gehe aus dem deutschen Magazin vorliegenden Ermittlungsunterlagen hervor. Er wolle „etwas Kleines einfangen und tagelang benutzen“, schrieb der Mann demnach im September 2013 in dem Chat an einen Bekannten. Auf dessen Einwand, dass das gefährlich sei, entgegnete er: „Och, wenn die Beweise hinterher vernichtet werden.“ Auch der „Spiegel“ erwähnte die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden der fünfjährigen Inga. Der Braunschweiger Verteidiger des Verdächtigen habe eine Anfrage des Magazins zu den Vorwürfen unbeantwortet gelassen.

Im Fall Maddie ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen Mordes gegen den 43-jährigen Deutschen. Bei dem Beschuldigten handelt es sich demnach um einen mehrfach vorbestraften Sexualstraftäter, der derzeit in anderer Sache eine längere Haftstrafe verbüßt. Die damals dreijährige Madeleine war am 3. Mai 2007 aus ihrem Zimmer in einer Ferienanlage im südportugiesischen Badeort Praia da Luz verschwunden, wo sie mit ihrer Familie Urlaub machte. Sie wurde bis heute nicht gefunden. 

Der Verdächtige lebte nach Angaben der Ermittler zwischen 1995 und 2007 regelmäßig an der Algarve, darunter einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz. Immer wieder pendelte er zwischen Deutschland und Portugal, wurde in beiden Ländern mehrmals straffällig. Laut "Spiegel" weist das Strafregister des Mannes insgesamt 17 Einträge auf. 

Verdächtiger konnte sich einen Monat frei in Europa bewegen
Am Freitag wurde außerdem bekannt, dass der Verdächtige vor knapp zwei Jahren in Schleswig-Holstein zeitweise aus der Haft entlassen worden war. Der 43-jährige Deutsche habe sich anschließend frei in Europa bewegen können und sei nach Italien gereist, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

Zur Freilassung kam es demnach vor allem, weil die Staatsanwaltschaft Flensburg zu spät gehandelt habe. Der Mann verbüßte dem Bericht zufolge im August 2018 eine Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes, die Ende des Monats auslaufen sollte. Die Anklagebehörde wollte laut diesen Angaben mithilfe einer noch offenen Strafe wegen Drogenhandels verhindern, dass er auf freien Fuß kommt. Um die ursprünglich zur Bewährung ausgesetzte alte Strafe von einem Jahr und neun Monaten zu vollstrecken, habe die Staatsanwaltschaft Flensburg aber erst die Justiz in Portugal um ihr Einverständnis bitten müssen. Von dort war der Verdächtige im Juli 2017 ausgeliefert worden.

Bei dem Antrag auf Auslieferung hatte die deutsche Justiz laut „SZ“ das alte Urteil wegen Drogenhandels nicht erwähnt. Ohne Einverständnis Portugals durfte die deutsche Justiz demnach nun nicht darüber hinausgehen. Den neuen Antrag habe die Staatsanwaltschaft dann sehr spät gestellt. Der Mann sei deshalb Ende August aus der Haft entlassen worden. Erst am 27. September 2018 sei er wieder festgenommen worden.

In Kiel in Haft
Seither sitzt erin Kiel eine alte Haftstrafe ab, die das Amtsgericht Niebüll 2011 gegen ihn verhängt hatte. Dabei ging es um Handel mit Betäubungsmitteln. Parallel ist wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn Untersuchungshaft angeordnet. Denn zuletzt verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig am 16. Dezember 2019 wegen schwerer Vergewaltigung unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft. Er hatte demnach 2005, rund eineinhalb Jahre vor dem Verschwinden Maddies, in Praia da Luz eine damals 72-jährige Amerikanerin vergewaltigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Revision liegt beim deutschen Bundesgerichtshof.

Die Ermittler in Braunschweig sind für den Fall zuständig, weil der Verdächtige seinen letzten deutschen Wohnsitz in der Stadt hatte. Aus Gerichtsunterlagen geht hervor, dass der Mann ab Dezember 2012 mit seiner damaligen Lebensgefährtin einen Kiosk eröffnete. Nach der Trennung führte er ihn allein weiter, bis er nach etwa eineinhalb Jahren das Geschäft aufgrund eines Burn-outs aufgab. „Ich habe ihn als aggressiv erlebt“, zitierte die „Bild“ am Freitag den Nachmieter. Er habe bei vielen Leuten Schulden gehabt, sagte der Mann dem Blatt.

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