21.05.2020 14:30 |

Corona & Beziehungen

„Ein Spaziergang auf den eigenen Nerven“

Nicht nur Beziehungen seien während des „Lockdowns“ einer Zerreißprobe ausgesetzt gewesen, auch bei Singles habe Corona als Brandbeschleuniger gewirkt, sagt Psychologin Ulrike Paul. Mit den Lockerungen kommen neue Gelegenheiten - und echte Chancen.

„Die Krise als Chance“ – so abgedroschen diese Phrase sein mag, sei sie im Kern doch wahr, sagt Ulrike Paul. Die Psychologin aus Innsbruck ist Sexual- und Paartherapeutin und hilft ihren Klienten zu be- und verarbeiten, was durch die Krise offengelegt wurde.

„Es sind meist Konflikte, die schon vor der Quarantäne unterschwellig gebrodelt haben – aber im Alltag gut zur Seite geschoben werden konnten“, sagt Paul. Durch das ständige „aufeinander kleben“ seien sie aber an die Oberfläche geraten, haben sich dynamisiert – bis hin zu Trennungen. Nicht selten seien Aggressionen entstanden. „Ich halte es nicht mehr aus“ – ein Satz, der in vielen von Pauls Sitzungen fiel.

Situation hat sich oft zugespitzt
„Man war ja dem Partner permanent ausgesetzt, hatte die Eigenheiten des anderen ständig vor der Nase“, sagt Paul. Die Situation habe sich oft zugespitzt, wie „ein Spaziergang auf den eigenen Nerven“. „Erschwerend hinzu kommen Themen wie Homeoffice und -schooling sowie finanzielle Verluste, von der Kurzarbeit bis hin zu Arbeitslosigkeit“, sagt Paul.

Doch Paare, die es bis hier hin geschafft haben, stehen nun vor neuen Möglichkeiten: „Mit dem neuen Abstand durch die Lockerungen kann man sich in Ruhe jenen Themen widmen, die Corona an Land spülte“, erklärt die Therapeutin und warnt „nun nicht alles unter den Teppich zu kehren“.

„Ein, zwei Stunden – ohne Kinder im Haus“
Man könne sich nun bewusster mit Konflikten auseinandersetzen, einen Rahmen schaffen – und die Krise als Wendepunkt nützen. Paul empfiehlt, dass sich Paare einen Termin vereinbaren, in dem sie die Themen aufgreifen. „Ein bis zwei Stunden, ohne Kinder im Haus, in denen man in Ruhe darüber spricht“, führt sie aus. Und es dann bis zum nächsten Termin – ohne Ärger – gut sein lasse.

Wenn die Fronten aber derart verhärtet sind, dass das nicht mehr möglich sei, etwa weil zuhören nicht funktioniert oder sich das Gefühl von „es nützt ja sowieso nichts“ etabliert hat, empfiehlt Paul, sich professionelle Hilfe zu holen. „Oft reichen schon wenige Sitzungen, um eine Kommunikationsbasis zu schaffen.“

„Singles kommen oft aus dem Grübeln nicht raus“
Das aufeinander bezogen sein auf der einen Seite – die Einsamkeit auf der anderen: Auch für Singles waren die Wochen des „Lockdowns“ kein Spaziergang, wie Paul weiß: „Viele haben Bilder im Kopf von der perfekten Familie und das Gefühl ,alle haben jemanden, nur ich nicht’“.

Vor allem Personen, die sozial nicht gut eingebettet sind, seien durch die Krise „ins Grübeln“ gekommen - und oft nicht mehr heraus. Ein Tunnelblick entstehe, dabei sei eine Partnerschaft meist nicht der einzig wahre Schlüssel zum Glück.

Muster hinterfragen, neue Wege gehen
Für Singles ergebe sich nun die Möglichkeit, genauer hinzuschauen, „wo es Mängel gibt – etwa wo man im Leben nicht die Bindung erlebt hat, die man bräuchte, um sich auf eine Beziehung einzulassen“, erklärt Paul. „Oder typische Muster zu hinterfragen und die Erkenntnisse, die man nun gewonnen hat, mitzunehmen“, wie die Psychologin rät.

Denn wie man es auch drehe und wende, kalt habe die Situation niemanden gelassen. Nun gilt es, das Erfahrene möglichst aufzugreifen, sodass mit dem Virus vielleicht auch der eine oder andere Konflikt – mit dem Partner oder sich auch selbst – verschwindet.

Anna Haselwanter
Anna Haselwanter
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