12.04.2020 06:31 |

Schlagfertig

Trommeln wir uns Trost und Mut zu

Percussion-Weltstar Martin Grubinger schreibt in seiner „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“ eine Liebeserklärung, zudem hat er ein besonderes Ostergeschenk. PLUS: Eine Hausmitteilung von „Krone“-Salzburg-Chefredakteur Claus Pándi.

Diese Osterkolumne ist eine Liebeserklärung. Ja, so dick trage ich auf.

Nicht in der Art, wie Sie es erwarten. Die Liebeserklärung an meine Frau veröffentliche ich nicht, keine Sorge. Nein, heute will ich Musiker hochleben lassen, mit denen ich seit 15 Jahren eine Bandbreite unvergesslicher Momente teile und die ich derzeit unendlich vermisse. Die Musikerkollegen meines Ensembles „The Percussive Planet“ sind für mich etwas ganz Besonderes.

Im üblichen Konzertbetrieb hetzt man von Probe zu Probe, von Konzert zu Konzert. Da bleibt wenig Platz für Reflexion. Jetzt aber ist dieses große emotionale Loch.

Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen haben wir bis dato keine Perspektive zum Festhalten. Eher spüren wir, dass es wohl sehr lange dauern wird, bis wir uns auf der Bühne wiedersehen.

Und selbst dann wird nichts mehr sein wie zuvor. Künstlerseelen sind sensibel und fokussiert auf das für uns Wesentliche. Die Bühne! Der Moment im Konzert, wenn kleine und größere musikalische Rädchen ineinander greifen und der Flow, das Adrenalin, der in der Kindheit antrainierte Instinkt, uns zu metaphysischen Momenten im Konzert treiben. Über die Grenze dessen, was wir in den Proben erarbeitet haben - weit über das Erwartbare hinaus.

Mit den meisten Kollegen musiziere ich seit meiner Kindheit. Viele aus Zeiten, als wir erstmals auf großen Bühnen musikalische Gehversuche gewagt haben. Oft habe ich in den Proben das Äußerste der körperlichen Machbarkeit abverlangt. Nach 15 Stunden Proben noch zwei weitere Stunden eingefordert. Angefeuert, angeschrien, gestritten, gestikuliert und gewütet.

Mit mir ist es in diesen Proben nie leicht. Zu sehr bin ich getrieben von der Neugierde, mit noch mehr Detailversessenheit und Akribie die Grenzen zu verschieben. Keine Frage - meine Kollegen leisten Außerordentliches.

Umso schmerzvoller ist es, zum Nichtstun verdammt zu sein. Keine Proben, keine Treffen, keine Konzerte, keine Projekte. In diesen Tagen denke ich gerne an die vielen Konzerte zurück, höre mir Aufnahmen an und klicke mich durch Internet-Videos.

Und dann wird mir schwer um‘s Herz. Klar, auch Musiker müssen ans wirtschaftliche Fortkommen denken. An die Miete, die Versicherungen, die Schulbildung der Kinder und die Ausgaben des täglichen Lebens. Aber wirklich schmerzt uns die Absenz des gemeinsamen Moments.

Wenn es im Saal ganz still wird. Kein Husten, kein Rascheln. 2000 Menschen teilen einen wunderbaren Augenblick auf den Hauch eines Klangs konzentriert, der im Saal schwebt. Zeit, Ort, Menschen, Begegnungen - alles schwindet und man ist eins mit der Musik und den Künstlern, die sie wiedergeben. Oder andersrum: Wenn man ein massives Fortissimo in den Saal hämmert, Puls 190, das Herz pumpt, schweißdurchnässt die Mitspieler beobachtend, alle am Limit. Da lernt man sich wirklich kennen. Da gibt es für niemanden ein entrinnen. Im täglichen Leben, der täglichen Probe kann man sich etwas vormachen. Im Moment, wenn die Musik dem unausweichlichen Höhepunkt zuströmt, offenbart sich der Charakter des Gegenübers. Das ist Wahrhaftigkeit. Derzeit sitze ich oft auf meinem Rennrad, fahre über die Hügel des Salzkammerguts, höre Musik von Gustav Mahler und verdrücke ein paar Tränen in Gedanken an die besonderen Augenblicke des gemeinsamen Musikmachens. Doch in den vergangen Tagen gab es Trost.

Für diesen Ostersonntag wollte ich etwas Besonderes vorbereiten. Da kam mir die Idee, meine Kollegen, die über drei Kontinente verstreut sind, einzuladen und für Sie einen Song aus unseren Wohnzimmern, Kellern, Schlafzimmern, Studios zu zelebrieren. Und zwar - und das ist wichtig - ganz ehrlich und pur. Keine Playbacks, keine Halbplaybacks, kein Fake. Sie hören exakt wie wir klingen, wenn wir an verschiedenen Orten in unsere Handymikrofone spielend, Musik machen und uns damit ein bisschen Trost spenden und gleichzeitig Mut zutrommeln. Denn etwas anderes haben wir derzeit nicht.

Ihr Martin Grubinger

Einfach tun

Martin Grubinger ist ein Mann, der wenig schläft. Seine Neugierde ist ansteckend, seine Energie ein Wunder, sein Optimismus fast unerschütterlich. Und plötzlich das große Schlamassel mit dem Virus. Wie viele von uns hatte er plötzlich alle Hände voll zu tun mit Nichtstun.

Aus dem kurzen Moment der Leere hat sich Grubinger schnell selbst befreit. Mit einem neuen Projekt haben Grubinger und seine Freunde rund um die Welt in wenigen Tagen musikalische Ostergrüße für unsere Leserinnen und Leser produziert - zu finden unter www.krone.at/musik.

Martin Grubinger wollte das aber auch für einen guten Zweck tun: für die mit Caritas-Präsident Michael Landau entwickelte „Krone“-Initiative „füreinand“. Da war nach einem kurzen Telefonat „Spar“-Chef Gerhard Drexel gleich mit an Bord. Er hat das Projekt unkompliziert unterstützt. Die „Spar“-Spende geht nicht an die Künstler oder gar an die Zeitung, sondern sie kommt umweglos der Caritas-Aktion zugute.

Nicht lange reden, einfach tun.

Danke.

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