22.02.2020 02:53 |

Stadthallen-Party

Abriss mit Deichkind: Wir hörten die Signale

Party ohne Ende - vor rund 10.500 Fans feierten Deichkind nach vierjähriger Abwesenheit am Freitagabend in der Wiener Stadthalle, als gäbe es kein morgen mehr. Mit unzähligen Hits aus ihrer bunten Diskografie und einer fulminanten Bühnenshow brachten sie die Menge zur Ekstase.

„Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen“, hat Hollywood-Kultaktrice Audrey Hepburn einst inbrünstig gesagt. Doch das bewusste Entziehen aus der Aufmerksamkeitsspirale muss nicht immer förderlich sein. Musik- und feierbewusste Besucher in Deutschland und auch Österreich sind sich schon seit zwei Jahrzehnten sicher, dass keine Party ohne Deichkind stattfinden darf. Zurecht! Das Hamburger Electrodadapunkpop-Kollektiv, das weder sich, noch seine Besucher schont, hat mit seinem nihilistischen Zugang zu Musikbusiness, Gesellschaftsdenken und Politik schon vor langer Zeit einen Paradigmenwechsel eingeläutet. Krude anmutende Kostümierungen, kunterbunte Bühnenshows, Grenzenlosigkeit in all ihren Ausformungen. Ein Panoptikum der vertonten Anarchie, bewusst Haltung zeigend und sich gegen das Establishment auflehnend.

Der wahre Geist
Den viel zitierten Irrsinn findet man nämlich nur an der Oberfläche. Wer tiefer gräbt, dem eröffnet sich eine ganze Palette an Themenbereichen, die von Kryptik Joe und Porky gerne an die Oberfläche gezerrt werden. Das ist auch der Grund, warum eine Deichkind-Show dermaßen generationsübergreifend funktioniert. Für die Kleineren gibt es eine grelle Show mit allerlei Effekten und Abenteuern, die Biertrink-Fraktion kann sich von fetten Beats umnebeln lassen und der ergebene Hardcore-Fan steht süffisant lächelnd neben allen anderen. Wissend, dass Songs wie „Hört ihr die Signale“ oder „1000 Jahre Bier“ gar nicht den wahren Geist der Band widerspiegeln. Es sind vielmehr die Themenbereiche, mit denen sich jeder einzelne der 10.500 Besucher in der Wiener Stadthalle selbst auseinandersetzen muss: Liebe, Beziehung, Job, Staat, Zukunftssorgen, Ungerechtigkeit.

Deichkind sind in erster Linie Kommentatoren der Gegenwart. Sie beobachten, analysieren und werten. In der Generation „Flat Rate“ prangern die Hamburger mit großer Inbrunst die Konsumgesellschaft an. Das geht aus Songs wie „Dinge“, „Richtig gutes Zeug“ oder auch dem etwas älteren, immens eingängigen „Die Welt ist fertig“ deutlich hervor. Während bei der Show zwischendurch bis zu 14 Personen in obskurer Kostümierung über die Bühne tänzeln und mit einfachen Choreografien sehr viel Spielfreude überzeugen, verstecken sie die nachhaltigen Botschaften hinter hämmernden Jahrmarkt-Beats. Im Endeffekt ist das nichts anderes als ein geschickter Taschenspielertrick: wir geben euch den unbändigen Spaß, aber unbewusst projizieren wir auch die Tragik des Daseins in eure Köpfe. Heißt so viel wie: beim Biertrinken macht man als Besucher die gesellschaftspolitischen Hausaufgaben gleich mit.

Erlaubt ist, was gefällt
Grob gesehen teilen Deichkind ihre opulente Show in zwei Teile. Teil eins besteht aus neueren Songs, Teil ist eine einzige Hitstafette. Nicht weniger als 30 Songs spielt das Kollektiv in weit mehr als zwei Stunden und das für einen mehr als fairen Eintrittspreis. Dazu verlangt man für einen Pulli am Merch-Tisch schnittige 50 Euro, während zwei Tage zuvor eine US-Metalband für ihren Zipper nicht weniger als 90 Euro in die Tasche schaufelte. Der Fairness- und Gleichheitsgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Karriere der Hamburger. Wie selbstverständlich propagieren sie auch auf der aktuellen Tour logische Dinge wie Gleichberechtigung, Inklusion, Zusammenhalt und Frieden. Das alles passiert in extrovertierter Aufmachung. Mal stehen Botschaften auf den Pyjamas, dann hüpfen die Protagonisten wahlweise in rot, grün oder rosa über die Bühne, verstecken sich hinter silberglitzernden Zauberkostümen oder mannshohen Voodoo-Masken. Erlaubt ist, was gefällt - nicht umsonst geht es um den „Kindergeburtstag für Erwachsene“.

Trotz all des Krachs und der wirren Effekte bleibt immer Platz für subtile Botschaften. Etwa als Kryptik Joe während „Roll das Fass rein“ auf ebenjenem durch das Publikum reitet und eine „Kein Bier für Nazis“-Fahne schwingt, bei „Hört ihr die Signale“ kein Mensch als illegal gebrandet wird oder bei „Bück dich hoch“ die grassierende Arschkriechermentalität des Berufslebens angekreidet wird, während man zwischendurch - dem Zeitgeist zuträglich - Billie Eilishs Megahit „Bad Guy“ in den Song einbaut. Bei „Gewinne Gewinne“ veräppeln Deichkind die inhaltslosen Deutschrapper und mit Songs wie dem Stampfer „Keine Party“ oder dem Quasi-Manson-Cover „Bude voll People“ wollen sie sich paradoxerweise reifer zeigen, als sie sind. Nice try! Da passt es folgerichtig nur dazu, dass das neue Bandmaskottchen Lars Eidinger im elendslangen Intro als lebendiges Kunstwerk in blauer Farbe getaucht auf der Leinwand herumschwirrt und sich das gesamte Kollektiv beim Nonsens-Stampfer „Oma gib Handtasche“ am Trampolin verausgabt und dabei sogar an die Krawallelektronen Scooter erinnert.

Das Bandpuzzle
Bei Deichkind geht es um die Hipster und Popper, um die Umwelt und das Ende, um den Schnaps und das Bier, um Social Media und Zweisamkeit, um Monetarismus und Esoterik. Wie keine zweite Band in jedwedem Genre erlauben sie sich, einfach alle Themen des Alltags in einen großen musikalischen Mixer zu werfen, um textlich durchdachte und musikalisch kongruente Stücke daraus zu formen. In gewisser Weise basteln Deichkind seit 20 Jahren an einem großen Puzzle, dessen wichtigste Stücke bereits verankert im Gesamtbild festsitzen, wo es aber noch immer viele Details im Kleinen zu erforschen gibt. Beim Schlusstrack „Remmidemmi“ herrscht auf der Bühne derartige Anarchie, dass man sich an eine Redaktionssitzung beim verblichenen „Mad Magazine“ erinnert fühlt. Außerdem: Wo sonst gibt es pyramidenförmige Lampions, die scheinbar unbegrenzt Bier ins dürstende Publikum fließen lassen? No Deichkind, no Party!

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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