15.01.2020 06:00 |

„There Is No Year“

Algiers: Ohne Protest durch den Albtraum Realität

Spätestens mit ihrem zweiten Album „The Underside Of Power“ haben Algiers bewiesen, dass sie zu den interessantesten und wichtigsten Bands der neupolitischen Strömung zählen. „There Is No Year“ fällt noch dystopischer, industrieller und unbehaglicher aus. Eben die perfekte Vertonung für die aktuelle Weltlage.

Es ist mittlerweile gut bestellt um das politische Gewissen im internationalen Musiksektor. Rage Against The Machine feiern ihr vielumjubeltes Comeback zwar ausgerechnet beim umstrittenen Instagram-Festival Coachella in Kalifornien, machen aber Hoffnung auf ein brandneues Statement entgegen der kriegstreibenden US-Regierung. Fever 333 haben besagte Althasen zum Vorbild genommen und werden mit ihrer Hardcore-/Nu-Metal-/Alternative-Rock-Mischung samt gesellschaftskritischen Inhalten bald die großen Festivalbühnen zur Abendzeit besteigen. Und dann gibt es auch noch Algiers, dieses wütende, aber stets stilvoll mäanderte Quartett aus Georgia, Atlanta, das sich aber skurillerweise im verregneten London zusammenrottete, um dem Publikum die prekären Zustände auf diesem Globus zu vermitteln. Kaum zu glauben, dass der letzte Österreich-Auftritt vor knapp zwei Jahren im kleinen Wiener B72 über die Bühne ging, während man wenig später mit Depeche Mode tourte, Massive Attack ins Studio holte und die ebenfalls gesellschaftskritischen Young Fathers als Live-Begleitschutz schätzen konnte.

Kraft und Energie
Gute zwei Jahre lang waren Frontmann Franklin James Fisher und Co. mit ihrem Zweitwerk „The Underside Of Power“ unterwegs. Eine gleichermaßen wichtige, wie erschöpfende Erfahrung, denn nicht nur gelang mit diesem Album der breitenwirksame Durchbruch, sondern mussten Algiers auch erkennen, dass die allabendliche Revolution sehr viel Kraft und Energie kostet. Die Wut gegen das Establishment und die Abneigung gegen spaltend-kapitalistische Strukturen sind geblieben, doch so ganz konnten sie die persönlichen Erfahrungen auf ihrem neuen Werk „There Is No Year“ nicht ausblenden, wie Fisher dem Online-Magazin „The Last Mixtape“ ins Diktiergerät sprach. „Es ist sicher kein dummes Album über das Touren, aber die Jahre des ständigen Unterwegsseins und des Schlafens in klapprigen Vans und billigen Hotels haben uns eine neue Form von Desorientierung und Einsamkeit gelehrt. Diese Erfahrungen wollten wir dieses Mal direkt durch unsere Erfahrungen weitergeben. Und auch durch die Erfahrungen, die die Menschen machten, die wir über all diese Zeit getroffen und kennengelernt haben.“

Mehr denn je haben die Bandmitglieder beim Schreiben des neuen Albums darauf geachtet, dass es eine gesamtheitliche Identität erfährt. Das engagierte Zufallsprinzip wurde einer strukturierten Arbeitsweise geopfert, was man dem runden Werk durchaus anhört. Rein musikalisch hat sich im Bandcamp innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre einiges verändert. Die Gospel- und Soulanteile wurden deutlich zurückgeschraubt und durch eine dunklere, industrielle Atmosphäre ersetzt. In Songs wie „Chaka“ haben Algiers sogar Mut für ein völlig abgedrehtes Saxofonsolo, während düstere Elektronik beim Großteil der restlichen Tracks für ein latentes Gefühl des Unwohlseins sorgt. Das wiederum passt zu den aufrührerischen und politischen Texten, die sich ohne Peinlichkeit und mit sehr viel poetischem Geschichtsbewusstsein offenbaren. Das Grundkonzept des Albums liegt einem von Fisher geschriebenen Gedicht namens „Misophonia“ zugrunde, das sich kritisch mit politischen und gesellschaftlichen Strömungen auseinandersetzt und auch die oftmalige der Willkür der Medien in den Mittelpunkt stellt.

Keine Protestband
Ließen Algiers den Vorgänger noch von Portisheads Adrian Utley produzieren, hat man auch in dieser Hinsicht die Rolläden runtergefahren. Die Produktion übernahmen dieses Mal Ben Greenberg und Randall Dunn, der seine geübten Finger in düsteren Gefilden der Marke Sunn O))), Marissa Nadler, Anna von Hausswolff oder Wolves In The Throne Room vergräbt. Diesen Einfluss hört man nirgendwo besser raus als im dystopischen Album-Closer „Nothing Bloomed“, auf dem Lee Tesche seine Gitarre auf Drone-Niveau runtergestimmt und durch einen Bassverstärker jagt. „Ich freue mich darauf, wenn die Leute bei den ersten Liveshows umkippen, wenn sie damit überrollt werden“, lacht Fisher. Ob Palästina, Südostasien, Amerika oder auch Europa - Algiers werden auch anno 2020 nicht müde, sich für Gleichberechtigung und das fällige Ende von Rassenhass und Xenophobie einzusetzen. „Wir sehen uns nicht als Protestband, die nach vorgefertigten Mustern Songs schreibt, aber jede Nummer hat einen sozialen Hintergrund und ist direkt mit der Realität der Menschheit verknüpft.“

Den Albumtitel haben sich Algiers übrigens vom gleichnamigen Buch ihres befreundeten Schriftstellers Blake Butler geborgt. Der lässt darin alle Traditionen und Normen der modernen Literatur beiseite und reflektiert eine dreiköpfige Familie mit einer albtraumhaften Spiegelwelt, in der alle Charaktere in dunklerer Art und Weise noch einmal vorkommen. Bassist Ryan Mahan las Fishers ausuferndes Gedicht, wodurch in seinem Kopf sofort eine Verbindung zu Butlers Buch aufploppte. „There Is No Year“ ist nicht nur eine politisch-dystopische Zukunftsvision, sondern auch ein finsteres Manifest bezüglich der realen Ängste und der allumfassenden Ungewissheit über unsere Zukunft. Es passt mehr als gut zum trotz allem vorhandenen Humor Algiers, dass man mit „Void“ einen Punk-Stampfer als digitalen Bonustrack draufpackt. Hoffnung und Humor darf man schließlich nie verlieren.

Live entfachen Algiers eine besonders starke Atmosphäre. Zum Glück auch bei uns - das Quartett spielt am 22. Februar im Wiener Flex. Karten gibt es noch unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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