02.12.2019 09:00 |

Gewalt gegen Frauen

Zu wenig Ressourcen für die Täterarbeit

33 Frauen wurden in Österreich alleine heuer ermordet. Jede fünfte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt. Die Aktion „16 Tage gegen Gewalt“ macht derzeit auf die erschütternde Problematik aufmerksam. Neben dem Opferschutz ist vor allem auch die Täterarbeit wichtig, um Gewalt im Keim zu ersticken. Doch die Ressourcen sind knapp. In Innsbruck wartet man bis zu acht Wochen.

Seit 25 Jahren arbeitet Martin Christandl bei der Männerberatung „Mannsbilder“ in Tirol, in der „Tiroler Krone“ spricht er über Gewalt, Geld und Grenzen.

Was kann man sich unter Männerberatung vorstellen?
Vor 25 Jahren gab es zwei Frauenhäuser, aber keine Täterarbeit – das war der Start der „Mannsbilder“. Alleine heuer haben wir bisher 500 Männer betreut, 173 davon explizit wegen ihrer Gewaltbereitschaft.

Über eine Zuweisung?
Rund 10 Prozent kommen über das Gericht. Der größte Teil, also 80 bis 90 Prozent, kommt freiwillig.

Gehört die Freiwilligkeit zum Konzept?
Ja, man ging immer davon aus, Männer müsse man zwingen, aber das ist falsch. Manche kommen, weil die Partnerin Druck macht. Aber der Großteil der Männer will selbst etwas verändern. Das ist die halbe Miete, weil Bereitschaft da ist.

Es können aber nicht alle sofort betreut werden, oder?
Nein. In Innsbruck ist der Bedarf so groß, dass es im Schnitt acht Wochen Wartezeit gibt. Männer, die sich wegen Gewalt melden, sollten aber sofort betreut werden, weil wenn es sich um eine Krise handelt, kann das nach zwei Monaten kurzfristig wieder in Ordnung sein. Über die Wartezeit brechen uns 50 Prozent der Männer weg. So passiert Gewalt, die verhindert hätte werden können. Es gibt ja auch keine andere Anlaufstelle.

Wie wird finanziert?
Über das Familienministerium, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck. Die Gelder reichen aber nicht aus. Im Außerfern bräuchte es dringend eine Zweigstelle – im Moment nicht möglich. Das geht soweit, dass wir wahrscheinlich Spenden annehmen werden müssen.

Kommt es tatsächlich zu einer Beratung – was wird erlernt?
Es gibt verschiedene Strategien. Etwa das „Time Out“: Die Klienten lernen, die Anspannung im Körper wahrzunehmen und rauszugehen, denn das ist oft der Moment, in dem sie handgreiflich werden. Der Gewaltkreislauf hat immer eine bestimmte Logik.

Das heißt?
Viele Männer müssen lernen, in sich hinein zu spüren. Sie nehmen häufig erst viel zu spät wahr, dass sie schon lange im roten Bereich sind und rasten dann wegen banalen Dingen aus.

Es geht also um Verantwortung über sich selbst?
Genau. Sodass man spürt, wenn die Belastung zu groß wird und Probleme in der Beziehung auch früh genug anspricht. Uns ist es wichtig, Männern zu vermitteln, dass sie ein Problem haben, aber nicht krank sind. Man kann grundsätzlich die Lebensentscheidung treffen, Konflikte anders zu lösen und nicht gewalttätig zu sein. Außerdem wird Opfer-Empathie erlernt – empfindet man das Leid der Frau nach, tut man sich schwer, ihr wieder weh zu tun.

Wie wichtig sind Rollenbilder? Werden Buben noch als „tapfere Indianer“ erzogen?
Das ist besser geworden. Ein großes Problem sind aber die Computer-Spiele, die Bilder von kaltblütigen Kriegern vermitteln. Die Empathie wird aberzogen. Man kann nur hoffen, dass reale Männer den Burschen andere Bilder vorleben. Wir sind deswegen auch an Schulen, um Präventionsarbeit zu leisten und den jungen Männern beizubringen, diese Bilder zu hinterfragen.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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