01.12.2019 17:55 |

Autumn-Leaves-Festival

Minimalistische Balladen und ganz große Gefühle

Wie passend: Mit einem „Herbstseufzer“ eröffnet die junge Grazer Singer/Songwriterin Astrid Hierzberger alias Fräulein Astrid am Donnerstag das Autumn-Leaves-Festival 2019. Mit entzückender Ehrlichkeit erzählt sie in ihren zärtlich-hymnischen Songs von Ängsten und Träumen.

Lokalen Ausnahmetalenten wie ihr eine Bühne zu bieten, ist eine der Kernaufgaben dieses Festivals: Das gilt auch für die zweite Band des Abends: Denn auch wenn die Musiker von Good Wilson einschlägige Banderfahrung (Polkov, Martha) haben, sind sie doch relativ frisch formiert. Hören kann man das freilich nicht, so stilsicher und konsequent wie sie ihr Konzept vom melancholischen Midtempo-Dreampop im Dom im Berg durchziehen.

Stargast am ersten Abend
Eine ganz andere Energie brachte im Anschluss der Star des Abends auf die Bühne. Der Brite Tom Rosenthal ist eigentlich für minimalistische Balladen bekannt, profilierte sich bei seinem ersten Graz-Gig aber auch als Entertainer und Komödiant. Songs über Pasta und Hummus hatte er ebenso im Gepäck wie ein Geburtstagsständchen für seine Cellistin. Und wie gerne er „gute Melodien für Nischen-Themen“ verschwendet, bewies er mit dem herrlichen „Hey Luis Don’t Bite Me“ über den Fußballer Luis Suárez, der bei der WM’14 mit einem einzigen Biss Berühmtheit erlangte.

Im Kontrast dazu wirken die Balladen, die er natürlich auch spielt, umso dramatischer. Songs wie „It’s Ok“ oder „Go Solo“ (bekannt aus dem Til-Schweiger-Film „Honig im Kopf“), in denen er eine schmerzhafte Suche nach einem Funken von Hoffnung in einer Welt der Einsamkeit unternimmt, gewinnen an Intensität, eben weil sie im Nachhall humoriger Miniaturen erklingen.

Was die beiden Seiten seines Schaffens vereint, ist die Schlichtheit, mit der er sie heraufbeschwört. Ein fast banal anmutender Gedanke ist es meist, den er in wenigen Worten und ohne orchestrale Grandezza ausformuliert. Rosenthals Größe liegt in seiner Bereitschaft, sich mit dem Wesentlichen zu begnügen - beim Humor wie bei den großen Gefühlen.

Musikalischer Dampfzug am zweiten Abend
Treten Sie zurück, der musikalische Dampfzug aus Deutschland fährt ein! Mit dem Auftritt des Indie-Folk-Pop-Quartetts Die Höchste Eisenbahn fand der zweite Festival-Tag, der mit sonorigen Hymnen von Jesse Marchant und schillernden Kuriositäten von Mira Lu Kovacs begonnen hatte, einen abgefahren gute Endhaltestelle.

Wie dafür gemacht, miteinander zu singen, sind die Stimmen der Frontmänner Moritz Krämer und Francesco Wilking - zudem hat das Duo nun echt keine Hemmungen stets aufs Ganze zu gehen: Nach dem umjubelten Festivalauftritt legten sie noch ein DJ-Set im Grazer Guestroom nach - das nennt man Hingabe!

Neue Gelassenheit zum Finale
Von Einspringern, die quasi direkt von der Straße kamen, wurde der finale Festivaltag eröffnet: Nachdem Small Feet kurzfristig abgesagt hatte, übernahmen Jeronimo Jones: Das US-Salzburger Duo verdingt sich eigentlich mit Straßenmusik, weiß mit seinen kraftvoll direkten Folk-Pop-Perlen freilich aber nicht nur in Fußgängerzonen zu begeistern.

Die jazzige Seite des Singer/Songwritertums brachte die Steirerin Ines Kolleritsch auf die Bühne. Mit kompromissloser Individualität und doch hörbar beeinflusst von weiblichen Stars der Szene changiert sie zwischen hypnotischem Minimalismus und souliger Grandezza.

Zu einer neuen Gelassenheit scheinen die Neo-Austropop-Vorreiter von Garish gelangt zu sein, die das Festival am Samstag beendeten. Nach über 20 Jahren Bandgeschichte haben die Burgenländer ihre „einigermaßen betagten“ Songs „einigermaßen neu verpackt“, wie Sänger Thomas Jarmer erklärt. Vor allem haben sie dafür die mitunter affektiert wirkenden Dringlichkeitsgesten früherer Auftritte durch eine völlig entspannte Sinnlichkeit ersetzt. Das Resultat kann man auch auf dem Live-Album „Rosen & Applaus“ nachhören. Garish sorgten also für das umwerfend gute Finale eines umwerfend guten Festivals.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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