27.11.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Ghost: „Ich bin in dieser Band zu sehr Diktator“

Gerichtsverhandlungen und die Demaskierung von Frontmann Tobias Forge prägten viel zu sehr die letzten Monate bei den schwedischen Rockern Ghost. Mit neuer Mannschaft, einer ganzen Wagenladung voll Ideen und einer üppigen Tour arbeitet die Band mit dem Gespür für eingängige Hits aber weiter fleißig daran, zur größten Rockband der Welt zu werden. Die „Krone“ bekam Audienz - aber nicht seinem Bühnen-Alter-Ego Cardinal Copia, sondern bei Forge selbst. Der erwies sich als fokussierter und nachdenklicher Stratege, der mit Ghost weit mehr vor hat, als bloß Preise abzuräumen und Festivals zu headlinen.

„Krone“:Tobias, mit Ghost hast du dein Lebensprojekt gefunden, das du auch mit sehr viel Fleiß und Einsatz pflegst. Permanent auf Tour, regelmäßig Alben, Videos und viele Ideen, die über die Musik hinausgehen. Wie geht sich das alles aus, ohne zu überlastet zu sein?
Tobias Forge:
Ich habe ein Ziel in meinem Kopf und das verfolge ich beharrlich. Man ist ja niemals wirklich fertig mit etwas. Einfach über meine eigenen großen Helden zu lesen oder mit ihnen zu reden, ist schon so inspirierend. Ich rede von Musikern in anderen, großen Bands und sogar sie haben neue Pläne, auch wenn sie oft fast alles erreicht haben. Selbst auf einer Tour wie der letzten mit Metallica gibt es immer etwas, das sie verbessern und perfektionieren wollen. So geht es mir auch. Ich bin extrem motiviert, immer den nächsten Schritt zu gehen. Ich habe keine Ahnung, was es bedeutet, eine Pause zu machen. Ich will eher in einen Bewusstseinszustand kommen, wo ich mir sagen kann, dass ich so viel wie möglich erreicht habe und dann eine unspezifisch lange Zeit von der Bühne verschwinde. (lacht) Gerade jetzt bin ich so frei, dass ich mir alles erlauben könnte - etwa ein Café zu eröffnen. Aber ich habe über die letzten Jahre hinweg gemerkt, dass solche Gedanken wie die Karotte mit dem Esel sind. Er läuft ihr hinterher, aber erwischt sie nie. Vor zwei Jahren habe ich an jetzt gedacht, jetzt denke ich drei Jahre voraus. Ich weiß genau, was ich in den nächsten drei Jahren alles machen will.

Du hast also immer ein absolut klares Konzept über die Zukunft und die nächsten Schritte, die du mit Ghost planst? Gehst du eigentlich manchmal abseits des Weges oder Kompromisse ein?
Manchmal muss man das Konzept überdenken und dann kann es schnell gehen. Ich weiß oft sehr bald, was ich nicht tun will, das erleichtert auch vieles. Einem Impuls folgend kann ich die Richtung abändern und das muss manchmal auch so sein. Der Vergleich mit Kriegsführung klingt jetzt drastisch, aber wenn du ein guter General bist, musst du schnell entscheiden können. (lacht) Entweder attackierst du, oder du ziehst dich zurück. Du musst jedenfalls schnell die Situation erkennen und bewerten können. Nehmen wir als Beispiel Österreich und noch spezifischer Wien. Wir haben hier einen Plan, wie wir die Stadt einnehmen können. (lacht) Das hat vor acht Jahren begonnen und von Beginn weg arbeiten wir uns vor. Das Hauptziel ist herauszufinden, wie man die größte Halle oder das Stadion füllt - das basiert aber auf alle Schritte, die du vorher machst. Wie die Stadion-Show mit Metallica funktionierte ist ein Teil meines Plans, was dann im Frühling 2021 passiert und ob sich das ausgeht. Ich muss mir bei meinen Schritten sicher sein. Das klingt etwas wirr, aber ich habe da ein klares Konzept im Kopf.

Es macht auch einen großen Unterschied, ob du mit Ghost im Vorprogramm der größten Metalband der Welt, Metallica, reüssieren musst, oder ein Konzert vor dem Publikum spielst, das für dich da ist.
Wenn man nicht Headliner ist, muss man die Shows natürlich anders bewerten. So eine Tour ist natürlich nicht dasselbe, wie wenn wir unsere treuen Fans bedienen. Man nimmt diese Supportslots aber auch an, um selbst eine größere Band zu werden. Wenn du Metallica-Fan bist, bekommst du uns als „Bonus“, bist du aber Ghost-Fan, dann kriegst du auf so einer Tour nicht das volle Paket, das ist klar. Würden wir in der Wiener Stadthalle als Headliner spielen, dann siehst du Ghost in voller Pracht. Wir spielen aber solche Touren, um einmal in der Wiener Stadthalle zu spielen. Wir waren vor zwei Jahren im Gasometer, das war sehr cool, aber ich will mehr. Da ist mehr möglich.

Ich habe euch im Gasometer vor etwa 2000 Fans gesehen und etwas später auf der gleichen Tour daheim in Stockholm, wo fast 10000 Leute waren. Das war wie in zwei verschiedenen Welten. Musst du dann nicht verschiedene Visionen für verschiedene Länder entwickeln? Weil dir eben nicht überall der gleiche Erfolg vergönnt sein wird?
Natürlich, das ist schon richtig. Du musst wie ein Architekt denken. In einem Eck der Welt hast du Riesenhäuser, in anderen Ländern und Bereichen ist noch mehr Entwicklung nötig und die Häuser sind etwas kleiner. Das ist ein Teil der gesamten Show, das ist klar. Das klingt jetzt alles so trocken systematisch, aber ich glaube daran, dass man im Leben einen Plan oder eine Methode haben muss, um seine Ziele erreichen zu können. Es wäre wohl etwas anders, wenn ich ein Solokünstler wäre. Nur ich mit Gitarre, so wie Ed Sheeran. Dann versuchst du deine Songs zu vermitteln, legst dein Herz und deine Seele rein, aber das Drumherum ist nicht so wichtig. Ich versuche mit Ghost aber eine Broadway-Show zu orchestrieren. Ich will, dass jeder, der unsere Band mag, in unserem Theater ist. Jeder soll dieselbe Show bekommen, denn jeder zahlt auch denselben Preis. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde den Leuten viel zu wenig geben, weil es sich so anfühlt, als würden sie nicht das kriegen, was sie auf YouTube sehen. Ich weiß das und es ärgert mich.

Das kommt halt immer darauf an, wie die Beschaffenheit einer Venue ist, wie groß die Nachfrage ist und wie viel Popularität deine Band allgemein in einer bestimmten Stadt hat.
Es gibt so viele Faktoren, aber das ist auch Teil meiner Ambition. Ich will sichergehen, dass ich alles in meiner Macht Stehende tue, um jeden Markt zu bedienen. Markt klingt so trocken wirtschaftlich, aber im Endeffekt geht es um Märkte. Du musst dir über alles bewusst sein, wenn du das planst. Es gibt viele Künstler, die im Blauen leben und sich nicht einen einzigen Gedanken darüber machen, wo sie sind und was sie gerade tun. Das sind auch die Künstler, die nicht überall gleich gut funktionieren und die sich wundern, warum sie nicht mehr in Eishallen, sondern nur mehr in Clubs spielen und dann die Gigs aus Wut darüber absagen. Das ist nicht cool und den Leuten gegenüber unfair. Man muss immer wissen, warum man hier ist und gerade das macht, was man eben macht.

Ihr seid eine der wenigen Bands, wo die Allgemeinheit behauptet, ihr könntet künftig die ganz großen Rock- und Metalfestivals headlinen. Ist dieser Gedanke auch Teil deiner Motivation, oder steckt da ein Druck dahinter, der manchmal wahnsinnig belastend sein kann?
Mehr Druck motiviert mich. Diese Unterstützung von Promotern, Fans und auch manchen Medien zu kriegen, ist toll. Auch von der Musik selbst. Wenn du daran glaubst, dass du einer dieser Künstler sein könntest, der diese Aufgabe einmal übernimmt, das alleine ist etwas, das die meisten Bands nie verspüren werden. Vor ein paar Jahren wurden wir das erste Mal gefragt, ob wir das „Hellfest“ in Frankreich auf einem Headliner-Spot spielen würden. Das war natürlich ein großes Risiko, aber auch eine große Ehre. Der Promoter meinte damals: „Du glaubst also, ihr wärt bereit dazu? Dann macht es einfach“. Okay. (lacht) Dann mussten wir natürlich auch beweisen, dass wir das Geld wert sind. Wir hatten alle Freiheiten von seiner Seite. Wir hatten klare Pläne und haben dort alles in Brand gesetzt. Die Leute waren glücklich und es hat sich für mich so angefühlt, als hätten wir 200 Prozent gegeben. Wir haben gesehen, dass wir es als Headliner schaffen könnten und das war für mich das Zeichen, von dort weg den Weg so weiterzugehen.

Wie besonders ist so ein Moment, wenn man realisiert, dass da wirklich noch mehr geht als bisher?
Großartig. Ich fühle aber kontinuierlich, dass wir das so machen können. So eine Show war für mich wie in den Ring zu gehen und den ersten Schlag zu kriegen. Anfangs denkst du dir, du willst nicht noch so eine Abreibung haben, aber dann überlegst du, wie du den Kampf gewinnen kannst. Du musst schnell lernen und das geht nur, indem du es einfach probierst. Du kannst dein ganzes Leben damit verbringen, dir etwas zu wünschen und zu ersehnen, aber wenn du den kleinen Finger gereicht bekommst, dann ergreif ihn so fest du kannst und mach alles daraus. Es gab keine Ausreden mehr. Wir mussten liefern und es hat geklappt.

Gehen wir mal in die andere Richtung - wovor fürchtest du dich in der Zukunft am meisten? Vor Misserfolg oder Stagnation?
Das ist eine gute Frage, schwer zu sagen. Ich will nicht, dass es mit Ghost vorbei ist, aber ich weiß, dass es früher oder später so sein wird. Die Pläne, die ich habe, gehen nicht weiter als in die Richtung wo ich mir sicher bin, dass wir sie schaffen können. Die Pläne in meinem Kopf haben nichts zu tun mit einer Rock And Roll Hall Of Fame - als Beispiel. Es geht nicht darum, die klassischen Lorbeeren für 25 Jahre der Bandgeschichte einzuheimsen, wenn du weißt, was ich meine. Das sind schöne Boni, aber keine Ziele. Meine Pläne sind praktischer gedacht und auch glaubhafter. Meine größte Angst wäre wohl, wenn diese Visionen in dramatischer Art und Weise attackiert werden würden und meine Pläne dadurch nicht umsetzbar wären. Wenn ich mir die heutige Musikszene so ansehe kann ich stolz sagen, dass wir kein Teil eines Genres sind, das trendsensitiv ist. Skid Row waren zum Beispiel ganz klar Sleaze Metal. 1989 waren sie die heißeste Band, aber zwei Jahre später kam Nirvana und die Band war tot - so wie die ganze Szene. Es war niemandes Fehler, es passierte einfach. Alles, was 1990 in war, war 1991 out. Die ganze Menge an langhaarigen, blonden, schönen und muskelbepackten Leadsängern hatte 1990 ihre Zukunft vor sich und ab September 1991 waren sie ihre Jobs los. Das allein ist ein Albtraum, der eigentlich unfassbar ist. In den 80ern ging es nur darum, der nächste David Coverdale zu sein und mit einem Fingerschnippen war das vorbei. Wenn man nicht zu zeitgemäß ist, dann kann man nie so brutal fallen. Alles kann passieren, wichtig ist aber nur, dass du auf alle Eventualitäten vorbereitet bist.

Wäre es in eurer Form nicht sogar erstrebenswerter, eine neue Szene zu begründen oder eine allumfassendere Szene anzuführen?
Es benötigt so viele Sicherheiten, um eine Szene zu kreieren. Wenn du siehst, was in Seattle 1991 passiert ist, ist das noch immer unbeschreiblich. Aber jeder, der damals beteiligt war, würde dir sagen, dass es ja viel früher damit angefangen hat. Es gab Nirvana viel früher, Soundgarden seit 1984 und auch Mudhoney waren schon da. Es passierte einfach zufällig, dass all ihre signifikanten Alben 1991 erschienen. Sie kamen quasi zur selben Zeit heraus. Die Jungs waren untereinander alle befreundet und sind immer zusammen abgehangen - das ist eigentlich ein einzigartiger Zufall in der Musikhistorie. Viele haben versucht, so etwas wieder zu erschaffen, aber es gelang niemals. Stockholm mit seiner Death-Metal-Szene ist an diesem Grundgedanken nah dran, natürlich. Das war auch in der fast gleichen Ära, aber auch dort war nie etwas geplant. Es ist einfach so passiert. Johnny Hedlund wurde bei Nihilist gefeuert und gründete dann Unleashed. Da war niemals etwas auf Papier vorgezeichnet, alles geschah organisch. Ich versuche eher weit von dieser Szenenidee wegzuschwimmen. Ich habe mit den Jahren auch Dinge realisiert, die mir früher nie so klar waren. Ich werde niemals meine Gang haben, die ich immer wollte. Ich werde niemals ein guter Bandleader sein, weil ich dafür zu sehr Diktator bin. Ich habe eingesehen, dass ich es nur so machen kann. Ich wollte nie so sein, aber ich bin so und kann es nicht ändern. Ich werde auch niemals 1965 geboren worden sein, was ich mir oft wünsche. You Can’t Always Get What You Want. (lacht) Aber es läuft gut und ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Meine größte Angst wäre, dass meiner Familie etwas zustößt. Wenn da etwas passieren würde, wäre all das hier mit der Band für nichts.

Wäre es überhaupt theoretisch möglich, dass sich heute, mit den derzeitigen Gegebenheiten im Musikbusiness, so eine Szene wie in Seattle oder auch Stockholm bilden könnte?
Mit Sicherheit! Da bin ich sehr überzeugt davon. Rock ist nicht tot und ich glaube daran, dass so etwas immer passieren kann. Eine neue Welle des Rock zu erschaffen, hat nichts mit Medien, Vertrieben und Promotion per se zu tun. Die Medien reagieren dann nur darauf. Nur weil sich Alben physisch nicht mehr so verkaufen wie früher, heißt das nicht, dass die Welt nicht mehr an Musik interessiert wäre. Noch immer wollen viele laut Rock hören und auch in 30 Jahren werden 13-Jährige mit ihrer pubertären Wut lauten und krachenden Punkrock spielen wollen. Ich glaube, dass die Zukunft der Rockmusik von denen diktiert wird, die jetzt Kids sind. Auch wenn ich mit Ghost einen wichtigen Teil der Rockzukunft mitschreiben möchte. Die heute Zehnjährigen kommen, um uns zu sehen. Die 15-Jährigen greifen morgen das erste Mal zu einer Gitarre, weil sie rocken wollen. Die werden die Geschichte schreiben. Wenn du dir heute die Festivalposter ansiehst, funktioniert es in der Realität leider noch nicht so, denn die größten Namen darauf sind die großen Klassiker, die aufhören. Black Sabbath sind weg, KISS folgen ihnen - die Poster müssen also neu gezeichnet werden und die Bands aus der zweiten und dritten Reihe werden nach oben gespült. Das ist aber auch gut so und wichtig für die ganze Rockmusik. Es wird immer neue Bands geben und es werden diese sein, die wir noch nicht kennen. Es tut weh, wenn die großen Helden gehen, aber wenn ich die Mädchen und Jungs mit Ghost inspirieren kann, dann wäre das mein größtes Glück. Ich will, dass Ghost verantwortlich dafür ist, dass diese Kids Rockmusik machen wollen.

Mit dem Alter wird dir also auch die Vorbildwirkung immer wichtiger?
Zumindest will ich ihnen zeigen, dass alles möglich ist. Es geht auch nicht darum, dass immer alles nur in der Vergangenheit stattfindet. Sieh uns an. Innerhalb von acht Jahren sind wir von nichts zum Support-Slot Metallicas geworden. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir sind da und werden bemerkt. Wir sind ein gutes Beispiel, dass alles möglich ist und ich bin mir sicher, dass es anderen Bands auch so gehen wird.

Live-Konzerte
Auf einen Österreich-Termin müssen Ghost-Fans wohl noch bis 2021 warten, inzwischen soll auch das nächste Studioalbum erscheinen, an dem Forge bereits eifrig bastelt. Wer allerdings nur kurz über die Grenzen hüpfen möchte, hat einige Möglichkeiten auf ein Livekonzert. Am 1. Dezember gastieren Ghost in Prag, am 3. Dezember in Budapest und am 15. Dezember in München. Weitere Infos und Karten gibt es unter www.ghost-official.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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