14.11.2019 07:00 |

Neues Album & Tour

Voodoo Jürgens: Ein Herz für alle Missverstandenen

Mit „Ansa Woar“ schaffte es der Tullner/Wiener Vollblutmusiker Voodoo Jürgens vor drei Jahren aus dem Nichts an die Spitze der Charts. Nach ausgiebigen Touren und zahlreichen Veränderungen veröffentlichte er dieser Tage mit „‘s klane Glücksspiel“ den heiß ersehnten Nachfolger, der sich in allen Facetten gereift und erweitert zeigt. Im Interview ließ uns der 36-Jährige hinter die Kulissen seines spannenden Schaffens blicken.

Strizzis, Tschocherl, Beisln, Tschick - wenn die deutsche Musikpresse und längst auch das Feuilleton wieder einmal über wienerische Textergüsse von Voodoo Jürgens stolpert, setzt freudige Schnappatmung ein. Dem 36-Jährigen gelingt geschickt, woran die Künstler aus dem großen Nachbarland seit Jahr und Tag kläglich scheitern: Lokalkolorit derart authentisch und stilsicher zu reflektieren, dass man sich gedanklich direkt in der urigen Welt des Erschaffers befindet. Natürlich können die Deutschen nichts dafür, denn das so verquere wie auch beliebte Bild des sympathischen Tachinierers mit Goldketterl, Proletenschnauzer und Dauergrant lässt sich eigentlich nur in Österreich zeichnen und selbst da nur in östlichen Gefilden. „Ansa Woar“ stürmte vor drei Jahren nicht umsonst direkt auf Platz eins der einheimischen Charts und katapultierte Jürgens zum Sprachrohr der Außenseiter und Underdogs. Niemand anders schafft es derart geschickt, eine Milieustudie über weniger vom Glück verfolgte mit so viel Liebe und Sympathie zu zeichnen. Kein Predigen von oben herab, kein Verurteilen, kein Auslachen - es kann schließlich jeden treffen.

Fernab von Kalkül
Dass sich die Hallen bei Voodoo-Konzerten auch im Rheingebiet und Norddeutschland füllen, überrascht den Künstler manchmal selbst, wie er im „Krone“-Gespräch zugibt. „Den Spirit meiner Songs kriegen die Leute mit. Es geht nicht immer 1:1 um den Text, aber Emotionen und Stimmung spürt man trotzdem. Es muss auch nicht immer alles so aufbereitet sein, damit es jeder versteht. In der Popmusik ist sehr viel auf greifbaren Erfolg ausgerichtet. Ich fand da die Ära der 60er- und 70er-Jahre spannender, wo wirklich jede Platte eine Weiterentwicklung war.“ Die viel zitierte „alte Seele“ ist dem als David Öllerer geborenen Voodoo Jürgens in die Wiege gelegt. Themenwahl, Outfit und sogar Frisur sind so offensichtlich gegen jeglichen Trend gebügelt, dass es gar kein Kalkül sein kann. Vielleicht ist es auch das Vergilbte, Pergamentbehaftete in seinen Songs, das trotz aller schrägen und oftmals negativen Geschichten ein angenehmes Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelt.

Manche Texte vom Debüt hätte er auf seinem brandneuen Album „‘s klane Glücksspiel“ so nicht mehr geschrieben, vermittelte Voodoo schon im Frühling in diversen Interviews. „Ich habe dort einfach gewisse Dinge abgearbeitet und konnte nicht berechnen, was daraus werden würde. Das Album zog doch Kreise, die mich selbst überraschten. Limitiert habe ich mich deshalb aber nicht und was raus muss, das geht auch raus.“ „‘s klane Glücksspiel“ ist in erster Linie ein Glücksfall - gleichermaßen für den Künstler, seine Band, sein Team und vor allem für die Fans. Drei Jahre ließ sich Voodoo für die Platte Zeit, formte und kreierte die Songs nicht mehr alleine, sondern mit seiner etablierten Band, der Ansa Panier, und ließ sich nicht stressen. Ein Luxus, der mit einem Majorlabel im Hintergrund so nicht möglich gewesen wäre und der nun die kreativen Früchte trägt. Das Album ist noch ausgereifter, verspielter, stellenweise auch mutiger. Heterogener im Gesamten und manchmal homogener im Detail.

Kein Grund zu lachen
„Die erste Platte bestand mehr aus einzelnen Kapiteln, hier hängen die Geschichten teilweise besser zusammen.“ Das Beobachten und Geschichtenerzählen sind Dinge, die man als Handwerk nur schwer erlernen kann. Voodoo Jürgens sind sie als Talent in die Wiege und ins Seiterl gelegt. Immer wieder changiert er zwischen realen Erinnerungen und fiktiven Begebenheiten. Vermischt früher Passiertes mit aktuell Bedrohlichem. Etwa in der famosen ersten Single-Auskoppelung „Angst haums“, in der die soziale Kälte in unserer Gesellschaft unnachahmlich doppelbödig inszeniert wird - selbstverständlich ohne den ernsten Kern der Botschaft zu persiflieren. „Ich gehe in dem Song nicht nur aus der Position des besorgten Bürgers heraus ans Werk, sondern beobachte aus allen Winkeln.“ Davon, dass selbsternannte Besserwisser und Moralapostel den „besorgten Bürger“ ins Lächerliche ziehen, hält Voodoo nichts. „Mir ist das zu einfach, wenn alle immer alles runterputzen. Auch wenn es in Österreich vielen gut geht, haben andere große Probleme. Man muss schon schauen, warum die Leute Angst haben und das ist die Aufgabe der Politik. Das Problem ist, dass die einen gerne aufhussen und die Angst fördern, andere wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Man muss aber schon tiefergehen, wenn Menschen Angst haben, und nicht immer alles einfach abtun.“

Beim Songwriting ist Voodoo Jürgens so neutral wie die Schweiz. Diese Vorgehensweise ist unerlässlich, um Raum für Interpretationen zu lassen und den Hörer nicht mit dem wedelnden Zeigefinger zu erschlagen. Wenn er etwa über diverse Grauslichkeiten aus der eigenen Kindheit singt („2l Eistee“, „Ollas nimma deins“), oder in „Heast do hob i scho gnua“ den Widerpart in einer Beziehung charmant als „Flaxn im Gulasch“ bezeichnet, dann schwingt auch in den dunkelsten Phasen ein heller Schimmer voll Ironie an die Oberfläche. „Ich romantisiere in meinen Texten nichts. Manche sind einfach negativ und schwer, andere aber auch nicht. Es gibt aber trotzdem oft die Momente des Miteinanders und Zusammenkommens. Perfekt ist es im Leben bekannterweise ja nur sehr selten.“

Jugend im Alter
Obwohl durch die stärkere Einbindung seiner Band auch die musikalischen Experimente (Balkan-Sounds, Tom-Waits-Verbeugungen, Jazz-Anleihen) erhöht wurden, sind Sprache und Intonation stets das tragende Gerüst des geborenen Tullners, der sich mehr denn je als Hybrid aus Bob Dylan und Manfred Deix erweist. „Deix ist für mich schon seit jeher ein großer Einfluss, weil er immer alles sehr gut auf den Punkt gebracht hat. Es bringt im Leben nichts, wenn man immer nur dem folgt, der eine feste Meinung hat. Jeder muss selbst zu einer Einsicht kommen und meine Aufgabe ist es, zum Denken anzuregen.“ Der größte Erfolg Voodoos ist wohl Wiener Dialektmusik aus dem Altherren-Milieu befreit zu haben. Nun gibt es auch einen unter 60, der mit größtmöglicher Authentizität das Vergangene in die Gegenwart transferiert. Die Pioniere und Legenden, die holt er sich ohnehin als Gäste dazu - in diesem Fall Jazz Gitti und Louie Austen in den beiden Eröffnungssongs „‘s klane Glücksspiel“ und „Kumma ned“. „Für mich ist es spannend, diese Musiker ins Boot zu holen. Name-Dropping ist mir aber egal. Ich arbeite lieber mit Leuten zusammen, die früher richtig coole Sachen machten und wo man den Motor vielleicht wieder ein bissl starten kann.“

Im Dezember geht Voodoo Jürgens mit seiner Ansa Panier auf große Österreich-Tour und wird sich in verändertem Gewand präsentieren. „Wir fahren mit allem auf, was wir haben“, lacht er, „für die zwei Wien-Shows haben wir sogar Bläser mit. Ich bin überhaupt kein Fan von Gewohnheiten. Die Musiker müssen alle meine Nummern spielen können, denn eine fixe Setlist gibt es bei mir eigentlich nur ganz am Anfang, um sich einzuspielen. Interessant wird es dann, wenn es kreuz und quer geht und wir Experimente wagen können.“ „‘s klane Glücksspiel“ wird vermischt mit den alten Hits jedenfalls auch live für Furore sorgen. „Das Album ist kein reiner Trauermarsch, aber auch keine durchgehende Party. Ich mache mir über solche Dinge nicht so viele Gedanken, aber inhaltlich gibt es auf jeden Fall mehr Sympathien für Missverstandene oder Underdogs, als für die Leistungsgesellschaft.“

Große Österreich-Tour
Voodoo Jürgens ist live zu sehen: Am 2. und 3. Dezember in der Wiener Arena (das erste Konzert ist bereits ausverkauft), am 4. Dezember im Salzburger Rockhouse, am 5. und 6. Dezember im Innsbrucker Treibhaus, am 7. Dezember beim Bergfestival in Saalbach, am 11. Dezember im Linzer Posthof, am 12. Dezember im St. Pöltner Cinema Paradiso und am 13. Dezember im Grazer Orpheum. Weitere Infos und Tickets gibt es unter www.oeticket.at oder unter www.voodoojuergens.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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