03.10.2019 06:18 |

Experte klärt auf

So machen die Handys unsere Kinder krank

„Smartphones schaden der gesundheitlichen, geistigen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“ – diesen Warnhinweis würde der deutsche Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer auf Handys kleben. Der Arzt und Psychiater hat mit der „Steirerkrone“ über die Gefahren der mobilen Kommunikation gesprochen.

„Krone“: Worin bestehen die „Risiken und Nebenwirkungen“ von Smartphones?
Manfred Spitzer:
Smartphones verursachen Kurzsichtigkeit, Angst, Depression, Demenz, Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, Diabetes, Bluthochdruck und ein erhöhtes Risikoverhalten im Straßenverkehr: Nur die wenigsten wissen leider, dass bei jüngeren Verkehrsteilnehmern Smartphones mittlerweile den Alkohol als Unfallursache Nummer eins abgelöst haben.

Ändert sich auch das Verhalten von Kindern, die ihre Handys extensiv nutzen?
Die Ergebnisse einer großen von deutschen Kinderärzten durchgeführten Studie zeigen: Bei Kindern und Jugendlichen besteht die besondere Problematik, dass sich ihr Gehirn noch in Entwicklung befindet und dass ein Smartphone diese Entwicklung beeinträchtigt. Schon bei einjährigen Kindern kommt es - durch die Smartphone-Nutzung der Mütter zum Beispiel beim Stillen - zu vermehrtem Schreien, vor allem nachts, und damit zu Schlafstörungen bei Mutter und Kind. Dann, im Alter von zwei bis fünf Jahren, wird durch Bildschirm-Medien die Sprachentwicklung gestört und es kommt zu Aufmerksamkeitsstörungen, die sich ungünstig auf die schulische Entwicklung auswirken. Und Jugendliche entwickeln Stress mit all seinen ungünstigen Auswirkungen.

Lassen sich aus Ihrer Sicht auch gesundheitliche Auswirkungen auf das menschliche Gehirn feststellen?
Ja. Die Entwicklung des Gehirns wird durch die Smartphones beeinträchtigt: Grob- und Feinmotorik, Sprache, Aufmerksamkeit und soziale Fähigkeiten müssen von einem jungen Gehirn gelernt werden. Wischt man nur über eine eigenschaftslose Oberfläche, wird die Hand sensorisch und motorisch nicht trainiert, was sich nicht nur auf die Fähigkeiten der Hand, sondern sogar auf die Entwicklung des Denkvermögens nachweislich negativ auswirkt. Auch im Grundschulalter zeigte eine erst kürzlich in den USA publizierte Untersuchung von etwa 4500 Acht- bis Elfjährigen: die Entwicklung des Denkvermögens wird beeinträchtigt. Bei Jugendlichen gilt: Man kann Mitgefühl nicht vom Bildschirm lernen, sondern nur durch reale Sozialkontakte.

Sollten Smartphones Warn-Aufkleber wie etwa Zigarettenpackungen bekommen?
Im Hinblick auf unsere Verantwortung gerade für Kinder und Jugendliche könnte ich mir so etwas durchaus vorstellen: „Achtung! Smartphones schaden der gesundheitlichen, geistigen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“

Würden Sie Ihren Kindern die Nutzung von Smartphones verbieten, sie überwachen oder einschränken?
Nein. Kinder müssen raus in die Natur und zu anderen Kindern. Ängstliche Eltern schränken unsere Kinder schon viel zu viel ein, „Helikoptereltern“ überwachen sie ja ständig. Das ist nicht gut für die Entwicklung von Selbstvertrauen und Eigenverantwortung. Allgemein gilt: Was man einem Kind nicht schenkt, braucht man ihm auch nicht verbieten.

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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