29.09.2019 21:22 |

Stimmen und Stimmung

So reagiert steirische Landespolitik auf die Wahl

Die Nationalratswahl 2019 in der Steiermark: Der Triumph von Sebastian Kurz (ÖVP) hilft Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer. Bittere Stunden gab es für die Sozialdemokratie. Die FPÖ bekam die Rechnung für die Spesen-Affäre präsentiert. Für die Grünen gab es erdrutschartige Zugewinne. Und Peter Pilz war in seinem Heimatbundesland ohne Chance.

War es in den vergangenen Jahren oft so, dass die Steiermark zu den Ausreißer-Ländern zählte, so liegt das weiß-grüne Nationalratswahl-Ergebnis im Bundestrend.

Jubel, Applaus, Staunen in der ÖVP-Zentrale auf dem Karmeliterplatz, als am Sonntag nach 17 Uhr der türkise Balken auf dem Bildschirm in die Höhe schoss. Die steirische Spitzenkandidatin Juliane Bogner-Strauß schien ihr Glück kaum fassen zu können, fiel ihrem Landesobmann Hermann Schützenhöfer in die Arme, bekam den einen oder anderen Kuss auf die Wange gedrückt. Laut Hochrechnung 38,5%, sieben mehr als vor zwei Jahren - damit konnte keiner rechnen.

Schützenhöfer für Wahlkampf-Pause
Intern war man zwar von einem Plus ausgegangen, schlussendlich dürfte aber die blaue Spesenaffäre den steirischen Schwarzen einen ordentlichen Schub gegeben haben. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, der im November eine Landtagswahl zu schlagen hat, freut sich über den Rückenwind, den ihm der alte und neue Bundeskanzler Sebastian Kurz beschert hat: „Ich bin froh, dass Klarheit geschaffen wurde und dieser Wahlkampf vorbei ist. Für mich bedeutet das auch, dass wir in der Steiermark im Oktober eine Wahlkampf-Pause einlegen werden.“

SP-Schlappe kommt für Schickhofer zur Unzeit
Bittere Stunden sind es hingegen für die Sozialdemokratie, die anfänglich euphorisch auf Pamela Rendi-Wagners Kür zur Bundeschefin reagiert hatte. Sie kam offensichtlich auch in der Steiermark nicht gut an: Die 19,7% sind ein Rekordtief, das für den steirischen SPÖ-Vorsitzenden Michael Schickhofer (und den Nationalrats-Spitzenkandidaten Jörg Leichtfried) zur Unzeit kommt.

„Die Österreicherinnen und Österreicher haben in Sebastian Kurz eine höhere Kompetenz gesehen, die großen Zukunftsaufgaben unserer Zeit anzupacken“, räumte Schickhofer ein. Für den bevorstehenden Urnengang in der Steiermark ist er trotzdem optimistisch, bemüht einmal mehr seinen Slogan von einer „Wahl zwischen dem Gestern und dem Heute“.

Und schuld sind die „bösen Medien“
Einen kräftigen Dämpfer gab es zudem für die erfolgsverwöhnten Freiheitlichen: satte 11,1% weniger, nur noch 18,3%. Ein Debakel, das man - FPÖ-typisch - der „bösen Presse“ in die Schuhe schieben will.

„Ähnlich wie bei der Europawahl wurden kurz vor dem Urnengang massive Vorwürfe gegen die Freiheitlichen ins Treffen geführt. So kam es zu einigen anonymen Anzeigen und einer davon medial stark begleiteten Kampagne“, so FPÖ-Chef Mario Kunasek. Doppelt bitter: Die peinliche Spesen-Affäre wird für den Steirer auch ein Klotz am Bein sein, wenn er versucht, die Wähler für die Landtagswahl zurückzuholen. Dreifach bitter: Die Blauen fielen hinter die SPÖ auf Platz 3 zurück.

Fulminantes Comeback für die Öko-Partei
Neben der Kurz-ÖVP zählen auch die Grünen zu den großen Gewinnern des Wahlabends. 13% für eine Partei, die beim letzten Urnengang aus dem Parlament geflogen war - das ist eine Leistung, die in die Geschichtsbücher eingehen wird. Frontmann Jakob Schwarz jubelte mit seinen Kollegen und Anhängern über ein landesweites Plus von 10,2% und Platz zwei (25,2%) in der Landeshauptstadt.

Mit dem Thema Klimaschutz will die Öko-Partei freilich am 24. November erneut punkten. Schwarz: „Auch bei der Landtagswahl geht es darum, dass der Klimaschutz eine stärkere Stimme bekommt.“

NEOS kommen auf knapp 7 Prozent
Respektabel ist das Resultat für die pinken NEOS und deren Nummer eins Fiona Fiedler, die 6,9% holte. Erwartungsgemäß chancenlos war dagegen Peter Pilz (Jetzt) in seinem Heimatbundesland: nur 1,8%.

Am Wahltag schwirrten die „Steirerkrone“-Reporter auch in die Grazer Parteizentralen aus - hier ihre Eindrücke eines spannenden Sonntags, der keinen Stein auf dem anderen ließ.

Nervenflattern bei den Roten in Graz
Nervöse Gesichter bei den Roten: Im Café Eggenberg unterhalb der SPÖ-Landesparteizentrale herrschte angespannte Stimmung vor der ersten Hochrechnung - wie vor einer unmittelbar bevorstehenden Angstprüfung.

Weißwürstel, Gulasch und Frankfurter mit Senf halfen, die flatternden Nerven der rund 100 Genossen zu beruhigen. Als das befürchtete satte Minus dann tatsächlich auf dem kleinen Fernseher im Lokal aufleuchtete, war das Seufzen der Funktionäre rund um Ex-Bundesgeschäftsführer Max Lercher, Landtagspräsidentin Gabriele Kolar und Klubobmann Hannes Schwarz unüberhörbar. Unverhohlene Schadenfreude aber dann, als der blaue Ergebnisbalken noch tiefer in den Keller stürzte.

Laute Rufe nach einem Strache-Parteiaustritt
Einige Blumen symbolisieren Hoffnung, vielleicht wählten die Landesblauen deshalb wieder das Grazer „La Fleur“ als Partytreff aus, wo man gemeinsam die ersten Hochrechnungen mitverfolgte. Doch von Feierstimmung konnte keine Rede sein: Wer das Lokal in Puntigam betrat, fühlte sich wie auf einem Kindergeburtstag ohne Kuchen und Limonade. Bier und Spritzer waren da schon der - lukullische - Höhepunkt eines tristen Nachmittags.

Einige Zweckoptimisten gaben Durchhalteparolen aus, einen Motivationshänger der Funktionäre kann jetzt wohl niemand brauchen. Und Nationalratswahl-Spitzenkandidat Hannes Amesbauer gab vor allem Heinz-Christian Strache die Schuld am Absturz: „Ich wäre dafür, dass der Ex-Vizekanzler in sich geht und freiwillig aus der Partei austritt!“

Freude und Trauer liegen nah beieinander
Wie nah doch überbordende Freude und Trauer zusammenliegen können: Am Grazer Karmeliterplatz, der Parteizentrale der ÖVP, gab’s auf den TV-Schirmen ein Standbild: Gerhard Hirschmann, der Vordenker der Partei, zwei Tage vor der Wahl verstorben, schaute auf die Leut’ herunter. Kurz wurde innegehalten und an ihn gedacht.

Aber - das Leben und die Politik gehen weiter. Und dann war bei der ersten Hochrechnung die Hölle los, Jubel bei jedem Teilergebnis, Umarmungen und viele Busseln. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer war es dann, der ein wenig den „Bremser“ machte: Es gebe keinen Grund zur Schadenfreude, aber er sei froh, dass nun politische Klarheit geschaffen wurde.

Grüne ritten auf der Klimaschutz-Welle
Den Hügel in der Grazer Innenstadt hinunter, vom Hauptplatz in Richtung Keplerbrücke, dort haben die Landes-Grünen ihre Heimat. Und man hörte den Jubel schon von Weitem. Überschäumend war es dort, begeisternd, euphorisch. Die alten Hasen, wie einer der Mitgründer dieser Bewegung, Peter Hagenauer, waren da - und sehr viel Jugend. Nach den ersten Hochrechnungen lagen sich alle in den Armen: „Eine echte Sensation!“

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