10.08.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Ensiferum: „Absolut jeder mag doch Haddaway“

Am 16. und 17. August geht bereits die vierte Auflage des renommierten Metal On The Hill-Festivals am Grazer Schlossberg über die Bühne. Headliner sind unter anderem die Finnen von Ensiferum, die seit mehr als 20 Jahren melodischen Death Metal mit Folk vermischen und auch nicht vor Akustiksets zurückschrecken. Auch hierzulande sind ihre Alben Stammgäste in den Charts. Sänger Petri Lindroos gab uns einen genaueren Einblick in Leben und Wesen der Band.

„Krone“: Petri, mit Ensiferum wart ihr Ende 2018 das erste Mal europaweit auf „Acoustic“-Tour und es lief wohl ziemlich gut…
Petri Lindroos:
Zwei Jahre davor haben wir in Finnland das erste Mal damit experimentiert und es kam gut an. Wir haben dann eine DVD daraus gedreht und in Helsinki waren dafür rund 400 Leute. Viele Veranstalter waren ziemlich skeptisch, ob das so funktionieren kann, aber es hat dann doch gut geklappt.

Welche Ideen lagen dieser Tour zugrunde? Warum wolltet ihr das machen und was war ausschlaggebend dafür?
Wir haben das sogenannte „Heavy Metal Set“ seit 2004 durchgehend gespielt und wollten einfach mal etwas ausbrechen. Du kannst in Europa nicht 200 Shows spielen und ein Jahr darauf wieder, dafür ist die Nachfrage zu gering. Für uns und die Fans war es etwas ganz anderes. Wir spielen dieselben Songs, aber nicht so, wie ihr das glaubt. (lacht)

Musstet ihr dafür präziser proben, weil man bei einem Akustikset sofort alle Fehler bemerkt?
(lacht) Nicht so wirklich. Wir gehen mit dem Flow. Wir haben schon ernsthaftere Songs im Set, die etwas mehr Aufmerksamkeit benötigen, aber ansonsten haben wir uns nicht extra darauf vorbereitet. Ein paar kleine Fehler hier und da ruinieren nicht die ganze Show. Wir haben viel Spaß und das ist das Wichtigste. Für uns war das ziemlich neu und sehr cool. Wir konnten ein ganzes Konzert lang sitzen und mussten nicht headbangen. Dauernd zu sitzen ist etwas ungewohnt, aber es war ziemlich entspannend.

Habt ihr aus dieser Tour etwas rausgezogen, dass man vielleicht auch auf einem künftigen Album hören wird können?
Warum nicht? Wir sind das Ganze ziemlich gewohnt geworden und ich würde es nicht verneinen.

Experimente gab es im Ensiferum-Kosmos immer wieder, aber prinzipiell wissen die Leute, was sie von euch kriegen. Wie weit kann man in eurem Fall stilistisch ausscheren?
Wir können nicht so weit gehen, dass uns niemand mehr hören will. (lacht) Ich weiß aber gar nicht, wie wir die Menschen so verschrecken würden. Es müsste schon etwas Extremes sein, aber wenn es mal so weit kommt, werdet ihr es hören. (lacht)

Die unterschiedlichen Einflüsse von euch und die verschiedenen Stile, die ihr über die Jahre gerne selbst hört, ziehen aktiv in den Ensiferum-Songwritingprozess ein?
Wir sind dem 40er mittlerweile weit näher als unserer Jugend - unglücklicherweise. Wir sind aber nicht gereift, sondern nur älter geworden, denn wir führen uns immer noch auf wie Fünfjährige. Die letzten Alben zeigen aber, dass wir unsere Spur gefunden haben, aber natürlich verändern sich Sichtweisen und Geschmäcker mit dem Alter. Schauen wir einmal, was das nächste Album so bringt.

Gibt es Songs oder Alben aus der Vergangenheit, die du heute überhaupt nicht mehr spielen willst und hören kannst?
Nicht so wirklich, denn jeder Song ist ein Zeitdokument. Natürlich würde man gerne Dinge verbessern und verändern, aber warum? Man sollte sich nicht schlecht dafür fühlen, was man musikalisch früher selbst gemacht hat. Alles hatte seinen Platz zur jeweiligen Zeit. Es macht jedenfalls ziemlich viel Spaß, die alten Songs zu spielen. Ein paar Nummern wie „Lai Lai Hei“ stehen mir vielleicht an, aber man kann sie nicht auslassen.

„One Man Army“ schaffte es 2015 sogar an die Spitze der finnischen Albumcharts, was - um fair zu bleiben - bei euch oben keine Seltenheit ist für eine Metalband. Außerdem seid ihr besonders in den deutschsprachigen Ländern unheimlich populär. Woran liegt das deiner Ansicht nach?
Gute Frage, aber wir haben in Europa allgemein eine riesige Fanbase. Wir spielen auch permanent hier und alle großen Festivals sind über diesen Kontinent verstreut. Die Musik scheint europäische Ärsche zu treten. Wir waren auch immer wieder in den USA unterwegs, aber da kann man die Popularität nicht vergleichen.

In wenigen Tagen seid ihr Headliner beim „Metal On The Hill“-Festival am Grazer Schlossberg. Bereitet ihr euch für so eine Festivalshow anders vor, als für eine Tour?
Die Set-Time entscheidet alles. Dürfen wir 40 Minuten oder 75 spielen? Darauf bauen wir unsere Setlist und die gesamte Show auf. Es macht oft mehr Spaß auf Festivals zu spielen, weil du auf Leute triffst, die möglicherweise noch nie was von dir gehört haben und du sie für dich gewinnen kannst. Andererseits experimentierst du halt auch weniger mit Songs, weil die großen Hits meistens schon das Set füllen.

Wenn man gerade nicht Headliner ist, kommen die Leute oft nicht für einen selbst. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.
Wir headlinen mittlerweile wirklich viele Touren und auch Festivals und mir würde es auch mal wieder gefallen, als Support auf einer Tour mitzufahren. Die Erwartungshaltung ist etwas geringer und man kann die Menschen viel stärker überraschen. Als Headliner musst du jedenfalls mehr arbeiten, weil die Erwartungshaltung sehr groß ist.

Überlegt ihr euch manchmal, wie ihr stärker Richtung Mainstream gehen könnt, ohne die alten Fans der frühen Tage zu vergraulen?
Das ist heute eine ziemlich große Frage. Man sollte mehrmals pro Tag etwas auf Social Media posten. Wir geben unser Bestes, aber sind ziemlich old school und wollen nicht die ganze Zeit damit verplempern. Es ist heutzutage ein Grenzgang, weil es nicht ganz ohne geht und man das richtige Maß finden muss.

Wenn ihr aber im Netz aktiv seid, dann meist mit ziemlich viel Humor und Sarkasmus, was man Finnen oft gerne abspricht. Wie wichtig ist es, diese humoristische Seite nach außen zu kehren?
Man muss immer über sich selbst lachen können, das ist einfach essenziell. Ohne Humor könnten wir niemals zusammen in einen Tourbus steigen und diese langen Touren machen. Humor ist auch wichtig, um die vielen Leerläufe auf Tour überstehen zu können. Viele Dinge, die als Scherz im Backstagebereich oder im Bus entstanden sind, wurden dann zu einem Song oder zumindest zu Textteilen eines Songs. Wenn die Leute wissen würden, woher manche unserer Ideen kommen würden, würden sie uns für absolute Idioten halten. (lacht) So läuft das aber bei uns.

Ihr wart auch schon immer Teil der Pagan- und Heidenkonzertpackages, die quer durch Europa ziehen. Da gibt es immer wieder die Diskussionen, was eine Band zu einer solchen Teilnahme berechtigt und was nicht. Wie siehst du dieses Thema?
Meiner Meinung nach sind Festivals und solche Packages dazu da, um die große Variabilität der Musik im Metal zu zeigen. Ein gutes Beispiel für Vielseitigkeit ist das dänische Roskilde Festival. Da gibt es Künstler aus allen stilistischen Himmelsrichtungen und die Leute lieben es. Du kannst dort Black Metal, Disco, Indie und Rap hören. Als ich dort war, waren Metallica Headliner und man konnte gleichzeitig zu einer Hip-Hop-Band gehen. Wir sind immer wieder Teil der Metal-Kreuzfahrten in Florida und reden oft darüber, dass die Veranstalter eigentlich 90s-Discobands buchen sollten, weil jeder darauf abfährt. Wenn du Haddaways „Baby Don’t Hurt Me“ hörst, dann gehst du dazu ab. Jeder macht das, auch wenn es viele nicht zugeben. (lacht)

Auf der Acoustic-Tour habt ihr ja auch David Hasselhoff gecovert. Was sind deine Lieblings-Trashmusiker?
Gute Frage. David Hasselhoff ist ein sehr gutes Beispiel, das muss ich schon sagen. In den späten 80ern und frühen 90ern hat er wirklich großartige Sachen gemacht. Der deutschsprachige Raum hat ihm quasi die gesamte Karriere gerettet und so viele Menschen können sich einfach nicht irren. (lacht) Hasselhoff ist kein Pavarotti wenn er singt, aber das Wort Trash ist zu hart. Er ist einfach ein hervorragender Entertainer und macht das nicht schlecht. Wir entertainen auch, nur anders.

Vor deiner Karriere bei Ensiferum hattest du mit Norther schon eine Metalband, die zumindest in Finnland vielbeachtet wurde. Wie wichtig waren diese Erfahrungen und Erlebnisse schlussendlich für deinen aktuellen Job?
So viele Unterschiede gibt es da gar nicht. Wir hatten denselben Proberaum, mit Norther waren wir nur einen Stock höher. Wir kannten uns also alle gut und für ein paar Jahre habe ich in beiden Bands gespielt. Irgendwann haben wir Norther leise sterben lassen, ich weiß noch nicht einmal, wann das war. Musikalisch gab es natürlich große Unterschiede, da die Riffs bei Norther leichter waren und es mehr Richtung Death Metal ging. Als ich bei Ensiferum anfing fragte ich mich, wie man so viele verdammte Akkorde in einen Song packen kann. Da brauchte ich schon Zeit, aber mittlerweile läuft das.

Ensiferum war immer die größere Band. Das ist wohl so wie bei Ihsahn, der mit Emperor Riesenfestivals und große Hallen spielt, es solo aber wesentlich kleiner geben muss. War es während deiner musikalischen Doppelgleisigkeit schwierig, sich da immer umzustellen?
Wenn du solo unterwegs bist, bist du nur ein Mitglied deiner Band und machst etwas ganz anderes. Aber normalerweise weißt du auch gut, dass es nicht von selbst so locker geht. Die Erwartungen sollten immer der Realität entsprechen, sonst ist die Enttäuschung wohl endlos.

Als Musiker mit eurem Lebensstil muss man auch viele Opfer im Leben bringen. Welche sind in deinem Fall die größten?
Wenn du Musiker bist, ist die Tasche eigentlich immer gepackt. Meine Kindheitsfreunde habe ich das letzte Mal vor etwa fünf Jahren gesehen. Natürlich reift jeder anders und die Leben ändern sich. Ich wohne noch immer in der ähnlichen Nachbarschaft wie früher, aber der Kontakt flacht natürlich gewaltig ab. Eine Band verlangt wahnsinnig viel Zeit und wenn du auf Tour bist, bist du 24/7 fokussiert, bis es eben zu Ende ist. Am Ende der Show gehst du nicht heim und kommst am nächsten Tag wieder zurück zur Arbeit. Zeit ist eigentlich das Wertvollste und wenn du älter wirst, weißt du sie umso mehr zu schätzen. (lacht)

Kannst du das Heimkommen und Zuhause sein dadurch mehr genießen und aktiver erleben als andere Menschen?
Wahrscheinlich schon. Du lernst das Zuhause wirklich anders zu schätzen. Es ist nicht oft passiert, dass ich meine Koffer zwischen den Touren wirklich mal leeren konnte, aber das Gefühl ist umso schöner, wenn es mal klappt. Dass ich den Trolley mal weggesperrt habe, das ist überhaupt noch nie passiert. Wenn ich aber mal sechs Wochen am Stück daheim bin, weiß ich nach drei Tagen schon nichts mehr mit meiner Zeit anzufangen. Man ist es nicht gewohnt, dass man so lange an einem bestimmten Platz ist. Das musst du tatsächlich immer wieder erlernen.

Es gibt ja sogar Künstler, die nach einer Tour erst einmal für ein paar Tage ins Hotel einchecken, weil sie so spontan nicht damit zurechtkommen, ihr Leben wieder selbst auf die Reihe kriegen zu müssen.
Es ist wie eine Reha. Manche Musiker haben wirklich ernsthafte Probleme, wenn die Tour endet und daheim wartet nichts und niemand auf sie. Meist schicken sie ihrem Tourmanager noch Tage danach WhatsApp-Nachrichten, weil sie die Sache nicht auf die Reihe kriegen. Schlafprobleme sind auch eine harte Sache. Die Band muss nicht wach sein, wenn das Equipment eingeladen wird. Also wachst du oft um 17 Uhr auf, was die Folge hat, dass du nicht um Mitternacht ins Bett gehst, sondern frühestens um 5 Uhr früh. Wenn du daheim bist und eine Familie hast, halten dich alle dafür für verrückt bzw. kannst du nichts mit ihnen anfangen. Es ist nicht so einfach. Das Partyleben wird mit dem Alter auch nicht leichter. (lacht) Auf der Akustiktour können wir während des Konzerts sitzen, das ist sehr entspannend.

Wie wichtig ist neben dem musikalischen Handwerk und dem bloßen Talent die Freundschaft unter den Bandmitgliedern für euren Erfolg?
Die Band ist sehr stabil und wenn du jemanden nicht aushältst, dann kannst du nicht touren. Es geht ja nicht nur um das Konzert am Abend, sondern um den kompletten Tag, den du mit jemand verbringst. Was machst du die 22 Stunden, wenn du ihn absolut nicht aushältst? Wir kommen gut miteinander aus und das ist ein Glück und Segen.

Kommt nach der „One Man Army“ und dem „Two Paths“-Album jetzt eigentlich irgendetwas, dass die Ziffer drei im Titel haben wird?
Schauen wir einmal, aber bis zum nächsten Album dauert es noch. Wir begannen noch 2018 daran zu schreiben und sollten die Songs dann für das Studio bereit haben. Es ist noch ein langer Weg, den wir zu beschreiten haben. Wir sind bezüglich unseres Materials ziemlich selbstkritisch und wenn etwas nicht wirklich passt, fällt es raus. Ensiferum braucht wirklich ewig, um die Musik für ein Album zu schreiben. Das kann nerven, aber die Qualitätskontrolle ist damit gesichert.

Welchen Ensiferum-Song spielst du eigentlich am liebsten live?
Schwierige Frage, denn es gibt einige, die mir besonders viel Spaß machen. Wir haben schon so viele Songs geschrieben, aber ich glaube „Axe Of Judgement“ von „One Man Army“ wäre meine Antwort auf diese Frage. Es ist ein Kickass-Song und wir haben in schon Jahre nicht mehr gespielt - leider. Es wäre wirklich Zeit, ihn wieder in die Setlist zu nehmen und ein Konzert damit zu eröffnen. Er hat Thrash- und Heavy-Metal-Riffs mit einem Iron-Maiden-Vibe. Du musst wirklich was tun mit diesem Song, er ist sehr herausfordernd für mich als Gitarristen. Das ist natürlich etwas anders als die Lagerfeuer-Gitarren bei unseren Akustiksets.

Könntet ihr euch auch vorstellen, bei künftigen Livekonzerten einen reinen Akustikteil in ein Metalset einzubauen?
Auch dieser Gedanke kam uns schon einmal. Dafür müssten wir auf jeden Fall Headliner sein, weil es Zeit braucht. Blind Guardian haben das auch schon gemacht und mitten in ihrem Set drei, vier Songs akustisch gespielt - das hat mir gut gefallen. Ich würde diese Idee nicht ausschließen.

Ensiferum treten am 16. August beim zweitätigen Metal On The Hill-Festival am Schlossberg im Herzen von Graz auf. Alle Infos, Tageskarten und Festivalpässe gibt es noch unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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