05.06.2019 22:22 |

„Dark Phoenix“ im Kino

X-Men verabschieden sich mit Drama statt Feuerwerk

Müde bin ich, geh zur Ruh: Nach 20 Jahren und insgesamt zwölf Filmen (inklusive Wolverine und Deadpool) heißt es Abschied nehmen von den beliebten X-Men rund um Professor X (James McAvoy), seinem ewigen Freund/Feind Magneto (Michael Fassbender) und der Gestaltwandlerin Raven/Mystique (Jennifer Lawrence). Mit „X-Men: Dark Phoenix“ (Kinostart 7. Juni) geht die Kino-Ära der populären Mutantenfamilie mit einem soliden, wenn auch nicht besonders spektakulären Finale zu Ende.

Der pop-kulturelle Einfluss des X-Men-Franchise ist enorm: Ohne den weltweiten Erfolg der beliebten Mutanten (siehe auch Video unten), darunter allen voran wohl Wolverine - unvergesslich gespielt von Hugh Jackman -, hätten es möglicherweise die Avengers und viele andere Superhelden-Kollegen nie auf die große Leinwand geschafft.

In der heiß diskutierten Streitfrage, wer die mächtigeren Superhelden der Kinowelt sind, die Avengers mit Iron Man, Captain America und Co. aus dem Hause Marvel oder doch die Justice League mit Batman, Superman und ihren Kollegen aus dem Hause DC, sind die X-Men in den letzten Jahren irgendwie ein bisschen in Vergessenheit geraten.

Mutanten finden in Ersatzfamilie zusammen
Dabei hat das X-Men-Franchise - eigentlich ebenfalls bei Marvel zu Hause lagen die Rechte aber bis zur jetzt erfolgten Übernahme von Disney beim Filmstudio Twentieth Century Fox - in den 20 Jahren seines Bestehens kaum enttäuscht. Eigenwillige Außenseiter - von Cyclops über Nightcrawler, das Biest, Mystique und Storm bis zu Wolverine - und ihre zwischenmenschlichen Konflikte waren neben der spektakulären Action stets die Zutaten jener Mixtur, die die Geschichten der Mutanten, die in einer Art Ersatzfamilie zusammenfinden, bei den Fans so beliebt machte.

Dank einem sanften Neustart der Reihe mit jüngeren Darstellern, allen voran James McAvoy als Professor X, Michael Fassbender als Magneto und Jennifer Lawrence als Raven/Mystique, überstanden die X-Men mit „Erste Entscheidung“ auch den nicht sehr beliebten dritten Teil der Reihe, „X-Men: Der letzte Widerstand“, und schwammen weiter auf der Erfolgswelle, die jedoch mit dem Action-lastigen aber zugleich emotionslosen „X-Men: Apocalypse“ zu brechen begann.

Letzter Auftritt von McAvoy, Fassbender und Lawrence
Die Macher versprachen in der Folge ein intensives und emotionales Finale für die X-Men, die Regie übernahm bei „X-Men: Dark Phoenix“ der Mutanten-erfahrene Drehbuchautor und Produzent des Franchise, Simon Kinberg. Wohl auch, um mit dem letzten X-Film der Fox-Ära auch möglichst die Mehrheit der Fans zufriedenzustellen. Denn eines ist klar: Weil es für Professor X, Magneto, Raven und Co., zumindest gespielt von McAvoy, Fassbender und Lawrence, der vorerst letzte Kino-Auftritt ist, waren die Erwartungen an das Finale dementsprechend hoch.

„X-Men: Dark Phoenix“ ist in den 1990er-Jahren angesiedelt - was sich aber anders als zuletzt bei „Captain Marvel“ leider nicht wirklich bemerkbar macht - und knüpft an die Ereignisse von „X-Men: Apocalypse“ an. Erzählt wird die Geschichte einer der beliebtesten X-Charaktere, Jean Grey (Sophie Turner, Sansa Stark in „Game of Thrones“), und wie aus ihr die mächtigste Mutantin aller Zeiten, Dark Phoenix, wird.

Während einer lebensbedrohlichen Rettungsmission im All wird Jean von einer kosmischen Kraft getroffen, die sie in ein nahezu gottgleiches Wesen verwandelt. Im Kampf mit der zunehmend instabilen Kraft und ihren eigenen Dämonen gerät Jean außer Kontrolle, reißt die X-Men-Familie auseinander und droht, das Gefüge unseres Planeten zu zerstören. Damit nicht genug, strebt auch eine außerirdische Macht nach der kosmischen Phoenix-Kraft - und es kommt zum Showdown um das Schicksal der Erde.

„Sollten uns eigentlich ‚X-Women‘ nennen
Positiv hervorzuheben ist, dass mit Jean Grey zum ersten Mal in der Filmgeschichte der Mutanten eine weibliche Figur ins Zentrum der Handlung gerückt wurde. “X-Women„ statt “X-Men" sollte sich die Truppe eigentlich nennen, meint auch die Gestalwandlerin Raven alias Mystique, schließlich seien es stets die Frauen, die den X-Männern den A**** retten müssten.

Am Ende ist es aber ein eher solider als spektakulärer Abschied von den X-Men geworden. „X-Men: Dark Phoenix“ ist mehr ermüdendes Drama als Action, mehr Kracher als richtiges Feuerwerk; ein Film der hauptsächlich von den durchwegs guten Leistungen der Schauspieler lebt, allen voran Sophie Turner und James McAvoy, die dem müden Plot zumindest etwas der dringend nötigen Dynamik verleihen können.

Außer Jean Grey und ihrem Mentor Charles Xavier, der sie als Kind nach einem tragischen Autounfall zu den X-Men geholt hat, mangelt es den Protagonisten an Motivation. Besonders schmerzlich wird dies bei Eric Lensherr alias Magneto deutlich, der offensichtlich nur mehr mit von der Partie ist, weil er halt zu den wichtigen Figuren zählt, die von Beginn an im Rampenlicht standen. Auch wenn Michael Fassbender in der Rolle erneut sein Bestes gibt: vom Meister des Magnetismus hätte man sich zum Abschied mehr gewünscht, als ein paar Blechteile durch die Luft fliegen zu sehen.

Blasser Bösewicht, müde Action
Mehr hätte man sich auch vom Antagonisten des Films erwarten dürfen. Mit Jessica Chastain hochkarätig besetzt, kann der außerirdische Feind, den es für die Geschichte eigentlich gar nicht gebraucht hätte, nicht überzeugen. Wie so oft bei den modernen Superheldenfilmen bleibt der Bösewicht eine reine Schablone, im Falle von „X-Men: Dark Phoenix“ eine strohblonde Aufstellpuppe - in sozialen Medien werden bereits Parallelen zu Boris Johnson gezogen - mit leerem Blick und nicht-existenter Mimik, die zwischendurch in Erscheinung treten darf, wenn es die Handlung erforderlich macht, und dann wieder in den Hintergrund verschwindet.

Teilweise fragt man sich überhaupt nach der Sinnhaftigkeit des ganzen Films, dem es nicht gelingen mag, auch nur eine, mit den Höhepunkten der vergangenen Filme vergleichbare denkwürdige Action-Szene abzuliefern. Man denke nur an Charles Xavier, der mittels Cerebro Mutanten rund um den Globus sucht; an den jungen Eric Lensherr im Konzentrationslager und später als Magneto, der die Kugeln aus den Waffen zahlreicher Polizisten mit seiner Magnetkraft stoppt. Oder einem wutverzerrten Wolverine, wie er einer ganzen Spezialeinheit des Militärs nur mit seinen Adamantiumkrallen bewaffnet das Fürchten lehrt. Oder Nightcrawler, der sich als Attentäter wider Willen durchs Weiße Haus bis zum US-Präsidenten teleportiert. Oder Quicksilver, der in seinem ganz eigenen Tempo Professor X, Magneto und Wolverine das Leben rettet.

Das X-Franchise konnte stets mit solch starken Bildern punkten, doch ausgerechnet fürs Finale ist den Machern anscheinend die Luft ausgegangen. Solides Action-Handwerk ist „Dark Phoenix“ allemal, aber das reicht in Zeiten von “Avengers: Endgame" einfach nicht mehr aus, schon gar nicht für das Finale der 20 Jahre langen Mutanten-Saga!

Aber es besteht Hoffnung, dass die X-Men und X-Women unter der Führung von Marvel bzw. Disney wie der Phoenix aus der Asche emporsteigen und noch weitere Generationen von Kinobesuchern mit ihren durchaus subversiven Geschichten über Mutanten und Menschen unterhalten ...

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Harald Dragan
Harald Dragan
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