Mi, 22. Mai 2019
15.05.2019 13:00

„I Am Easy To Find“

The National: Neues Album statt langer Pause

Anstatt sich nach dem Grammy-geadelten „Sleep Well Beast“ die verdiente Pause zu gönnen, gingen die US-Indie-Rocker The National auf Tuchfühlung mit Regisseur Mike Mills, um in einem lose zusammenhängenden Crossprojekt das Album „I Am Easy To Find“ zu fertigen. Das zeigt Matt Berninger und Co. mutig und Neuigkeiten gegenüber aufgeschlossen. Das Ergebnis ist eine melancholische Reise durch ein Meer der Sanftmütigkeit.

Dem Auftritt von The National beim „Ahoi! Full Hit Of Summer“ vergangenen Juli an der Linzer Donaulände wurde allerorts eifrig entgegengefiebert. Die Indie-Päpste aus New York machen Österreich unregelmäßig oft ihre Aufwartung, sind in den letzten Jahren aber zu einer richtiggehenden Seltenheit geworden. Frontmann Matt Berninger wirkte bei lauen Temperaturen stellenweise reichlich indisponiert, den Song „Graceless“ hat man nach drei Anläufen gleich ganz bleiben lassen. So perfekt und makellos The National auf ihren Platten auch sind, live ist das Quintett immer wieder eine Wundertüte, das allzu gerne zwischen Genialität und wankelmütiger Improvisation schwankt. Das 2017er-Studiowerk „Sleep Well Beast“ hingegen war eine weitere Lehrstunde in Sachen hochklassigen melancholischen Indie-Rock, zeitigte mit Nummern wie „Day I Die“ oder „The System Only Dreams In Total Darkness“ Hymnen für die Ewigkeit und landete in so gut wie allen geschmackvollen Bestenlisten auf einem respektablen Platz im Spitzenbereich.

Richtungswechsel
Die nötige Pause blieb in diesem Fall aber aus. Berninger und Co. sind bekannt dafür, nichts zu übereilen und nach Platte und dazugehöriger Live-Präsenz erst einmal ordentlich durchzuschnaufen, doch eine einzige E-Mail durchkreuzte sämtliche Pläne der verdienten Gemütlichkeit. Schon im September 2017 schrieb ihm Star-Regisseur Mike Mills (u.a. „Jahrhundertfrauen“, „Beginners“ und nicht zu verwechseln mit dem REM-Mills), dass er Interesse hegen würde, mit der Band in irgendeiner Form zusammenzuarbeiten. Für beide Parteien ein großer Gewinn. Mills ist bekanntermaßen alles andere als Musikexperte und -connaisseur, zeigte sich von der Kompositionsgabe The Nationals aber begeistert. Berninger hingegen schätzt das Filmwerk des Regisseurs und überließ ihm dafür sogar die Schlüssel zum kreativen Prozess der Band. Eine mehr als nur große Ehre angesichts der Tatsache, dass die New Yorker für gewöhnlich nichts und niemanden im Arbeitsprozess dulden.

Als geschwisterliches Projekt hat Mills die Zusammenarbeit tituliert, die sich gleich doppelt niederschlägt. Einerseits im 24-minütigen Kurzfilm „I Am Easy To Find“ mit Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander in der Hauptrolle, andererseits im gleichnamigen, mit 63 Minuten Spielzeit bislang längsten The-National-Album der Bandhistorie. Direkter Zusammenhang zwischen Film und Album besteht keiner, die ideologische Brücke zwischen den beiden Projekten ist aber nicht abzustreiten. Der Film wurde wie ein Song komponiert, die Musik wurde unter der Anleitung eines Regisseurs zusammengeführt und mitgestaltet. Eine interessante Reise zweier konträrer Parteien in neue Welten, die ziemlich bravourös gelungen ist. Schon im Opener „You Had Your Soul With You“ überschlagen sich die melancholischen Gitarren mit dem akzentuiertem Drumming und träumerischen Keyboards. Diese paaren sich mit Berningers grunddepressiver Stimme, nur um hin zur Mitte plötzlich von Streichern und den Vocals von Gail Ann Dorsey, der einstigen David-Bowie-Mitstreiterin, weggetragen zu werden. Zwei Songs in einem, gekittet von einer wundervollen melodischen Brücke, die stringent in das Album leitet.

Feminine Note
Der Frauenanteil ist grundsätzlich sehr hoch, was neben der Produktion von Mills das zweite Novum für The National darstellt. Die Vielseitigkeit weiblicher Stimmen, seien laut Berninger aber nicht dem Klang selbst geschuldet, sondern sollen dem Album eine Vielzahl verschiedener Identitäten verschaffen. Unter anderem geben Indie-Größen wie die von National-Livekonzerten bekannte Lisa Hannigan, Sharon Van Etten, Mina Tindle und Kate Stables von This Is The Kit Kostproben ihrer Fertigkeiten. Das bedeutet einerseits, dass „I Am Easy To Find“ eine angenehm feminine Farbe bekommt und sich Berninger entgegen seiner Gepflogenheiten in Songs wie „Oblivions“ oder „Where Is Her Head“ stark im Hintergrund hält. Daraus ergibt sich auch die größte Abkehr vom üblichen Bandrezept, denn die Instrumentierung gemahnt immer wieder an die leicht depressive, nachdenkliche Haltung der vergangenen Alben. Dass es keine männlichen Gastsänger gibt, kommentiert Berninger übrigens ehrlich mit „es wäre wohl besser gewesen, aber das hätte mein Ego nicht zugelassen.“

Durch die passende Zusammenstellung der einzelnen Songs wähnt man sich tatsächlich in einem akustischen Film, weil sie ein kongruentes Gesamtbild der sanftmütigen Intensität bilden. Ein paar Nummern weniger hätten es für die Kompaktheit wohl auch getan, zumal sich gerade im letzten Albumdrittel ein paar mediokrere Tracks eingeschlichen haben. Zu den absoluten Höhepunkten zählen die emotional vorgetragene Ballade „Not In Kansas“ und das seit Jahren im Liveset befindliche und nun endlich auch auf Album gebannte „Rylan“. Die neugewonnene Experimentierfreudigkeit tut The National allgemein gut, auch wenn sich über die gesamte Strecke gerne noch ein paar mutigere Momente hätten einschleichen dürfen. Im zurückgelehnten Indie-Rock-Bereich bleiben die New Yorker aber eine Klasse für sich - schade, dass der Festivalsommer in Europa ohne Österreich-Termin stattfindet…

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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