14.04.2019 07:00 |

Bald live in Graz

Laura Gibson & Dan Mangan: In der Sache vereint

Dan Mangan und Laura Gibson sind Singer/Songwriter der A-Liga und zufällig am selben Label zugegen. Letzten Herbst wurden sie erstmals gemeinsam auf Tour geschickt und das hat so gut funktioniert, dass es diesen Frühling ein da capo gibt - unter anderem auch in der Grazer Postgarage. Wir haben die beiden zum Doppelinterview gebeten und über Freundschaft, Ehrlichkeit, Authentizität und Respekt gesprochen.

„Krone“: Laura, Dan - ihr seid schon letzten Herbst gemeinsam auf Tour gewesen und habt unter anderem beim Blue Bird Festival in Wien gespielt. Kanntet ihr beiden euch schon im Vorfeld so gut?
Laura Gibson:
Wir haben mit City Slang dasselbe Label und hielten das für eine gute Idee. Wir haben viele gleiche Freunde und ich konnte mich im Vorfeld schon versichern, dass er ein netter Typ ist. (lacht)
Dan Mangan: Ich hörte ihren Namen schon von befreundeten Bands und mir kam nur Gutes unter. Ihr Album ist wirklich wundervoll und ich habe mich schnell dazu entschieden, dass die gemeinsame Tour eine gute Idee wäre. Es ist aber ganz lustig, dass wir von uns gegenseitig nicht wirklich die Musik kannten.

Aber im Normalfall teilt man sich nicht die Band, so wie es bei euch der Fall ist. Das hat natürlich auch wirtschaftliche und logistische Vorteile. Die müssen natürlich auch viel proben und üben - zu wem gehören die Musiker eigentlich?
Gibson:
Der Drummer und der Geigenspieler spielen mit mir in den USA und sie sind lange meine Freunde. Unser Bassist kommt von Dan, also sind wir halb kanadisch und halb amerikanisch.
Mangan: Wir versuchen mehr Frieden zwischen diese beiden Länder zu bringen. (lacht)

Hat es lange gedauert, bis ihr als Tourpaket zusammengewachsen seid und teilt ihr euch für die eine oder andere Nummer auch wirklich die Bühne?
Gibson:
Wir haben ein Duett auf der Bühne.
Mangan: Es ist das Robyn-Cover „Hang With Me“ und wir wussten sehr schnell, dass dieser Song gut zu uns beiden passen würde. Wir haben beide noch nie mit den Bandmitgliedern des anderen gespielt und in Berlin davor ein bisschen geübt. Es hat aber relativ schnell geklappt und wir haben viel Spaß im Van. Das sind alles unfassbar musikalische Menschen und gute Sänger - die Stimmung passt auf jeden Fall.
Gibson: Der Comedy-Level auf dieser Tour war höher als je zuvor. (lacht)

Abseits des Spaßes und der guten Stimmung - besteht auch eine gewisse musikalische Rivalität oder ein Konkurrenzdenken zwischen euch? Natürlich im positiven Sinne.
Gibson:
(lacht) Wir kämpfen darum, wer als letzter auf die Bühne darf. Es ist wie ein Todeskampf, aber am Ende gewinnt einmal der, das andere Mal der.
Mangan: Ich nehme Lauras Alben und werfe sie in den Müll, während sie mit meinen T-Shirts die Bierreste an den Bars säubert. (lacht) Wir haben eine Co-Headliner-Tour und tauschen den Slot jeden Abend.
Gibson: Da wir so gut miteinander auskommen, gab es da nie Stress. Es ist eine Win/Win-Situation für beide und natürlich gibt es hier mal mehr Fans von mir und dort mal mehr von Dan. Aber im Endeffekt hat der andere dann immer die Chance, neue Fans für sich dazuzugewinnen.
Mangan: Es gibt viele Menschen, die uns beide kennen, aber meistens kommt man für einen von uns und bleibt für beide.
Gibson: Wir sind sehr gedankenvolle Singer/Songwriter und insofern ist auch unser Publikum eines, das offen ist und sich gerne von einem unbekannten Künstler erfassen lässt. Es geht nicht um den neuen heißen Scheiß, sondern um schöne Musik von uns beiden für die Menschen.

Dan hat letzten Herbst „More Or Less“ veröffentlicht, Laura „Goners“ - beides wundervolle Alben, die durchaus zu Genre-Jahreshighlights gerechnet werden konnten. Habt ihr beim jeweils anderen Dinge auf dem Album entdeckt, in denen ihr euch selbst wiedergefunden habt?
Mangan:
Beide von uns erfassen die Musik aus einem Bereich der Verletzlichkeit. Wir wollen diese Musik entsperren und eine Art versteckte Wahrheit vermitteln. Wir gehören zu keiner Szene und versuchen einfach nur wir selbst zu sein. Was ich als Hörer möchte, ist, einfach nur auf die Bühne zu schauen und der Person, die dort oben steht zu glauben - das schafft Laura bei mir. Darum geht es. Um grenzenlose Ehrlichkeit und Authentizität. Abseits aller Unterschiede in unserer Musiker wollen wir einfach auf ehrlichem Wege eine Verbindung zu unserem Publikum finden.

Laura, „Goners“ ist ein bisschen dunkler als das Werk von Dan, dreht sich mehr um Einsamkeit, Trauer und Verletzlichkeit. Wird es mit zunehmendem Alter schwerer oder leichter, sich selbst in der Musik zu öffnen?
Gibson: Musik zu machen bedeutet so viel zur gleichen Zeit. Es geht um Selbstentdeckung und es gibt Textzeilen, bei denen ich mir immer noch überlege, ob ich das überhaupt so sagen kann. Nach fünf Alben weiß ich, dass die Stellen, bei denen ich die größten Selbstzweifel hatte, jene sind, die die Menschen am Stärksten berühren. Verletzlich und offen zu sein ist in gewisser Zeit unser Job und als Künstlerin sind das wirklich die wichtigsten und intensivsten Momente.
Mangan: Es ist wie eine Droge, auf der Bühne zu stehen und offen zu sein. Du legst deine schutzsichere Weste ab und vermittelst einem fremden Publikum etwas, das dich persönlich enorm bewegt. Das kann auch danebengehen und nicht funktionieren, aber wenn eine Verbindung daraus entsteht, dann wirst du danach so süchtig wie nach einer Droge. Damit verschwinden auch sämtliche Gedanken über Pro und Kontra dieser Vorgehensweise. Ein gutes Konzert treibt mich zu ganz besonderen Gedanken. Ich will dann Bäume pflanzen, Berge erklimmen und mit einem Boot über die Weltmeere segeln. Dieses Gefühl erreichst du auf der Bühne nur mit Ehrlichkeit und Offenheit. Aber genau darum geht es ja, danach strebst du als Künstler. Es ist schwierig, aber wenn du über diese Barriere gehst, willst du immer mehr.

Das mit dem Schutzpanzer ist eine wichtige Metapher, denn als Songwriter schreibt ihr eure Nummern meist alleine bei euch zuhause, ohne die Gedanken teilen zu müssen. Das passiert dann aber schlagartig auf der Bühne.
Mangan:
Wenn ich solche Künstler auf der Bühne sehe, kommt mir als allererstes in den Sinn, dass ich gerne mehr so wäre wie die da oben. Die Wahrheit ob der Tatsache, dass sie so toll sind ist jene, dass sie eben genau so sind. Sie sind einfach sie selbst - total echt und authentisch. Ich kann aber nicht so sein wie die, das kann nicht gehen. Ich muss selbst so ehrlich und wahrheitsgetreu wie möglich sein und so wirst du auch besser. Einflüsse können die Musik ziemlich verwässern, aber sie können dich auch in eine Richtung leiten, in der du wirklich dich und deinen eigenen Sound findest.
Gibson: Ich war ein unglaublich sensitives Kind und ein Nerd in Bezug auf Wörtern. Diese Sensibilität fühlte sich lange wie ein Fluch an und es ist so schön zu sehen, dass ich ein Ventil gefunden habe, mich darin wohlzufühlen. Heute sehe ich diese Sensitivität als ein Geschenk, das meine Songs besser macht. Auch auf der Bühne bin ich sensibel genug, um verletzlich zu sein und eine Verbindung zu den Menschen zu finden. Ich kann heute wirklich ich selbst sein und muss mich nicht verstellen. Es gibt viele andere sensitive Menschen, die nie einen Weg finden, das zu etwas Positivem zu kanalisieren. Ich habe wirklich viel Glück.

Macht es für euch einen Unterschied, wenn ihr ein Instrument in der Hand habt? Verändert euch das sofort zu anderen, authentischeren, offeneren Menschen?
Gibson:
(lacht) Da ist wohl was dran. Ich bin ziemlich schüchtern und fühle mich in eins zu eins Situationen wesentlich wohler, aber auf der Bühne zu spielen, das kann ich genießen.
Mangan: Ein Instrument ist wie eine Waffe. Sie gibt dir Kraft in einer hoffentlich guten Art und Weise, aber wenn du auf der Bühne stehst, dann hast du die Möglichkeit, deine Themen und Wörter öffentlich zu machen. Vielleicht wären die Menschen nicht deiner Meinung oder sie würden sich nicht dafür interessieren was du sagst, aber durch die Vermischung mit Gesang und Musik vergeben sie dir eher oder achten darauf, was du ihnen vermitteln möchtest.
Gibson: Ich bin immer wieder verwundert, was ein Song zu tun vermag. Sehr oft hatte ich schon das Gefühl, dass der einzige Weg mich auszudrücken darin bestand, dass ich die Poesie eines Textes mit Musik vermischte. Selbst in Interviews weiß ich nicht, was ich sagen soll, weil ohnehin alles in den Songs steckt. (lacht)
Mangan: Wenn ich jemandem sage, er soll mal einen neuen Song auschecken und der Refrain besteht aus „Oh, the water“, dann wirst du dir erst einmal denken, was mit dem Typen los ist. Tolle Poesie Mann, ehrlich. (lacht) Aber wenn Van Morrison diesen Text singt, dann willst du viel mehr davon hören und hast das Gefühl, dass du alles verstehst. Plötzlich ist das Wasser Leben und Tod zugleich. Es geht immer um den richtigen Kontext. Wir sitzen hier zu dritt und reden über unsere Leben - es gibt nirgendwo sonst für mich einen Kontext, in dem ich auf einer Couch sitze und über mein Leben und meine Musik rede, als bei Gesprächen mit Journalisten. Wen interessiert das schon sonst? Freunde aus der High School würden das nicht hören wollen. Wenn du Nina Simone in einem völlig überfüllten, lauten irischen Pub hören würdest, würde sie dir trotz ihrer Stimme wahrscheinlich nicht einmal auffallen. Hast du aber das Privileg, sie in einer tollen Halle zu sehen, kann sie dein Leben für immer verändern. Der Kontext ist also alles, nur darum geht es.

Es gibt immer die Kardinalsfrage - ist nun bei Singer/Songwritern die Musik wichtiger oder der textliche Inhalt, der transportiert wird?
Gibson:
Es ist wie ein magischer Trick, der bei manchen Songs zu funktionieren scheint. Du kannst dir selbst oft nicht erklären, warum dieses funktioniert und jenes nicht. Es ist ein ewiges Rätsel.

Oft hängt es auch bloß an der Stimme. Berührt dich die Stimme, ist der Inhalt gar nicht mehr so relevant.
Mangan:
Die Stimme ist ebenso ein Instrument wie eine Gitarre. Wenn dich Künstler nur mit dem Gesang zum Weinen bringen können, dann haben sie natürlich einen Vorteil, der nicht irrelevant ist. Manche haben das Talent, dich auch ohne inhaltliche Schwere einfach durch ihre Stimmkraft entscheidend mitnehmen zu können.

Hat es nicht auch mit der Bekanntheit zu tun? Dass man Van Morrison wesentlich mehr durchgehen lässt als jemanden, der bei weitem nicht so prominent ist?
Mangan:
Das ist einfach das Leben, das kannst du nicht ändern. Wenn ich gewisse Sachen als Obdachloser sage, bin ich der verrückte Irre. Bin ich im Oval Office des Weißen Hauses, bin ich der Milliardär, dem alle an den Lippen hängen. Das ist nicht gerecht, aber auch hier geht es wieder um den Kontext.
Gibson: Daran habe ich noch nie gedacht, muss ich ehrlich sagen.

Euer Branchenkollege William Fitzsimmons hat etwa ein ganzes Album über den Betrug und die Trennung von seiner Frau und die damit einhergehende Scheidung verfasst, was unheimlich mutig ist. Wie weit würdet ihr mit persönlichen Geschichten gehen, um sie in die Öffentlichkeit zu transportieren?
Gibson:
Jeder muss seine eigenen Grenzen ausloten und überlegen, wie weit er in seiner Musik gehen kann bzw. inwieweit sie helfen kann, das Leben besser zu machen. Ich habe in meinem Leben sehr viele harte Dinge erforscht, kann mir aber nicht vorstellen, so ein Thema wirklich nach draußen zu bringen.
Mangan: Manchmal versuchen die Menschen ihre Sünden zu büßen, indem sie sie in ihre Kunst stecken. Das ist kompliziert, denn manchmal ist das okay, manchmal aber ist das nur eine billige Ausrede, um emotionalen Frieden zu finden. Das kann dir auch die Kunst nicht verschaffen.
Gibson: Es steckt auch so viel Handwerk darin, wenn man sich selbst ausdrückt. Man versucht immer interessante Wege zu finden, um sich auszudrücken, aber wenn ich zu tief in meinem Leben schürfen wollte, wurden meist keine guten Songs daraus und mir hat das auch gefühlsmäßig nicht geholfen. In erster Linie geht es immer noch darum, gute Songs zu schreiben.
Mangan: Es geht auch um den richtigen Stil. Für mich wäre so ein Thema einfach kein Stil, aber Mark Kozelek von Sun Kill Moon zum Beispiel personifiziert einen einzigen Strom durch seine Gedankenwelt. Er lässt tief in sein Familienleben blicken, aber das muss man halt auch mögen. In seinem Kontext funktioniert das, denn er ist gut darin. Ich könnte das niemals.

Es gibt also definitiv Dinge, die ihr beim Songschreiben bewusst aussparen würdet?
Gibson:
Vor allem dann, wenn andere Personen genannt werden oder zumindest so erwähnt, dass man weiß, worum es geht. Das ist eine schwierige Sache. Ich bin schon lange in einer glücklichen Beziehung, aber ich bin mir immer noch unsicher, inwieweit ich damit in meinen Songs umgehen kann. Es ist immer eine gewisse Gratwanderung und schwierige Sache.
Mangan: Manchmal ist das Songwriting auch manipulativ und ich bin mir nicht wirklich sicher, ob es tatsächlich hilfreich ist. Manchmal verwende ich den Schmerz in meinem Leben, um einen Song zu machen. Das hilft aber nicht immer, sondern verursacht manchmal sogar das Gegenteil - nämlich noch mehr Schmerz. Es ist immer ein Tanz auf dem heißen Feuer. Man will die Wahrheit finden, aber auch kein Parasit für die Menschen sein, denen man seine Probleme entgegenwirft.

Jetzt, wo ihr euch schon etwas beschnuppern und kennenlernen konntet - was bewundert ihr am anderen am meisten?
Mangan:
Wie ich schon sagte - ich kann in Lauras Musik versinken. Sie ist echt und authentisch, da ist nichts anmaßend oder falsch. Die gesamte Energie ist echt und wahrhaftig.
Gibson: Dan ist eine sehr fürsorgliche Person und das kommt auch aus seinen Songs heraus. Er sorgt sich einfach um alle Leute in der Crew und ist ein Verbinder im positivsten Sinne. All diese Fürsorglichkeit siehst du auch in seinen Texten und in seiner Musik. Er ist eine liebenswerte Person und ich liebe es, wenn die Arbeit eines Menschen seine Persönlichkeit wiederspiegelt.

Live in Graz
Am Dienstag, 16. April, kann man eines der wundervollen Doppelkonzerte von Dan Mangan und Laura Gibson in der Grazer Postgarage besuchen. Weitere Infos und Karten erhalten Sie unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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