27.03.2019 10:30 |

Abschied auf Raten

EAV: Anecken kennt keine Altersmilde

Auf ihrer 92 Konzerte dauernden Abschiedstour schaute die EAV Dienstagabend in der seit Wochen restlos ausverkauften Wiener Stadthalle vorbei. Zwischen all den großen Hits gab es gleichermaßen Platz für Humor und Gesellschaftskritik. Ein da capo gibt es im September.

Wie trägt man eine Band nach 41 Jahren würdig zu Grabe, die sich niemals an gängige Konventionen hielt, kein pikantes Thema unberührt ließ und über mehrere Jahrzehnte hinweg nicht nur das musikalische, sondern im erweiterten Sinne auch gesellschaftspolitische Leben einer ganzen Nation mitprägte? Am besten natürlich mit einer gnadenlosen, vor Morbidität nur strotzenden Aktion, die eindrucksvoll beweist, dass Anecken keine Altersmilde kennt. Mit viel Selbstironie lässt sich Klaus Eberhartinger zu Beginn der vorletzten EAV-Show in Wien im Sarg auf die Bühne karren, begrüßt die „Trauergäste, Friedhofsgäste und Nekrophilisten“ und leitet damit gewohnt unbarmherzig in eine fast dreistündige Show der Superlative, die knapp 10.000 Besucher vor restlos ausverkauftem Haus noch einmal zum Nachdenken anregt, ohne an Humor und Esprit einzubüßen.

Rhetorische Vehemenz
Die kulturelle Wertigkeit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung kann man in Worten gar nicht beschreiben. Auch die Landesnachbarn aus Deutschland und der Schweiz schätzten und liebten das Gespann für seine alltagskritischen Texte und den schonungslosen Blick in die Seele des österreichischen Volkes. Liebe, Tod, Rassismus, Sexismus, Pädophilie, Nationalismus oder Gier - kein Thema war der EAV zu heiß, um es nicht durch Thomas Spitzers unerreicht spitze Feder fließen zu lassen. Wohlgemerkt schon in den 80er-Jahren, als die Gesellschaft noch nicht an der Internet-Abstumpfung litt und man mit Texten wie „Burli“ oder dem „Sandlerkönig Eberhard“ für Affronts sorgte. So direkt über die Atomkatastrophe von Tschernobyl oder die Tragik von Obdach- und Hoffnungslosigkeit zu singen, wagte niemand zuvor - und dieser brillant-rhetorischen Vehemenz auch niemand mehr danach.

Während ein erklecklicher Teil der einheimischen Bevölkerung der lederhosentragenden Volkspomade und ihren untrüglichen Botschaften über Heimat, Ehre und Treue lauscht, ist das Gespür der EAV für nationale als auch globale Probleme von beeindruckend-schauerlicher Aktualität. So besang Eberhartinger in „Neandertal“ schon 1991 die Abgestumpftheit des Menschen in seinem Umgang mit dem Gegenüber - und kann den Text mit leichten Adaptierungen (Facebook statt Fax) mühelos in die Gegenwart transferieren. Die neuen, überdeutlich politischen Songs des Studioalbums „Alles ist erlaubt“ tun das Ihre, um ein Gesamtbild aus der prekären Stimmung im Land zu formen. Dass das „Böse immer und überall ist“, weiß man nicht zuletzt durch ihren großen Top-Hit „Ba-Ba-Banküberfall“, aber in eindringlichen Songs wie „Toleranz“, „S’Muaterl“ oder „Am rechten Ort“ setzt die EAV mit pointierten textlichen Nadelstichen ein prägendes Ausrufezeichen für Gemeinschaft und Herz in kühlen Zeiten. Ohne die juvenilen Spuren der Anarchie ihrer Gründungstage zu vergessen, zeigt sich die Band 40 Jahre später gereift und souverän in ihrer Themenvermittlung.

Opulente Revue
Ein EAV-Konzert ist selbstverständlich nicht nur ein politisch gedeutetes Manifest, sondern bedeutet auch zur Abschiedstour in erster Linie Spaß, Nostalgie und Ungezwungenheit. Über alle Generationen verstreut findet sich das Publikum zusammen, so manch inbrünstiger Mitsinger des „Märchenprinzen“ oder der Männlichkeits-Persiflagen „300 PS“ und „An der Copacabana“ war noch nicht einmal geboren, als die Songs mühelos die Charts eroberten. Die Bühne ist spartanisch gehalten, Eberhartinger wechselt Kostüme und Kleidung in der opulenten Revue aber öfter als Miley Cyrus und Lady Gaga zusammen. Die Hitdichte ist bei so einer Karriere natürlich dementsprechend groß, so kommt das enthusiasmierte Publikum oft gar nicht erst zum Durchschnaufen. Wenn die EAV zwischendurch trotzdem mal vom Gaspedal geht, unterhält Eberhartinger mit bissigen Anekdoten über das Altern, die Liebe und das Sterben.

Aufgeteilt wird die Show in grobe Themenblöcke. Zuerst geht die EAV chronologisch durch die Frühzeiten ihres Erfolgs, wechselt dann zu Kapitalismuskritik, den Kampf gegen das unreflektierte Nationaldenken und geht im letzten Showdrittel auf das ewige Thema Liebe in all seinen schönen und weniger schönen Facetten über. Beim Schmacht-Cover „Only You“ hat auch Brummstimme Thomas Spitzer mit Gitarrensolo und schauspielerischer Glanzleistung in der Froschmaske seinen verdienten Auftritt im gleißenden Rampenlicht. In einem „Kranken-Medley“ verwurstet man gar Wolfgang Ambros oder Falco mit unnachahmlicher Spitzfindigkeit. Dazwischen bezeichnet Eberhartinger Donald Trump als Horror-Clown, sieht George W. Bush im Vergleich dazu als einen Che Guevara, oder erntet Lacher, dass er den älteren im Saal als Vorbereitung für später schon mal empfiehlt, mit einer Hand im Blumentopf zu schlafen.

Ende einer Ära
Dem ewigen Nimbus, eine „Blödel-Combo“ zu sein, tritt die EAV bei ihrer (vor)letzten großen Matinee in Wien mit Feuereifer entgegen. Doch ist es gerade die Breitenwirksamkeit, die das Kollektiv über Dekaden hinweg zur wohl wichtigsten Band des Landes gemacht hat. Die Älteren werden zum Nachdenken und Reflektieren gebracht, die Jüngeren und Kleinen können sich an den prägnanten Melodien laben und werden textlich nicht von Schwermut erschlagen. Das endgültige Aus der EAV ist wie ein Kopfschuss gegen immer seltener werdendes Querdenkertum und bewusster Abkapselung von Gleichförmigkeit und Normen. Die Welt wird ohne sie nicht mehr dieselbe sein. Bevor die Fans aber endgültig ein Stück Kindheit begraben, können sie bis über den Sommer hinaus in ganz Österreich und am 14. September noch einmal in der Wiener Stadthalle jubeln, mitsingen und sinnieren. Dort dann auch mit Gästen von Wolfgang Ambros bis Lemo. Karten gibt es noch unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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