11.03.2019 10:57 |

Tierschützer warnen

Droht Österreich Wiedereinführung von Pelzfarmen?

Derzeit sorgt ein Alleingang des für Tierschutz zuständigen EU-Kommissars Vytenis Andriukaitis in Europas Tierschutzszene für große Aufregung. Andriukaitis möchte die Pelztierhaltung praktisch konsolidieren. Mit einem so genannten „Tierwohlreferenzzentrum“ sollen die Standards für die Haltung von Nerz, Marderhund, Fuchs etc. festgeschrieben werden. Deshalb startet die Tierschutzorganisation “Vier Pfoten“ jetzt  gemeinsam mit dem Dachverband der europäischen Tierschutzorganisationen „Eurogroup for Animals“ eine Petition, um diesen Plan zu verhindern.

„Die Auswirkungen dieses so positiv klingenden Referenzzentrums sind verheerend“, warnt Heli Dungler, Gründer und Präsident von „Vier Pfoten“. „Wenn das Halten von Wildtieren genauso normal, ja sogar erwünscht ist wie das Halten von Nutztieren, dann werden Pelzfarmen schlicht salonfähig gemacht. Und wenn man denkt, dass der freie Wettbewerb einer der Grundpfeiler der EU ist, wird es wohl nicht lange dauern, bis das österreichische Verbot von Pelztierfarmen unter Beschuss steht. Ich persönlich bezweifle, dass wir es langfristig aufrechterhalten können. Das Ganze ist ein Riesenskandal!“

„Wilditiere gehören in die Natur!“
Ein Tierwohlreferenzzentrum soll nach Vorstellungen des Kommissars offiziell fachliche Unterstützung für EU-Länder bei ihren Tierschutzkontrollen bieten. Ihre Absicht ist außerdem die Etablierung von Standards und Good Practice Beispielen im Tierschutz. Allerdings würde das bei Wildtieren die gleiche Reglementierung von Haltungsbedingungen wie bei anderen Tierarten bedeuten – ein absolutes No-Go für Tierschützer. „Wildtiere gehören, wie der Name bereits deutlich macht, in die Natur und niemals in Gefangenschaft“, macht Heli Dungler klar. „Außerdem schließen Tierschutz und Pelzfarmen einander aus. Es gibt keinen ethisch oder tierschutzkonform erzeugten Pelz.“

Die Rolle von EU-Kommissar Andriukaitis sei in diesem Fall äußerst dubios. „Der eigentlich für Tierschutz zuständige Kommissar wehrt sich vehement, ja fast rabiat gegen jede Kritik von Tierschutzorganisationen. Er verweigert den NGOs schlicht den Dialog. Es ist unklar, was ihn hier antreibt“, berichtet Dungler. „Wie es scheint, will er dieses Vorhaben, das gegen jeden Tierschutzgedanken steht, unbedingt durchziehen.“ Während immer mehr EU-Mitgliedsstaaten den Zeitgeist erkennen und die Pelztierhaltung verbieten, geht der EU-Kommissar also genau in die andere Richtung. Die Ironie dabei: Vor fast einem Jahr war EU-Kommissar Andriukaitis Gast und Speaker beim 1. Internationalen Tierschutzgipfel, den „Vier Pfoten“ in Wien veranstaltete. Damals erklärte er wortwörtlich: „Tierschutz ist ein sehr wichtiger Teil meiner Verantwortung und tatsächlich eine meiner persönlichen Prioritäten als Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Wir sollten hier nicht den Fuß vom Pedal nehmen, unsere Tierschutzaktivitäten nicht verlangsamen. Es gibt noch viele Probleme, die zu lösen sind, und wir müssen die EU Politik für Tierschutz weiterhin proaktiv gestalten.“

Seit 1998 keine Pelzfarm mehr in Österreich
Eine Reihe von Mitgliedsstaaten wie Österreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Slowenien, Tschechien, Kroatien und das Vereinigte Königreich haben die Haltung von Pelztieren gesetzlich verboten. Dort existieren schon heute keine Pelzfarmen mehr, oder diese Praxis läuft nach einer Übergangszeit aus. Entsprechende Regelungen sind für Polen, Irland, Litauen und Estland angekündigt oder werden derzeit geprüft. In Dänemark ist die Haltung von Füchsen auf Pelzfarmen untersagt. In Österreich hat die letzte Pelzfarm bereits 1998 ihre Pforten geschlossen. Andere EU-Mitgliedstaaten, namentlich Deutschland, Italien und Schweden, haben strengere Haltungsvorgaben für Pelztiere erlassen, die langfristig zu einem Aus dieser Praxis führen dürften. Mit einer Schließung der letzten deutschen Nerzfarm ist spätestens Mitte 2022 zu rechnen.

„‘Vier Pfoten‘ ist 1988 gegründet worden. Eines unserer ersten großen Ziele war das Verbot von Pelzfarmen – es gab damals noch etwa 60 solcher Farmen in Österreich“, sagt der Präsident des Vereins, Heli Dungler. „Was für ein Meilenstein für Österreichs Tierschutz, als das Verbot mit dem Österreichischen Tierschutzgesetz 2005 endlich de facto in Kraft trat! Wir haben alle mit so viel Herzblut dafür gekämpft, damit diese Tierqual endlich Geschichte wird. Jetzt sehen wir unsere Errungenschaft gefährdet.“ Laut Dungler gilt es jetzt, unverzüglich zu handeln und diesen gefährlichen Alleingang des EU-Kommissars zu verhindern: „Wir fordern die zuständige Bundesministerin Hartinger-Klein auf, sich entschieden und proaktiv dagegen zu positionieren. In dieser Angelegenheit nicht alle Möglichkeiten auszuschöpfen, stellt Österreichs Vorreiterrolle im Kampf gegen die grausame Pelzproduktion in Frage.“

Jetzt: Auch die Kennzeichnung ist mangelhaft
Auch die Kennzeichnung von Pelzprodukten ist immer noch unzureichend. Als Konsument ist es wichtig, zu wissen, welche Kleidungsstücke mit den sogenannten „Materialen tierischen Ursprungs“ gestaltet wurden, um sie gezielt meiden zu können. Daniela Holzinger-Vogtenhuber, Tierschutzsprecherin der Partei Jetzt, stellte daher einen Entschließungsantrag betreffend einer verpflichtenden Kennzeichnung: „Die bestehende Regelung gilt nur für Kleidungsstücke, die zu mindestens 80 Prozent aus Textilgewebe bestehen. Was bedeutet, dass für Produkte, welche zum Beispiel aus einem Fellbesatz von mehr als 20 Prozent bestehen, keine Kennzeichnungspflicht besteht.“

Schweizer Regelung als mögliches Vorbild
Als mögliches Vorbild sieht Daniela Holzinger-Vogtenhuber die schweizer Regelung ("Verordnung über die Deklaration von Pelzen und Pelzprodukten"): Laut dieser müssen die Produkte verschiedene Angaben enthalten. Dazu gehören sowohl die Deklaration der Tierart, der Herkunft und der Gewinnungsart des Fells und bei einem Wildfang die Information, ob es sich um „Fallenjagd“ oder „Jagd ohne Fallen“ gehandelt hat. Bei Zuchttieren muss angegeben werden, ob der Vierbeiner in „Herdenhaltung“, „Rudelhaltung“, „Käfighaltung mit Naturboden“ oder „Käfighaltung mit Gitterboden“ leben musste.

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