18.02.2019 00:29 |

Stadthalle ausverkauft

Twenty One Pilots: Nichts muss, alles darf

Sonntagabend hat das populäre US-Duo Twenty One Pilots zum zweiten Mal innerhalb von weniger als drei Jahren die Wiener Stadthalle restlos ausverkauft. Ihr originärer Mix aus Rap, Hip-Hop, Pop, Indie-Rock, Reggae und Disco-Sounds brachte die gesamte Halle zum Beben.

Manchmal werden sie schneller groß, als einem lieb ist. Wenige Eingefleischte schwelgen bei frühlingshaften Temperaturen schon frühnachmittags vor der Wiener Stadthalle in Erinnerungen. Sie denken zurück an die nicht enden wollende Einlassschlange beim beliebten Wiener Gürtelbeisl B72. Der Tag liegt fast genau fünf Jahre zurück. Es war ebenfalls Februar, nur merklich kälter. Ausverkauft war die Location bis zum letzten Platz, eine Hochverlegung ging sich nicht mehr aus. Als die beiden Freunde Tyler Joseph und Josh Dun aka Twenty One Pilots die Bühne betraten, explodierte die geifernde Meute auf der Stelle. Schon damals war relativ schnell klar - diese Band ist etwas ganz Einzigartiges und das Publikum dürstet nach etwas Originärem. Josh am Schlagzeug, Tyler wahlweise an Gitarre, Bass, Mikrofon. Rappend, rockend, erzählend, schreiend. Rap, Hip-Hop, Indie Rock, Alternative, Pop, etwas Core. Nichts muss, alles darf, kann und soll. Schon damals versteckten sie sich hinter Sturmmasken, schon damals spielten sie „Car Radio“ und „Trees“, schon damals ließ sich Dun für ein Schlagzeugsolo von den Zusehern durch den Raum tragen.

Sound von morgen
Das sind die Gemeinsamkeiten mit dem Februar 2019. Die Unterschiede? Statt in einem randvollen B72 spielen Twenty One Pilots vor 16.000 Fans in einer randvollen Wiener Stadthalle - zum zweiten Mal in knapp drei Jahren. Statt sich am Bühnenrand vor dem Zugabenteil zu verstecken, können sie sich auf eine Megaproduktion verlassen, wie sie im Showbusiness nur von Amerikanern kommen kann. Und zum oben angeführten Gebräu unterschiedlichster Stile sind noch eine kräftige Dosis Reggae und 80er-Disco-Chic dazugekommen. Nun ist es gemeinhin kein Geheimnis mehr, dass sich die junge Hörergeneration nicht mehr in Schubladen stecken lässt. Hiesige und internationale Festivals beweisen -einem fetten Gitarrenriff dürfen knallharte Punchlines und hypnotische Beats folgen. Erlaubt ist, was gefällt. Und den Twenty One Pilots gefällt es vor allem, sich aus allen vorgefertigten Nischen und veralteten Industrieprozessen zu schälen. Und das nicht nur stilistisch. Wer schon im ersten Konzertdrittel (!) Megahits wie „Jumpsuit“, „Fairly Local“, „Stressed Out“ und „Heathens“ ist entweder lebensmüde, wagemutig oder genial.

Schon nach kurzer Zeit ist das Publikum von den auditiven und visuellen Reizen gefangen genommen. Ein Auto brennt im Hintergrund, Glitzerstaub legt sich über die Häupter der ersten Reihen, beide Bandmitglieder werden mit hydraulisch gesteuerten Bühnenelementen permanent auf- und abgehoben, Joseph springt wiederholt über sein Klavier und taucht dank perfekter Choreografie mit einem Double nur Sekunden nach seinem vermeintlichen Verschwinden auf der Bühne singend auf den Sitzplatzrängen wieder auf. All das packt das Duo in die ersten 20 von knapp 120 Minuten. Die Wiener Stadthalle als riesengroßer Spielplatz. Eine Art Manege für moderne Siegfried & Roy. Nur dass sie sich nicht als Löwendompteure erweisen, sondern ihre Fans vor sich herpeitschen. Selbstredlich im positiven Sinne mit Musik. Bei „We Don’t Believe What’s On TV“ wogen tatsächlich 32.000 Hände im Takt. Und das in Wien, dem Epizentrum der konzertanten Zurückhaltung. Kein Wunder, dass Tyler samt seinem Instrument während „Cut My Lip“ andächtig und betend auf dem Boden kniet.

Mut zur Melange
Der Fairness halber sei erwähnt, dass die beiden topfitten 30-Jährigen dieses exorbitante Tempo nicht über die volle Showlänge gehen können. Zeit für ausreichend Fitnessprahlerei bleibt aber zuhauf. Etwa als sich Drummer Dun bei „Holding On To You“ per Rückwärtssalto vom Bühnenklavier katapultiert oder sich Joseph nach dem hypnotischen Electronic-Part von „Car Radio“ auf eine hohe Rampe turnt, um sich Einzelapplaus abzuholen. Zwischen all diesen wilden Einlagen bleibt aber stets genug Zeit für ruhigere Momente. Etwa wenn sich der Sänger ins Hawaii-Hemd wirft und die Ukulele auspackt oder bei der mitreißenden Performance auf der B-Bühne mitten in der Halle. Dort zelebriert das Duo das Songtrio „Neon Gravestones“, „Bandito“ und „Pet Cheetah“ aus ihrem brandaktuellen Werk „Trench“ und vermischen ganz und gar unpeinlich US-Rap mit 80s-Synthie-Disco-Beats. Alles schon einmal dagewesen? Womöglich. Doch nur Puristen und Vorverurteiler können dieser gekonnt performten Sound-Melange Qualität und Hitlastigkeit absprechen.

Was aber noch wesentlich schwerer wiegt als all die Gimmicks und Effekte, sind die dahinterliegenden Botschaften. Die Twenty One Pilots sind ein durchdachtes Projekt, bei dem auch die Inszenierung mit den Sturmmasken, den Skelettpullis etc. einem Sinn obliegen. Die beiden Musiker kümmern sich nicht um überbordende Dekadenz wie etwa im Cloud Rap gang und gäbe, sondern behandeln in ihren Texten reale Themen wie Hoffnung, Depression, Isolation, Ängste, Gesellschaftsdruck oder die Tücken des Erwachsenwerdens. Hirn statt Porno. Gemeinsam mit der Musik und der fulminanten Bühnenshow macht das die Twenty One Pilots zu einem der größten und mit Sicherheit zu einem der spannendsten Mainstream-Acts der Gegenwart. Nur den „Quiet Show“-Text hat Wien nicht bestanden. Nur 1,88 Sekunden schaffte es das Publikum, die von Joseph gewünschte Ruhe in der Halle einzuhalten. Beim Frequency im August darf aber ohnehin wieder aus allen Rohren gekreischt werden. Wohl auch von jenen, die noch den Schweiß des B72-Gigs vor ihrem geistigen Auge sehen. Karten gibt es unter www.frequency.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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