10.01.2019 07:00 |

Interview & Album

Papa Roach: „Instagram ist nicht das wahre Leben“

Entgegen allen Weissagungen halten sich die Nu-Metal-Pioniere Papa Roach auch nach mehr als 25 Jahren noch sehr gut im Geschäft. Nach einem gefeierten Auftritt beim letztjährigen Frequency gibt es diesen Sommer ein Wiedersehen auf dem Nova Rock - mit im Gepäck haben sie dort ihr brandneues Studioalbum „Who Do You Trust?“, mit dem Jacoby Shaddix und Co. wieder ein Stück aus ihrem Ursprungssstil ausbrechen. Im Interview erzählte uns der Frontmann auch über seine früheren Drogenprobleme, welche Wirkung Musik auf ihn hat und wieso man das Leben ruhig öfter in der Realität verbringen sollte.

Mehr als sechs Jahre ist Papa-Roach-Frontmann Jacoby Shaddix mittlerweile trocken. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Exzesse und dennoch die ständige Ungewissheit, ob man wohl noch länger durchhält und sich nicht in den Mechanismen der Vergangenheit verheddert. Der dreifache Familienvater ist mittlerweile 42 und im Leben angekommen. Das zeigen nicht nur die gefeierten Liveshows wie zuletzt am Frequency, sondern auch die Frischzellenkur, die man dem letzten Album „Crooked Teeth“ anhörte. Übersprudelnd vor Kreativität folgt nur eineinhalb Jahre mit „Who Do You Trust?“ nun das nächste Werk - teilweise noch mit Songideen aus den alten Sessions, weil die Kreativität schier unaufhaltsam schien. Alte Nu-Metal-Fans müssen dennoch durchatmen, denn nach 25 Karrierejahren nehmen Papa Roach keine Rücksicht mehr auf vorgefertigte Erwartungen. Hip-Hop, Punk, Nu-Metal, Rap und Pop tummeln sich gleichermaßen auf dem Werk. Bands wie die Imagine Dragons oder Twenty One Pilots waren klare Einflüsse. Ganz nach dem Credo: Stillstand bedeutet Rückschritt.

„Krone“: 
Jacoby, immer auf Tour, nun das neue Album „Who Do You Trust?“, im Sommer am Nova Rock - gibt es bei euch auch mal Ruhephasen?
Jacoby Shaddix: So ticken wir eben. Die Hip-Hop-Künstler sind dahingehend mein großes Vorbild. Da wird immer etwas veröffentlicht, es kommt immer wieder was Neues raus und sie sind permanent auf Tour - alles ist in Bewegung. Es gibt auch immer wieder Kollaborationen, Gäste, Songs und Snippets. Wenn es um das Business geht, dann können wir uns alle viel von dort abschauen.

Ihr seid letzten Sommer zwischen den Touren und Festivalshows immer wieder heimgeflogen, aber nicht um Urlaub zu machen, sondern um am aktuellen Album zu schrauben. Auch das zeugt von hohem Arbeitsethos.
Wir sind immer beschäftigt und brauchten auch keine Pause. Natürlich wäre es nett zuhause zu chillen, aber wir lieben es zu arbeiten und kreativ zu sein. Uns gibt es nun 25 Jahre und das Feuer in der Band brennt noch immer wie am ersten Tag. Wir lieben es gleichermaßen live zu spielen, als auch Songs zu schreiben. Das geht dann Hand in Hand und inspiriert sich schlussendlich gegenseitig.

Würdest du sogar so weit gehen zu behaupten, dass in der Band momentan mehr Feuer steckt als es zwischendurch einmal der Fall war? Zumindest fühlt es sich aufgrund eurer Arbeitsintensität so an.
Das ist schwer zu sagen. Es gab Alben, wo ich selbst etwas zersprengt und nicht ich selbst war, dann gab es wieder welche, die vor Ideenreichtum und Motivation förmlich brannten. Vor allem die letzten beiden Alben „F.E.A.R.“ und „Crooked Teeth“ hatten es wirklich in sich. Ich bin jetzt seit gut sechs Jahren trocken und fühle mich der Musik und der Band seither näher denn je zuvor.

Hat sich durch das Ende deiner Alkoholkrankheit auch die Musik und dein Zugang zur Musik verändert?
Ich habe 13 Jahre lang versucht clean zu werden und bin immer wieder daran gescheitert. Dass ich nun klar im Kopf bin, hilft mir extrem. Ich bin viel kreativer wenn ich nüchtern bin und wenn ich mir heute Live-Performances in meiner Drogenphase ansehe, frage ich mich oft, was zum Teufel ich da getan habe. Wir sind jetzt auf jeden Fall weiter als wir früher waren und nehmen das sehr ernst. Wir spielen als Band mittlerweile länger zusammen als manche unserer Fans alt sind, die wir bei den Meet & Greet immer treffen. Dass wir eine neue Generation Rockfans abholen konnten, ist grandios. Dadurch können wir uns als Songschreiber, Musiker und Kreative neu erfinden und bleiben immer am Ball. Wir wollen das „alte wir“ nicht hinter uns lassen, aber auch weitergehen und uns immer wieder neu entdecken.

Du hast schon mehrmals angekündigt, dass das neue und zehnte Studioalbum „Who Do You Trust?“ eine weitere musikalische Evolution darstellen würde. In welchem Sinne?
Wir haben Elemente von harten Riffs und echte Rocksongs verinnerlicht. Es geht weniger um den Metal an sich und vielmehr um die Riffgewalt und schnittige Stellen, die im Ohr hängen bleiben. Auf „Crooked Teeth“ hatten wir mit „Help“ einen Song, der wirklich ein Schlüsselmoment in unserer Karriere war. Das gelingt dir nicht oft - als zweites Beispiel würde mir da etwa „Scars“ aus dem Jahr 2004 einfallen. Auf dem neuen Album sind aber einige solcher Songs vorhanden. Bei „Scars“ hatte ich damals ziemlich Angst, weil wir da nicht mehr so hart, sondern vielmehr verletzlich und offen waren. Ob da unsere Fans mitgehen würden? Sie sind es und wir sind ihnen immer noch dankbar dafür, weil sie uns so nahmen, wie wir sind. Wir standen mittlerweile öfter an solchen Kreuzungen, und immer wenn wir etwas nervös waren, ob es nicht zu weit gehen würde, schlug derjenige Song meist so richtig ein. So ein Song ist wie der erste Sex mit einer neuen Freundin. (lacht)

Das neue Album ist jedenfalls eine Fortsetzung von „Crooked Teeth“, wir haben es auch mit denselben Leuten aufgenommen. Für uns fühlen sich die Alben wie Teil eins und Teil zwei an und das ist verdammt aufregend. Wir haben das Album erstmals im Sommer geschrieben. Wir haben in North Hollywood daran geschrieben und die Sonne hielt richtiggehend Einzug in die Songs. North Hollywood ist etwas dreckiger und roher. Anfangs wollten sie uns für die Aufnahmen an den Strand karren, aber ich hatte die Idee, den Strand zu uns nach North Hollywood ins Studio zu bringen. Ich habe meine Kreditkarte rausgeholt, die Sandfirma angerufen und alle Parkplätze mit Sand überzogen. (lacht) Der Vermieter war so angepisst, aber wir wollten unbedingt den Strand zum Studio holen. Es hat einfach viel Spaß gemacht und den Alltag wieder aufgelockert und solche Gefühle hört man dem Album an. Es gibt aber auch bösartigere, tiefergehende Teile und beide Seiten spiegeln uns im Endeffekt wieder. „Who Do You Trust?“ ist einfach mehr wir selbst. Mehr Spaß, mehr Motivation, mehr Aufgeregtheit.

Eine gewichtige Erfolgsformel ist gewiss, dass du in deinen Texten immer sehr ehrlich, persönlich und verletzlich warst. Damit können sich vor allem junge Menschen sehr gut identifizieren.
Definitiv, aber anders würde es gar nicht gehen. Auch wenn die Musik auf dem neuen Album hoffnungsvoll klingt, sind in den Texten noch immer Probleme und Verzweiflung enthalten. Es gibt einfach beide Seiten, denn ein Album voller Probleme und negativer Energie will keiner hören. Der Song „Help“ hatte einen sehr positiven Klang, aber der Text dazu war verdammt dunkel. Wir hören sehr oft Geschichten unserer Fans, wie unsere Musik sie aus der Dunkelheit holen konnte oder ihnen im Leben weiterhalf - das ist jedes Mal sehr ergreifend und bestätigt uns in unserem Tun. Wir machen keine Musik, weil wir verdammte Rockstars sind, sondern weil wir durch Musik und Texte unser Persönlichstes rauskehren können. Die Botschaft ist zusammengefasst einfach: Du bist nicht allein! Die Musik ist dafür da, uns zusammenzubringen und den Schmerz gemeinsam wegzubringen. Ich hatte viele Freunde, die sich in den letzten Jahren das Leben genommen haben. Das ist verdammt hart und deshalb wollte ich umso mehr Hoffnung in das neue Album bringen. Es gibt immer einen Ausweg. Gestalte aus einem temporären Problem keine unausweichliche Situation. Gib nicht auf - darum geht es bei uns. Ich bin der Ansicht, dass wir als Individuen eine gewisse Dosis Schmerz und Leid im Leben ertragen müssen - das gehört zum Leben. Das Leben findet nicht auf Instagram statt, wo alles toll und herrlich ist. Aber wir zeigen nur das Gute in unserem Leben, keiner will seine dunklen Seiten und Momente mit anderen teilen. Es ist hart, offen und ehrlich zu sein, aber wenn wir die Realität konfrontieren wollen, müssen wir ehrlich sein. Auch die berühmten Menschen, die das ganze Geld der Welt besitzen haben Probleme wie du und ich. Alles Geld der Welt kann dich nicht glücklich machen - deshalb schießen sich Reiche auch das Hirn raus.

Hast du in deinem Leben mittlerweile Glück und Zufriedenheit finden können?
Die meiste Zeit schon, zum Glück. Ich kann mich an einem Tag gut und furchtbar fühlen. Wenn mir die Dinge zu viel werden und ich mich nur auf das Negative fokussiere, dann muss ich möglichst schnell raus. Ich leide an einer Art morbiden Reflexion und in meinem Kopf gibt es immer wieder endlose Schleifen voller Dunkelheit, Unsicherheit und negativer Gefühle. Das muss man so schnell wie möglich stoppen. Es sind nur Gedanken und es spiegelt nicht die Realität wieder. Das musste ich akzeptieren, verstehen und ins Gute kanalisieren. Raus in die Sonne, eine Runde laufen oder einfach jemand anderen bei einem Problem helfen. Rufe jemand anderen an oder zurück - diese Dinge holen mich zurück ins Leben. Ich habe wohl auch deshalb so viel gesoffen, weil ich meine Gefühle nicht fühlen wollte. Nun bin ich stabiler in meinem Leben, konfrontiere meine Gefühle und mache mir bewusst, dass es so viele Dinge gibt, für die es sich zu leben lohnt.

Ich habe mit Deryck Whibley von Sum 41 darüber gesprochen, der in einer ähnlichen Negativspirale war wie du. Das Berühmtsein und im-Rampenlicht-stehen macht die Sache natürlich nicht leichter. Der Druck ist dadurch ein ganz anderer.
In diesem Geschäft musst du lernen, dass dein wahres Ich sich nicht auf Tour befindet. Touren saugen deine Seele bis auf den letzten Tropfen aus und deshalb trug ich auch immer so viel Wut in mir. Der gesunde Teil ist, Musik zu erschaffen und kreativ zu sein. Auf Tour musst du einfach die Phasen finden, die dich glücklich machen. Entweder nimmst du deine Lieben mit oder hältst einfach nur regen Telefon- oder Facetime-Kontakt mit ihnen, oder du gibst einfach mal zu, dass du jetzt nicht auf Tour gehen kannst, eine absagst und dich lieber daheim ausruhst. Natürlich wollen dich die Manager dauernd rausschicken, das ist auch ihr Job, aber manchmal sind dein Herz, deine Seele und auch deine geistige Gesundheit wichtiger, weil du ihnen eine Pause gönnen musst. Es ist auch wichtig mit Menschen auf Tour zu sein, mit denen du gut klarkommst. Nichts ist schlimmer, als miese Stimmung im Bus, das tötet alles. Wir haben mittlerweile eine gesunde Balance gefunden, aber wir mussten das auch erst lernen.

Wie schwierig ist es, wenn man als gefeierter Rockstar nach einer langen Tour oder intensiven Festivalshows heimkommt und in den Alltag zurückkehrt?
(lacht) Das ist so, als ob ein Flugzeug in einer kleinen Gasse landen will und dann auch noch die Reifen kaputt sind. Es ist immer ein auf und ab. Nach zehn Tagen daheim fragt mich meine Frau meist schon, wann ich wieder meine Koffer packe und mit den Jungs losziehe. Ich arbeite daheim ganz normal im Garten, trage den Müll raus und mache den gleichen Alltagsscheiß, den jeder macht. Ich fahre meine Kinder in die Schule und mache mein Bett. Andererseits habe ich auch immer kreative Momente, weil ich die Wirrungen in meinem Kopf freisetzen muss. Ich habe viele Jahre gebraucht, um diese ständigen Wechsel vernünftig zu verkraften. Ich habe im Laufe der Jahre alle Höhen und Tiefen erlebt, Licht und Dunkelheit gesehen. Ich sehe mich auch als Mentor für jüngere Künstler, stehe immer für Ratschläge zur Verfügung. Jeder kann sich an mich wenden, wenn er gerne Hilfe möchte. Einmal waren wir mit Korn auf Tour und Faith-No-More-Drummer Mike Bordin war gerade mit an Bord. Wir hingen backstage ab, rauchten einen Joint und hatten ein total nettes Gespräch. Er merkte, dass wir damals wie eine Rakete durchgestartet sind und hatte den wichtigsten Rat überhaupt: Die Leute, die du auf dem Weg nach oben triffst, sind dieselben, denen du auch auf dem Weg nach unten begegnest. Das hat wirklich Sinn gemacht und deshalb habe ich von da an alle Menschen immer mit Respekt und Ehre behandelt. Egal, ob sie die Gitarrenkoffer tragen, mein Essen machen oder die Meet & Greet organisieren. Ich will schließlich auch gut behandelt werden und das ist das Mindeste, was ich zurückgeben kann.

Live beim Nova Rock
Fast alle Jahre wieder kommen Papa Roach gerne zu uns, um ihre Live-Qualitäten unter Beweis zu stellen. Nach einer explosiven Show beim Frequency im letzten Jahr, ist heuer das Nova Rock dran. Die brandneuen Songs und alle Hits von „Scars“ bis „Last Resort“ inkludiert. Spieltag ist der 13. Juni. Alle weiteren Infos zum Nova-Rock-Line-Up und Karten gibt es unter www.novarock.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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