Mi, 16. Jänner 2019

„Krone“-Interview

03.01.2019 07:00

Mark Forster: „Entwicklung im Pop ist derzeit gut“

Mit „Au revoir“ stürmte Mark Forster vor etwas mehr als vier Jahren die Charts, seitdem ist der sympathische Kapperlträger nicht mehr aus der deutschsprachigen Pop-Champions-League wegzudenken und reüssiert auch bei „The Voice Kids“. Mit dem neuen Album „Liebe“ kommt der 34-Jährige heuer mehrmals nach Österreich. Im ausführlichen Interview sprach er mit uns über Musik, Politik, Privatleben und Wanderlust.

„Krone“: Mark, auf deinem vorletzten Album „Tape“ hast du dein Kinderzimmer-Gefühl auf Platte gebannt. Ist „Liebe“ nun die Fortsetzung deines Lebenslaufes?
Mark Forster:
Jede Platte ist im Prinzip eine Fortsetzung der Lebensgeschichte von Leuten wie mir, die immer über sich selbst schreiben. Es wird das nächste Kapitel angerissen. Mir fiel „Liebe“ sehr viel schwerer als die Alben vorher. Es war ein total schwieriger Prozess, bis es schlussendlich so gut klang, dass ich damit zufrieden war. Das lag auch daran, dass es nicht die essenzielle musikalische Überschrift gab. Bei „Tape“ waren es der amerikanische Chor und das Bläserensemble, bei „Bauch und Kopf“ war es das Symphonieorchester. Es gibt auf „Liebe“ ein paar wiederkehrende Elemente, wie den afrikanischen Kinderchor, aber die Überschrift ist dieses Mal, dass ich textlich ins Eingemachte gehe und klar sage, was los ist. Jeder Song ist für sich der Chef und brauchte seinen eigenen Sound. Das hat mir die Sache ziemlich erschwert.

Das ist ein interessanter Widerspruch bei dir, weil du auf deinen Platten sehr offen aus deiner Vergangenheit erzählst, aber abseits davon quasi null Einblick in dein Privatleben gibst.
Die Grenze ist, dass es in der Musik keine gibt und ich einfach nicht darüber spreche. Das gibt mir mitunter auch die Freiheit, in den Songs so offen zu sein. Würde ich auf alles Bezug nehmen, was bei mir los ist, würde mich das total einschränken. Ich will mir das schützen und rede dann nicht darüber. Ich glaube, dass ich mit jedem Album noch offener und konkreter geworden bin und das liegt ein bisschen daran, dass in einem Song ein echtes Gefühl stecken muss. Sonst würde ich ihn nicht mögen und könnte keinen Wert erkennen. Das ist dann wie bei einem Sportler - je weiter man kommt, desto krasser wird die ganze Geschichte. Irgendwann wird aus einem Hobbyjogger vielleicht doch ein Marathonläufer.

Es fällt auch auf, dass es dir mit Fortdauer deiner Karriere offenbar immer leichter fällt, dein Leben in den Songs für die Menschen auszubreiten.
Diese Liederschreiberei ist ein bisschen wie Tennisspielen. Wenn du extrem oft trainierst, kannst du den Aufschlag irgendwann richtig gut. Das ist hier nicht anders - irgendwann hast du den Dreh heraus. Ich wollte schon immer so schreiben, konnte das früher aber nicht. Bislang war jedes Album ein Schritt in die richtige Richtung. Ich bin noch lange nicht am Ziel, aber wieder etwas vorwärtsgekommen.

Du hast dich öfter als „musikalischen Abenteurer“ deklariert. Inwiefern ist das bei dir der Fall? Geht es da um die stete Suche nach Neuem, noch nicht Ausprobiertem?
Es gibt viele Gründe, das Abenteuer aufleben zu lassen. Ein Trick ist, irgendwohin zu fahren, wo man fremd ist und dort mehr Fokus zu erlangen. Wenn man eine Albumproduktion mit Abenteuern füllt, wie die Streicher in London oder den Kinderchor in Uganda aufnehmen, ist man selbst viel mehr aufgeregt. Diese Aufregung hört man am Ende auch und so bleibt die Sache spannend. Die Platten müssen aufregend sein, das ist mir total wichtig. Die deutschsprachige Popmusik ist ein total cooles Feld, denn sie darf sich an allen Musikrichtungen bedienen und die deutsche Sprache hat den großen Vorteil, dass jeder auch die Zwischentöne versteht. Man hat aber auch eine große Verantwortung, weil das Ganze nicht platt und blöd werden darf. Die Entwicklung war in den letzten Jahren gut und man muss aufpassen, dass es nicht wieder fad wird, sondern spannend bleibt.

Meinst du damit vor allem die Texte und Inhalte?
Das Gewand, den textlichen Inhalt, die Radiosongs. Die Popmusik im deutschsprachigen Raum darf nicht das Englische nachtanzen, sondern muss etwas Gutes und Eigenes hinzufügen. Das versuche ich zumindest.

Zum Thema Texte - dir wird vor allem in Deutschland gerne vorgeworfen, dass du dich politisch viel zu wenig artikulierst, aber in deinen Songs hört man ohnehin viel heraus. Vor allem humanistische Aspekte.
Klar, die sind vorhanden, das sehe ich genauso. Es ist ein sehr großer Vorwurf. Wenn man mir sowas in einem Nebensatz vorwirft, ist das eigentlich der Beginn von einem sehr langen Gespräch. Ich habe so eines mit „Spiegel Online“ geführt und darauf verweise ich sehr gerne. Ich kann über Politik nicht in drei Zeilen antworten und finde das oft ein bisschen unfair. Man muss nur meinen Namen googeln und kommt dann relativ schnell dorthin.

Ich will dir auch keine Statements entlocken oder dich festnageln - vielmehr interessiert mich, ob es dich verärgert, dass man von dir und anderen Künstlern mit einer Selbstverständlichkeit erwartet, dass sie Position beziehen?
Schon diese Frage mit dem Verärgern kann ich nicht mit ja oder nein beantworten. Das ist alles viel zu kompliziert und deshalb gebe ich eben ungern Antworten als Randnotiz. Ich würde gerne auf diesem „Spiegel“-Gespräch aufbauen und nicht immer wieder von vorne anfangen.

Bei deinem Ausflug nach Uganda hast du ja nicht nur den African’s Children Choir in „Einmal“ eingebaut, sondern mit den dortigen Popstars Maro und Maurice auch noch den Song „Chip In“ eingespielt. Suchst du bewusst nach Orten, die auf den ersten Blick für unsere Popwelt etwas obskur wirken?
Das ist nicht uneigennützig. Ich bin gerne an Orten, die ich nicht kenne, um dort Dinge zu erleben und mit tollen Musikern zu arbeiten. Ich habe eine große Vorliebe für Chöre und wenn 15-20 Leute singen, ist quasi der Lord im Raum. Ich wollte schon auf „Tape“ einen Kinderchor haben. Ich habe mit den Kids vom Harlem Gospelchor aufgenommen, aber das gefiel mir nicht so gut und ich habe es weggelassen. Dann habe ich zufällig auf Netflix eine Doku über diesen Kinderchor aus Uganda gesehen. Ich wusste, das passt, habe mich bei denen gemeldet und ein paar Wochen später waren wir schon dort.

Entstehen aus solchen Zufällen und kleinen Ideen bei dir am Ende ganze Alben? Sind das die Initialzünder dafür?
Ein bisschen war es so bei „Tape“, als ich in New Orleans an der Straße die Brass-Band sah. Bei „Liebe“ war es anders. Die ganzen Reisen, Streicher und Chöre sind nur eine Farbe. Was es dann aber schwerer macht, eine ganze Platte zu machen. Der Chef war dieses Mal der Text.

Du warst für „Liebe“ in Berlin, Uganda, London und Florenz unterwegs. Denkst du in anderen Ländern auch anders? Hast du da schon in deinem Kopf einen anderen Zugang zur Musik, weil allein schon die fremde Umgebung dich auf andere Art und Weise inspiriert?
Wenn man mit den Kids in der Akademie in Uganda ist und die tolle Organisation live mitkriegt, dann passieren magische Dinge. Das ist ganz anders, als wenn man ein Chor-Sample auf dem Keyboard drückt. Ich habe dann Maro und Maurice über ein paar Ecken zum Frühstück getroffen und plötzlich landeten wir im Studio und hatten einen Song. Das sind Dinge, die man nicht vorhersehen kann und so etwas macht ein Album besonders. Wenn ich daheim sitze und auf dem iPad spiele, passieren auch keine coolen Abenteuer.

Nicht zuletzt im Song „194 Länder“ kommt deine Leidenschaft fürs Reisen zum Vorschein. Ist es auch für deine Kreativität wichtig, dass du so oft wie möglich unterwegs bist?
Für die Musik ist es wichtig, aber vor allem für mich selbst als Mensch. Ich habe eine App namens „Been“ und dort kann man alle Länder eintragen, in denen man schon war. Ich habe bis jetzt knapp 50 geschafft, aber da ist noch einiges zu tun, denn es gibt ja eben 194 Länder.

Hat dich das viele Reisen als Typ verändert?
Das kann man selbst schlecht beurteilen, wie man sich weswegen verändert hat, aber ich denke schon, dass Reisen und wohin zu fahren für jeden wichtig ist. Die Uganda-Reise hat mir gezeigt, dass ich von Afrika überhaupt keine Ahnung hatte. Ich war zuerst in Südafrika und bin dann nach Uganda geflogen und da erst draufkommen, dass das ganze sieben Stunden entfernt ist. Die Leute dort haben mir dann erzählt, dass Uganda eher das Schweden von Afrika ist, in Kongo viele Asis leben und es in Äthiopien eher langweilig ist, so wie in Deutschland. Man fasst Afrika sehr schnell in seinem Kopf als eine Sache zusammen, was eigentlich aber totaler Schwachsinn ist. In Südafrika spürt man an jeder Ecke die Apartheid und den rassistischen Vibe, auch wenn heute schon vieles besser ist. In Uganda gibt es das Rassismuskonzept gar nicht so wirklich und so habe ich das auch wahrgenommen.

Schon am Anfang gibt es den Song „Was du nicht tust“. Gibt es bestimmte Dinge, wo du heute bereust, dass du sie doch nicht gemacht hast?
Klar, ich gehe auf dem Album fast mein ganzes Leben durch und habe mir in dem Song viele Gedanken gemacht. Wenn man so zurückdenkt, ärgert man sich selten über die Fehler, die man gemacht hat, sondern vielmehr über das, das man nicht gemacht und nicht durchgezogen hat. Eigentlich müsste man eher den Rückschluss daraus ziehen, dass man die Dinge einfach machen sollte. Leider gelingt mir das nicht so oft, aber ein Lied ist ein erster Schritt zur Besserung. Eigentlich ist das das Hauptproblem meines Lebens - deshalb hieß schon damals mein Album „Bauch oder Kopf“. In vielen Punkten hat sich die Lage verbessert, aber prinzipiell ist die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen nach wie vor eines meiner Hauptprobleme. Ich hoffe, dass ich irgendwann Yoda-mäßig transzendiere. (lacht)

Eines deiner liebsten Hobbys ist das Wandern, das dich völlig aus dem Alltagsstress herausholt. Unter anderem warst du schon am Jakobsweg unterwegs. Gibt es bestimmte Ziele, die du noch ansteuerst?
Jeder Wanderweg, der dir jetzt einfällt - selbst der Westerweg im Schwarzwald oder einen berühmten Weg in Japan, auf dem 77 Tempel auf einer Insel sind - ist für mich per se einmal interessant. Ich google oft einfach so durch die Gegend und suche mir dann ein Land, wo ich gerne hinwürde. Dann suche ich einen etwa zehntägigen Wanderweg, der dazu passt. Mit dem System bin ich eigentlich immer gut gefahren. Wenn man viel Zeit hat und jeden Tag spazieren geht, dann wandern die blockierenden Steinchen vom Kopf in den Bauch, verpuffen dort und man kommt dadurch wieder leichter zurück nach Hause.

Am 2. April kommst du unter anderem in die Wiener Stadthalle. Worauf dürfen wir uns freuen und worauf freust du dich?
Ich freue mich total auf die Tour, weil wir 2018 kein einziges Konzert gespielt haben. Meine Band und ich sind total ausgehungert und proben schon seit Wochen für die 2019er Konzerte. Die Hallen sind nun viel größer und die Produktion wird massiv, auch die Band ist vergrößert. Es wird eine richtige Show und wir geben uns maximal Mühe, dass es so cool wie möglich wird.

In dem Business ist es ziemlich mutig, mal ein ganzes Jahr gar nie live zu spielen.
In unserem Fall hat es dazu geführt, dass es einen richtigen Run auf die Tickets gab. Die meisten Hallen sind schon ein halbes Jahr vorher ausverkauft und das ist eine große Ehre für uns. Aber natürlich setzt es uns auch unter Druck, dass wir wirklich gute Shows spielen. Zum einen freue ich mich, dass so viele Leute Lust darauf haben und zum anderen haben wir uns immer Mühe gegeben, eine wirklich coole Liveshow abzuliefern. Wir reißen uns auf jeden Fall den Arsch auf und es wird sehr gut!

Forster live in Österreich
Mark Forster kommt dieses Jahr gleich mehrmals nach Österreich. Am 5. Februar ist er im bereits restlos ausverkauften Linzer Posthof zu sehen, am 2. April kommt er in die Wiener Stadthalle, und am 2. und 3. August spielt er zwei Open-Airs am Grazer Messegelände (2.) und in Ansfelden (3.). Karten für die Shows erhalten Sie unter www.ticketkrone.at oder unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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