Mi, 21. November 2018

Allerheiligen

01.11.2018 06:00

„Der Tod? Ich fürchte mich nicht davor ...“

Ihr Gesundheitszustand ist schlecht, sie leben in einem Pflegeheim, im „Haus der Barmherzigkeit“ - Herta Lausche und Alfred Lindtner. In der „Krone“ sprechen die beiden über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart. Über Glück, Trauer - und das Sterben.

Ein Zimmer, zweckmäßig eingerichtet, ein Bett, drei schmale Kästen, eine Kommode, ein Tisch mit zwei Sesseln - diese kleine Wohneinheit ist seit sechs Jahren Herta Lausches Zuhause. „Ich fühle mich wohl hier, mit meinen Erinnerungen“, sagt die 68-Jährige und zeigt auf Nippesfiguren, die auf Spitzendeckchen stehen, und auf Fotos, die an den Wänden hängen. Bilder von ihr, ihrer Familie, aus der Vergangenheit: „Meine Kindheit war wunderschön.“ Mit fünf Geschwistern sei sie aufgewachsen, in ärmlichen Verhältnissen, „aber unsere Eltern waren sehr lieb, sie sorgten gut für uns.“

„Meine Männer hatten es nicht einfach“
Und später? „Wurde alles schwierig.“ „Ich würde gerne noch einmal Kind sein“ Schon früh begann Herta Lausche an Lungenproblemen zu leiden, „genetisch bedingt“, die Krankheit prägte ihr Leben. Immer wieder musste sie stationär in Spitälern behandelt werden, „mit 45 konnte ich meinen Beruf - Sekretärin - nicht mehr ausüben.“ Und sonst? Es gab zwei langjährige Partnerschaften, „aber meine Männer hatten es nicht einfach mit mir, wegen meines schlechten Gesundheitszustands. Ich konnte halt viele Dinge nicht tun, wandern gehen zum Beispiel oder auf Urlaub fahren.“

Ihr größter Wunsch - Mutter zu werden - blieb ihr versagt: „Ich hatte Angst, meine Krankheit zu vererben.“ Das Heute? „Ich bin froh, wenn die Schmerzen nicht zu stark sind - und wenn mich Verwandte besuchen und mit mir zum Grab meiner Mama fahren. Wo auch ich irgendwann sein werde.“

„Meine Seele wird nie sterben, das weiß ich“
Frau Lausche, denken Sie oft an den Tod? „Ich fürchte mich nicht davor, weil ich fest an Gott und ein Jenseits glaube. Meine Seele wird nie sterben, das weiß ich.“ Von dem Moment, in dem sie diese Welt verlassen wird, hat sie eine genaue Vorstellung: „Ich hoffe, dass ich dann noch einmal ein kleines Mädchen sein darf. Spiele, lache - so wie ich es damals getan habe.“

„Ich bin mit mir im Reinen“
„Nein, ich bereue nichts, ich würde, wenn ich noch einmal auf die Welt käme, alles genauso machen, wie ich es getan habe“, sagt Alfred Lindtner, „das gibt mir ein Gefühl der Zufriedenheit - und der Ruhe. Ich bin also mit mir im Reinen.“ Der 97-Jährige war einst Transportunternehmer, „ich habe stets sehr viel gearbeitet, aber mein Beruf machte mir großen Spaß, ich war oft unterwegs, ich durfte so viele Länder sehen.“ Auch privat sei „alles prächtig gelaufen, ich hatte eine wunderbare Frau, 76 Jahre sind wir miteinander verheiratet gewesen, es war die ganz große Liebe“.

„An das Früher zu denken ist schön“
Zuletzt lebte das Ehepaar zusammen in dem Pflegeheim, „vor eineinhalb Jahren starb mein Schatzilein, neben mir, im Bett. Seitdem warte auch ich nur noch auf den Tod“. Doch, es gibt kleine Freuden für den Mann: „Zweimal pro Woche kommt meine Tochter zu mir, wir trinken dann Kaffee und essen Kuchen und reden über das Früher, wie gut wir es hatten. Die Vergangenheit Revue passieren zu lassen ist schön.“

Und es sei eben Realität: „Eine Zukunft gibt es für mich nicht. Weil ich keine Pläne mehr machen kann. In meinem Zustand.“ Auf den Rollstuhl angewiesen, „meine Knochen tun weh, ich habe oft einen starken Schwindel“. Das Umkleiden, jeder Toilettengang - eine Qual. „Manchmal sehne ich den Augenblick herbei, in dem ich für immer einschlafen werde.“

Was kommt danach? Gar nichts.
Was, Herr Lindtner, kommt danach? „Gar nichts. Es hat mich vor meiner Geburt nicht gegeben - und nach meinem Tod wird das genauso sein. Ich bin Atheist.“ Schon vor langer Zeit, im Zweiten Weltkrieg, „ich musste damals als Soldat dienen, habe er den Glauben an Gott verloren, ich sah, wie Militärpfarrer Waffen segneten“.

Welchen Ratschlag gibt der 97-Jährige jungen Menschen? “Genießt jeden Tag, denn das Leben vergeht schnell. Viel zu schnell."

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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