Sa, 17. November 2018

Kurz hilft bei Rettung

21.10.2018 06:00

Gräber jüdischer Wiener: Eine untergegangene Welt

Die Grabsteine der jüdischen Wiener verfallen, ein neuer Verein will diese Denkmäler retten. Hilfe kommt vom Kanzler - und hoffentlich von vielen Österreichern.

Versteckt, hinter einer hohen Mauer mit im Beton eingelassenen Glasscherben, neben einem Zweckbau der Magistratsabteilung 48 und Hunderten Gemeindewohnungen liegt im Wiener Bezirk Währing ein sehr wertvolles Stück österreichischer Geschichte: der jüdische Friedhof.

Seit 1784 bestattete die jüdische Gemeinde ihre berühmten und weniger berühmten Familienmitglieder in diesem riesigen Geviert. Der Friedhof ist ein einzigartiges Dokument der Kultur, der Kunst, der Wissenschaft und der Gesellschaft in der Zeit des Biedermeier: Berühmte Wirtschaftstreibende wie der Bankier und Mitbegründer der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, Gustav Ritter von Epstein (1827-1879), liegen hier in Währing begraben. Ebenso wie ein anderer Palais-Besitzer: der bekannte Getreide-Großhändler Joachim Ephrussi (1791-1864), dessen von Theophil Hansen geplanter Prachtbau beim Schottentor für immer ein Architektur-Highlight der Ringstraße bleiben wird.

„Erfinderin“ des Weihnachtsbaums ruht in Währing
„Und auch die ,Erfinderin‘ des Weihnachtsbaums wurde einst hier bestattet: Die Unternehmersgattin Fanny von Arnstein importierte den schönen Brauch aus Berlin 1814 nach Wien“, führte jetzt Günther Havranek, der Obmann des Vereins „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“, prominente Besucher durch die mit Efeu und Büschen dicht bewachsenen Grabreihen.

Der Wiener Steuerberater, der jahrelang für die Aktion „Rettet den Stephansdom“ erfolgreich tätig war und den Bau des neuen „TierQuartiers“ initiiert hatte, zeigte gemeinsam mit dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, und Immobilieninvestor Ariel Muzicant die steinernen Zeugen einer untergegangenen Welt Bundeskanzler Sebastian Kurz und Christoph Dichand, dem Herausgeber und Chefredakteur der „Krone“.

Kanzler Kurz: „Höchste Zeit“
„Natürlich helfe ich hier sehr gerne“, sagte der Kanzler seine Unterstützung dem Verein zu. Jetzt sei es „höchste Zeit“, Verantwortung zu zeigen, diese Grabsteine vor dem weiteren Verfall zu retten und den jüdischen Friedhof als Ganzes für die künftigen Generationen zu erhalten.

„Die Nationalsozialisten hatten versucht, die Gräber zu zerstören, und hatten begonnen, einen Löschteich auf dem Friedhof anzulegen. Zum Glück fehlte ihnen dafür dann die Zeit“, erzählte Ariel Muzicant - er war bis 2012 Präsident der Kultusgemeinde - vom damals hektischen Transport Hunderter Toter im Jahr 1942 von Währing zum Zentralfriedhof. 2000 der 10.000 Grabsteine wurden damals zerstört.

30.000 Menschen fanden letzte Ruhe
Insgesamt mehr als 30.000 Menschen wurden auf diesem Wiener Friedhof begraben, berichtete beim Rundgang Michael Seidinger vom Nationalfonds der Republik für die Opfer des Nationalsozialismus: „Wir arbeiten ständig an der Restaurierung.“ Dabei helfen auch viele Freiwillige: So wurden viele Wege bereits wieder begehbar und die Verabschiedungshalle renoviert.

Jetzt möchte der neue Verein, bei dem sich auch Dutzende Prominente engagieren, mit zusätzlichen Mitteln die Renovierung aller bedeutenden Grabsteine beschleunigen. Günther Havranek: „Manche unserer Freunde übernehmen die Kosten für die Renovierung eines ganzen Grabes, andere helfen nach ihren Möglichkeiten. Wir freuen uns über jede Unterstützung.“

Wer ebenfalls für diese wichtige Aktion eines neuen Österreich, das auch mit seiner jüngeren Geschichte endlich korrekt umgeht, spenden will:
Verein „Rettet den jüdischen Friedhof Währing“, Erste Bank AG
IBAN: AT23 2011 1837 7378 3000
BIC: GIBAATWWXXX

Über den Besuch des jüdischen Friedhofs zeigt auch ORF III am Dienstag, 23.10., einen Beitrag im Rahmen der Sendung „Kultur heute“ ab 19.45 Uhr.

Richard Schmitt
Richard Schmitt

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Wien
Aktuelle Schlagzeilen
Weltmeister besiegt
Wahnsinn! Holland macht Deutsche zum Absteiger
Fußball International
Testspiel in London
Neymar schießt Brasilien zum Sieg gegen Uruguay
Fußball International
Geheime Investoren
22-Milliarden-Deal! Verkauft die FIFA den Fußball?
Fußball International
Auftakt in Polen
Huber bester Österreicher in Wisla-Quali
Wintersport
Play-off-Hinspiel
U21-Team siegt und stürmt Richtung EM-Teilnahme
Fußball International
Nach 3:2-Triumph
Pöbel-Video! Kroate Lovren attackiert Sergio Ramos
Fußball International
Verlierer steigt ab
Nach 3:2-Wunder: Kroatien sagt England Kampf an
Fußball International
Streit um Arbeitszeit
Ministerin an Gewerkschaft: „Chance vergeigt“
Österreich

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.