Fein zerbröselt

Der "Friedhof der Grabsteine" ist die allerletzte Station

Wien
28.10.2009 09:56
Ein gewaltiger Raupenbagger mit Spezialaufsatz schiebt einen 200 Kilogramm schweren Grabstein wie eine Zündholzschachtel hin und her, bevor er schließlich zubeißt. Die massive Granitplatte knackt und knirscht, dann zerbröselt sie unter dem hydraulischen Druck. Auf dem größten Brocken, der zu Boden kracht, steht: Fregattenkapitän August Wolfsberger - geboren am 18. 8. 1884, gestorben am 23. 12. 1957. Seine Frau Adele verschied nur wenige Tage nach ihm.

Jetzt sind sie noch einmal gestorben. Gemeinsam mit Therese Zaruba, Ottilie Knapp und Familie Gebauer. Am Fuße einer gewaltigen Schutthalde im Süden von Wien.

Wolfgang Lindner steigt aus seinem Bagger, blinzelt durch den aufgewirbelten Staub und beginnt zu rechnen: "Wir verarbeiten jährlich rund 2.500 Tonnen Grabsteine. Allein vom Zentralfriedhof bekommen wir bis zu vier Ladungen zu je drei bis sechs Tonnen täglich." Sein Unternehmen, die ContraCon in Oberlaa, zerkleinert Bauschutt aller Art, um daraus Material für den Straßenunterbau zu produzieren. In seltenen Fällen wird aus den feingravierten Granitplatten, für die heute fünfstellige Eurobeträge zu bezahlen wären, Kopfsteinpflaster.

"Ausbürgerungsverfahren" für Verblichene
Maria Lacek - geb. 1901, gest. 1981; Barbara Tvrdik - geb. 1873, gest. 1961. Darunter: "Unvergessen". Offenbar doch nicht. Die Grabsteine der beiden Damen erzählen eine traurige Geschichte ohne Happy End. Wird das Benützungsrecht einer Grabstätte nämlich nicht verlängert, beginnt für den Verblichenen das langsame "Ausbürgerungsverfahren". "Zum Beispiel, wenn die Angehörigen nicht mehr zahlen oder keine Nachkommen da sind. Aber zunächst geschieht mindestens zwei Jahre lang nichts", sagt Andrea Rauscher, Sprecherin der Wiener Friedhöfe. Verstreicht diese Frist ebenfalls, wird das Grab aufgelöst.

Gebeine werden exhumiert
Der Sarg wird aus seiner Einheitstiefe von 2,70 Meter gehoben, die Gebeine werden exhumiert und 30 Zentimeter darunter wieder eingegraben. Mit Urnen wird ebenso verfahren. Es folgt die Entfernung von Grabstein, Grabplatte und Einfassung. Erst dann ist alles bezugsfertig für die "Nachmieter". 2008 wurden allein in Wien 3.500 Tonnen Grabstätten wiederverwertet.

Herr Lindner hat in der Zwischenzeit den Motor seines Kettenmonsters wieder angeworfen und jongliert geschickt mit dem mächtigen Grabstein der Familie Friedl. Dann der tödliche Biss, und er zerbirst wie Styropor. Die herabfallenden Bruchstücke trennen Fregattenkapitän Wolfsberger endgültig von seiner Adele.

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