Das freie Wort

Menschenopfer

Geschichte wiederholt sich bekanntlich. Zum wie vielten Mal (?) wurden unschuldige Flugpassagiere Opfer ungezügelter Machtausübung irgendwelcher Militärkommandanten, denen das Recht, über Leben oder Tod anderer zu entscheiden, ohne existierenden Kontrollmechanismus übergeben wurde? Das jüngste Drama von Teheran zeigt wieder einmal, wie leicht vollkommen normal und friedlich lebende Menschen in die Klauen einer unbarmherzig agierenden Kriegsmaschinerie geraten können und dabei ihr Leben verlieren. Wie kann es sein, dass in unmittelbarer Nähe eines internationalen Zivilflughafens offenbar permanent scharfgemachte Raketensysteme aufgestellt sind, welche von dort aus startende Zivilmaschinen vom Himmel holen können? Wie kann es sein, dass während eines sich wieder einmal aufschaukelnden schweren Konflikts zwischen den USA und dem Iran weiterhin europäische Fluggesellschaften in einen höchst gefährlichen Luftraum einfliegen und so tun, als sei alles normal? Wie kann es sein, dass eine iranische Führung erst nach unwiderlegbaren Videobeweisen mit tagelanger Verzögerung zugibt, dass sie diesen Mord an 176 Menschen tatsächlich zu verantworten hat? Der Iran hat damit sehr viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt und wird während der kommenden Monate wohl noch schärfere Sanktionen- speziell, was die Luftfahrt betrifft- erfahren. Und wir Reisenden werden uns bei jedem Besteigen eines Flugzeuges noch intensiver der Tatsache bewusst sein, dass es auch uns jederzeit treffen kann. Weil auch wir nur Menschenopfer sind, die bei der Austragung von militärischen Konflikten nichts anderes als einen bereits einkalkulierten Abschreibposten darstellen.

Martin Krämer, per E-Mail

Erschienen am So, 12.1.2020

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