Do, 19. Juli 2018

Musical in der Oper

14.01.2018 18:44

"Ragtime" feierte in Graz Österreich-Premiere

Rassismus, Streiks, Terrorismus - "Ragtime" verknüpft die großen sozialen Fragen mit privaten Schicksalen in den USA um 1900. Die Grazer Oper zeigt das Broadway-Musical erstmals in Österreich: Eine opulent ausgestattete Show, die garantiert ein Publikumsrenner werden wird. Auch dank überragender Interpreten.

Ein jüdischer Immigrant wird reich im Filmbusiness, ein schwarzer Pianist fällt seinem selbstzerstörerischen Verlangen nach Recht zum Opfer. Es sind Stories vom Erfolg und vom Scheitern, die "Ragtime" erzählt. Erst in E. L. Doctorows meisterlichem Roman, später in der Verfilmung durch Milo Forman, seit 1996 auch als Musical im Broadway-Stil, geschaffen in der genretypischen Arbeitsteilung von Altmeister Terrence McNally (Buch), Lynn Ahrens (Liedtexte) und Stephen Flaherty (Musik).

Fiktion und Realität sind da eng verwoben, eine Vielzahl historischer Figuren bevölkert die Handlungsstränge um den Musiker Coalhouse, den jüdischen Hungerleider Tateh und eine New Yorker Familie aus der Oberschicht: Anarchistin Emma Goldman, Showstar Evelyn Nesbit, Entfesselungskünstler Harry Houdini, der schwarze Politiker Booker T. Washington sowie der Industrie-Tycoon Henry Ford und der Finanzmogul J. P. Morgan tauchen auf in diesem Wimmelbild aus einer Zeit, als die USA noch als Land der unbegrenzten Möglichkeiten gelten durfte. Wenn man die richtige Hautfarbe hatte.

Der schwarze Musiker zerstört sich und sein Umfeld, weil er vergeblich auf sein Recht pocht. Docotrow hat den Coalhouse an den Michael Kohlhaas aus Kleists Selbstjustiz-Novelle angelehnt. Seine geliebte Sarah fällt seinem Rachefeldzug ungewollt zuerst zum Opfer. Die umwerfende Dionne Wudu setzt vor ihrem Bühnentod die vokalen Glanzlichter des Abends. Man kann sich nicht vorstellen, dass man in New York oder im Londoner West-End noch bessere Interpretationen als jene der Stimmgewalt aus dem Ruhrpott zu hören bekommen könnte.

Ein starkes Ensemble
Dass man nicht nur die deutschsprachige Erstaufführung aus Braunschweig zeigt, sondern auch die Besetzung großteils übernahm, war keine falsche Entscheidung. Monika Staszak als jugendliche Mutter reicht an Wudus Intensität beinahe heran, Alvin Le-Bass’ charismatischer Coalhouse fällt dagegen kaum ab, während Randy Diamonds Tateh blass bleibt. Andrea Purtić vom Opernstudio oder Florian Stanek sind starke "regionale" Ergänzungen im Riesencast mit seinen fast 30 Darstellern samt Chor und Statisterie.

Philipp Kochheims opulente Inszenierung hat alles, was man sich als Musicalfan erwarten darf. Große Tableaus und schwungvolle Ensembleszenen, viel Emotion, schnelle Szenenwechsel und eine auf Effekte bedachte, aber recht konventionelle Musik, die ihre stärkeren Momente hat, wo Flaherty afroamerikanische Elemente wie Ragtime, Blues und Gospel wenigstens sanft einfließen hat lassen. Die Grazer Philharmoniker unter Robin Engelen bieten Energie und Emotion auf, nur die Tontechnik lässt die Künstler ein paar Mal im Stich. Die gewaltige Anstrengung, ein typisches amerikanisches Musical über amerikanische Träume und Alpträume fast perfekt in Szene zu setzen, ist dennoch gelungen.

Martin Gasser, Kronen Zeitung

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