Sa, 18. August 2018

Schädel-Hirn-Trauma

30.09.2017 06:00

"Leben wie Fliegen mit geflickten Flügeln"

Sie hatte einen guten Job als Journalistin, schrieb an ihrer Doktorarbeit, liebte Pferde über alles und war rundum zufrieden - bis ein Auto-Raser alles zerstörte. Doch Sigrid Kundela (53) kämpfte sich zurück und gründete eine Selbsthilfegruppe.

23. Juni 1992, die damals 28-Jährige macht sich nach dem Voltigiertraining im Reitstall in Pressbaum (NÖ) mit ihrem Auto auf den Heimweg nach Wien. In einer Linkskurve tauchte plötzlich auf ihrer Spur ein Wagen auf und raste mit 130 km/h auf sie zu. Sie prallte mit dem Kopf gegen das Lenkrad, wurde bewusstlos. Der Fahrer war tot, "er schlich sich davon", wie Sigrid später verbittert dachte. Sie selbst erlitt schwerste Verletzungen, wurde mit dem Hubschrauber ins Wiener AKH geflogen und sofort operiert. Ob sie überleben würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, die verzweifelten Eltern warteten im Spital auf die erlösende Nachricht.

Ihre Tochter hatte diesen Kampf gewonnen, aber ein schweres Schädel- Hirn-Trauma (SHT) davongetragen. Das zertrümmerte Stirnbein auf der rechten Seite "flickten" die Chirurgen mit zehn Metallblättchen und 42 winzigen Schrauben. Da der Sehnerv eingerissen war, konnte Sigrid Kundela auf der rechten Seite nicht mehr sehen. Den geschädigten Tränendrüsenkanal ersetzt ein winziger künstlicher Schlauch. Ihre Sehfähigkeit ist stark eingeschränkt, 3-D-sehen kann sie nicht mehr. Die starken Erschütterungen des Gehirns hatten Auswirkungen auf Konzentration und Gleichgewicht. Lesen musste sie mühsam wieder üben. "Das war so anstrengend, dass ich mir den Inhalt nicht merken konnte." Beeinträchtigt war auch ihr Gedächtnis. Bis zwei Jahre vor und ein halbes Jahr nach dem Unfall sind alle Erinnerungen ausgelöscht. "Es dauerte gut ein Jahr, bis ich verstand, dass ich mit meiner Behinderung den Pferdesport nicht mehr ausüben konnte." Außerdem verlor Frau Kundela ihren Arbeitsplatz, die Dissertation blieb unvollendet.

Durch diese Tiefschläge fiel sie in tiefe Depression, die sie vier Jahre lang quälte. Bis eines Tages wieder ihr Lebenswille aufkeimt: "Es macht keinen Sinn, nur noch derVergangenheit nachzutrauern. Ich habe begonnen, mich mit den Sehproblemen abzufinden und zu überlegen, wie ich wieder lesen könnte." Dabei half ihr ein Trick: Nach jedem Satz eine kurze Pause einlegen. Damit gelingt es ihr bis heute, sich auch Inhalte zu merken. "Auf Anregung meines damaligen Neurologen Univ.-Prof. Dr. Peter Schnider begann ich 1996 ein Buch zu verfassen. Unter dem Titel: ,Mein neues Leben‘ schrieb ich mir all den Schrecken und Frust von der Seele und bewältigte damit mein Tief." Als ihr Buch im Fernsehen vorgestellt wurde, meldete sich eine Dame von der damals einzigen Selbsthilfegruppe für SHT in Österreich. "Sie lud mich zu einem Treffen ein, und da sah ich erstmals andere Menschen mit ähnlichem Schicksal, die mit noch mehr körperlichen sowie geistigen Einschränkungen belastet waren. Im Vergleich dazu ging es mir ja traumhaft."

Im Jahr darauf hat die kämpferische Frau gemeinsam mit dem Neurologen Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff auch eine Selbsthilfegruppe in Wien gegründet und bringt seither eine eigene Zeitschrift "SHT-News" heraus. "Ex-Skirennläufer Hans Grugger, der am 20. Jänner 2011 bei einem Abfahrtstraining in Kitzbühel schwer gestürzt war, ist Ehrenpräsident und ein guter Freund geworden", freut sich Sigrid Kundela. "Er hat bei uns vom Erfahrungsaustausch sehr viel gelernt." Heute organisiert Sigrid Kundela Treffen mit Vorträgen, Erfahrungsaustausch, Quiz-Spielen, Wanderungen, Ausstellungen, Minigolfspielen, Billard, Kegeln uvm. Außerdem hat sie weitere Bücher verfasst, ihr neuestes "Fliegen mit geflickten Flügeln" (Verlagshaus Hernals), in dem Menschen mit SHTihr Schicksal und den Weg zurück ins Leben beschreiben mit vielen positiven Gedanken und Tipps, die Betroffenen im Alltag helfen sollen. "Die Ärzte, Therapeutinnen und Pfleger hatten damals im Krankenhaus eine Menge mit mir zu tun und ich hatte so viel Glück", meint sie heute rückblickend. Ihrer Mutter und ihrem Vater, die sie bis heute unterstützen, ist die Wienerin unendlich dankbar.

Eva Rohrer, Kronen Zeitung

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