Fr, 19. Oktober 2018

Die Natur regiert

08.07.2017 14:35

Ein Besuch im letzten Urwald des Landes

Es ist ein wenig wie in einer Märchenwelt: Im Rothwald hat der Mensch bisher nicht eingegriffen. Er gilt als letzter größerer Urwald in Österreich. Das rund um ihn aufgebaute Wildnisgebiet Dürrenstein soll bald vergrößert werden - in der Steiermark. Doch die Verhandlungen stocken...

Psst, hört’s einmal!" Die ganze Gruppe ist sofort still. Ein paar Vögel zwitschern, Bienen summen. Ansonsten: nichts zu hören. "Hier gibt’s keinen technischen Lärm", sagt Ranger Reinhard Pekny nach einigen Sekunden mit einem Lächeln auf den Lippen. Keine Motorsäge, keine Autos in der Ferne, Handys können mangels Empfang nicht klingeln, der Himmel ist gerade flugzeugfrei.

Wir befinden uns im Rothwald, dem letzten Urwald Österreichs. Er liegt im niederösterreichischen Wildnisgebiet Dürrenstein gleich nach der Grenze zur Steiermark. Urwald, das bedeutet, dass es seit der letzten Eiszeit keine flächigen Schlägerungen gegeben hat. Ein quasi unberührter Wald, in dem der Mensch nicht eingreift. Hier hat einzig und alleine die Natur das Sagen.

Totes Holz wird einfach liegengelassen
Und so sieht es auch aus: Baumstämme liegen kreuz und quer und morschen bis zu 300 Jahre vor sich hin, es gibt keine Forst-, ja nicht einmal Spazierwege. Personen dürfen sich nicht beliebig bewegen. Nur ein kurzer Holzsteg lässt geführte Gruppen in den Wald schnuppern. Wanderer verirren sich fast nie in dieses abgelegene Naturjuwel.

Pekny schwärmt: "Das ist noch echter Mischwald. Es gibt je ein Drittel Tanne, Fichte und Buche, dazu einige Nebenbäume." Dadurch hat auch der ansonsten so gefürchtete Borkenkäfer keine Chance. Die neuen Fichten wachsen aus dem alten Totholz hervor, ganz langsam, nur einige Zentimeter im Jahr. Zeit spielt keine Rolle.

Ein Grenzstreit ermöglichte den Urwald
Wie konnte der Rothwald unberührt bleiben? Zuerst verhinderte ein jahrhundertelanger Grenzstreit zwischen dem Stift Admont und dem Kartäuser-Kloster Gaming eine Nutzung, im 19. Jahrhundert erwarb dann Albert Rothschild das Gebiet und ließ es unangetastet. Ein ökologischer Pionier, der sich viel Kritik anhören musste…

Erweiterung scheitert noch am Geld
Mittlerweile ist das Wildnisgebiet Dürrenstein 3500 Hektar groß. Seit einiger Zeit wird eine Vergrößerung über die Grenze in die Steiermark angestrebt. Auch in unserem Bundesland gibt es kleine Urwaldzellen, dazu naturnahe (Buchen-)Waldflächen, die erst ein Mal geschlägert wurden. Man erreicht sie über die Ortschaft Fachwerk, fährt entlang des Lassingbachs immer tiefer in die Einschicht, vorbei an der früheren Holzknechtsiedlung Klaus, bis zur Landesgrenze. Pekny zeigt auf die steilen Hänge: "Die Wälder sind forstlich uninteressant, weil unwirtschaftlich."

Dennoch ist ihre Unterschutzstellung keine einfache Aufgabe. Es spießt sich primär am Geld: Die Bundesforste als Grundbesitzer und das Land Steiermark haben Anfang des Jahres die Gespräche über Entschädigungszahlungen abgebrochen. Nun liegt ein neuer Vorschlag vor. 3500 Hektar sollen in der Steiermark geschützt werden. Forstwirtschaft und Jagd wären künftig nicht mehr erlaubt.

"Wir wollen von der Natur lernen"
Das Wildnisgebiet-Team um Geschäftsführer Christoph Leditznig und Pekny sehen in einer Erweiterung auf jeden Fall einen Gewinn. Noch mehr Wälder würden Zeit für natürliche Entwicklung bekommen. Pekny: "Wir wollen lernen, wie es die Natur in den letzten 1000 Jahren perfekt und nachhaltig gemacht hat. Die Natur braucht uns nicht, wir brauchen sie schon…"

Jakob Traby, Kronen Zeitung

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