Di, 17. Juli 2018

Neujahrskonzert Graz

02.01.2017 18:02

Der Auftakt zu einem langen Abschied

Am Ende wachelte das Publikum mit den EU-Fähnchen, um dem United Kingdom ein ironisches Farewell zu entbieten. Britisch ging es beim Neujahrskonzert in der Oper zu, weil man das launige Programm ganz um William Shakespeare baute. Und es markierte auch einen anderen Abschied: Dirk Kaftan zieht es nach Bonn.

"Was ist der Unterschied zwischen einer Bratsche und einer Waage?" - "Bevor man auf eine Waage steigt, zieht man die Schuhe aus." Über die Bratsche sind genug blöde Witze gemacht worden, Dirigent Dirk Kaftan, der das Konzert souverän moderierte, verkniff sich (fast), einen zu erzählen. Er ließ lieber Elissaveta Staneva-Vogl ein Plädoyer fürs Instrument halten. Die Bratscherin der Grazer Philharmoniker hantelte sich geschickt durch Vaughan Williams’ anmutige Suite für Viola und Orchester, deren Verwurzelung in der Folk Music sie so typisch britisch erscheinen lassen, dass sie auch gut in einen Abend passt, der sonst ganz William Shakespeare gewidmet war.

Auch der Brexit fand Eingang ins Programm
Viele Komponisten haben versucht, Shakespeare in Musik zu zwängen, wenige haben sich dabei auf Augenhöhe mit dem Dichter befunden. Giuseppe Verdi etwa. Sein "Otello" musste natürlich ins Programm, wenn auch mit einem Stück, das man fast nie zu hören bekommt. Das Ballett, das Verdi widerwillig für die Pariser Erstaufführung der Oper anfertigte, flitzte vorbei. Französisch auch der Hamlet von Ambroise Thomas, dem Bariton Markus Butter prägnant Gestalt gab, und eine Huldigung von Hector Berlioz, von Dshamilja Kaiser mit dunkler Intensität dargestellt.

Mit Cole Porters Musical "Kiss Me, Kate" und weiteren Preziosen steigerte man die Launigkeit, die in kollektiven Tänzchen des Konzertpublikums ihren Gipfel erreichte. Am Ende durfte man zu Elgars "Pomp and Circumstances" die EU-Fähnchen schwenken - man kann die Bestürzung über den Brexit halt auch ironisch abmildern.

Schade, dass der Abschied ins Haus steht...
Die Glanzpunkte lagen aber anderswo: Die größeren Orchesterstücke förderten Kaftans Fähigkeiten zutage. Die Ouvertüre zu Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" verlor ihre spielopernhafte Gemütlichkeit vollends, war von romantischem Klangzauber und Witz geprägt. Und auch in Tschaikowskys "Romeo und Julia" kreierte Kaftan eine spannende Klangdramaturgie, steigerte die Intensität von Abschnitt zu Abschnitt. Das beseelte und akkurate Musizieren scheint auf dem Einvernehmen zwischen Dirigent und den Musikern zu basieren. Und es wirkt, als hätte sich Kaftan am Pult seines Orchesters noch nie zuvor so wohl gefühlt. Schade, dass gerade jetzt der Abschied ins Haus steht und der Dirigent und Musikvermittler im Sommer Graz in Richtung Bonn verlässt.

Martin Gasser
Martin Gasser

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