07.09.2016 17:00 |

Meine Geschichte

"Der Tod kann jeden Tag kommen"

Krebs im Endstadium. Lokführer Horst Joachimbauer. schien dem sicheren Tod geweiht. Lesen Sie das Protokoll eines Mannes, der wie durch ein Wunder überlebt hat.

Hundert Boote liegen auf der Donau. 90 drohen unterzugehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich in einem der Zehn sitze, die nicht sinken?

Ich war 29 Jahre jung, als ich den Knoten an meinem Hals entdeckte. Lymphdrüsenkrebs. Stadium vier. Der Tumor hatte bereits die Lunge befallen. Zunächst dachten die Ärzte, meine Überlebenschancen wären gut. Doch nach dem dritten Rückfall, trotz Chemotherapie und Stammzellentransplantation, lagen sie bei höchstens zehn Prozent.

Damals habe ich mir die Metapher mit den Booten ausgedacht. Ich bin in meinem Krankenbett gelegen und habe mir vorgestellt, wie die Boote der Reihe nach sinken. Ohne mich. In meinem Gedankenspiel war ich stets an der Oberfläche geblieben. Dazu musste ich mich zwingen. Sonst hätte ich mich der Verzweiflung vollends hingegeben.

"Warum ausgerechnet ich?"
"Warum ausgerechnet ich?", hatte ich mich wieder und wieder gefragt. In einem Moment habe ich vor Wut geschäumt. Dann habe ich vor Todesangst nur noch gezittert. Die Vorstellung, ausgelöscht zu werden und schlichtweg nicht mehr zu existieren, konnte ich einfach nicht ertragen.

Es gab auch klare Momente, an denen ich darüber nachgedacht habe, wer mein Erspartes erben soll oder welche Art der Bestattung ich mir wünsche. Oft verharrte ich aber in Endzeitstimmung und sinnierte traurig über die Länder, die ich noch gerne bereist hätte. Meinen Eltern gegenüber habe ich den Starken gemimt. Nur meine damalige Freundin wusste, wie es mir wirklich ging. Aber die Last der Krankheit wurde zu schwer für die Beziehung.

Obwohl nach dem dritten Rückfall jeder geglaubt hat, dass ich bald sterben werde, kam es anders: Wider erwarten waren die bösartigen Zellen nur noch an einer einzelnen Stelle ausgemacht worden. So schafften es die Ärzte mittels gezielter Bestrahlung doch noch, den Tumor auszulöschen.

Seit 2004 "krebsfrei"
Es war wie ein Wunder, als ich 2004 als "krebsfrei" entlassen wurde. Aber ich wusste: Nur wenn die Krankheit innerhalb der nächsten zehn Jahren nicht zurückkommt, kann man von Heilung sprechen.

Mit dieser Befürchtung musste ich lernen zu leben. Also habe ich penibel darauf geachtet, dass ich mental stark bleibe. Stress wäre Gift gewesen. Die Arbeit als Lokführer konnte ich wegen des Schichtdienstes nicht mehr machen. Aber ich habe mich umschulen lassen und helfe nun in der Notfall-Intervention Kollegen in Krisensituationen.

In einer meiner Fortbildungen habe ich meine große Liebe getroffen. Bettina. Sie hat mit mir vor Glück geweint, als ich vor drei Jahren endgültig als geheilt eingestuft worden bin. Nun steht einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg.

Mein Boot kann trotzdem noch sinken. Aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht größer, als bei allen anderen. Ich habe akzeptiert, dass der Tod jeden Tag kommen kann.

Tipps und Infos

  • Bei Horst Joachimbauer war ein bösartiger Tumor des Lymphsystems diagnostiziert worden. Stadium vier bedeutet, dass der Krebs bereits fortgeschritten ist und schon Absiedlungen (Metastasen) gebildet hat
  • Hilfe und Unterstützung für Betroffene und Angehörige bietet die Österreichische Krebshilfe unter www.krebshilfe.net an
  • Unter www.leading-medicine-guide.at sind Fachärzte für Krebserkrankungen aufgelistet
  • Am 29.11.2016 hält Horst Joachimbauer im Linzer Volkshaus den Vortrag "Schicksal als Chance". Kontakt via E-Mail: jokiho@gmx.at

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Bitte schreiben Sie mir: brigitte.quint@kronenzeitung.at

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