Wisch und weg: In Zeiten, in denen Partnersuche oft online und anonym passiert, feiert das fast altmodische Speed Dating ein Comeback. Was ist da dran? Wir waren in der Oststeiermark mittendrin im Geschehen . . .
Der Raum ist so nüchtern und hell erleuchtet, dass da wohl kaum romantische Stimmung aufkommt, aber jede Falte gut ausgeleuchtet ist. Und man auch jeden Schweißtropfen, den man nervös auf der Stirn hat, sieht. Denn schließlich geht’s gleich los – das Speed Dating. An dessen Ende, so hofft wohl jeder der 20 Teilnehmer unserer Altersgruppe, vielleicht der Partner fürs Leben steht.
Initiatorin Helga Papst erklärt die Regeln: Eine Dame und ein Herr sitzen sich jeweils gegenüber, der Gong gibt den Startschuss für den siebenminütigen Austausch. Danach wieder der Gong, man kreuzt ein Ja oder Nein auf seinem Zettel an – und der Herr geht weiter zum nächsten Tisch. „Gut, dass wir Männer gehen, dann komm ich heut’ wenigstens auf meine 10.000 Schritte, falls ich schon keine Frau finde“, grinst mein erstes Gegenüber. Gott sei Dank, der ist wenigstens schon mal witzig. Wir lachen von der ersten Minute an – und der Gong erschallt viel zu früh.
Schade, dass es zu Ja und Nein keine dritte Option gibt. Der Funke ist nicht übergesprungen, aber einem „fröhlichen Treffen“ wäre ich nicht abgeneigt.
Und weiter geht’s. Alle sind nicht mehr die ganz so Jüngsten, entweder geschieden (wie die Schreiberin dieser Zeilen) oder (frisch) getrennt. Motivation zum Speed Dating bringt einer auf den Punkt: „Wie soll man wen kennenlernen? Allein geht man in keine Bar, nicht auf Feste – und online, das ist nix für mich.“ „Ich will eine Frau, die fröhlich und empathisch ist und Tiere mag“, sagt mir einer, der recht attraktiv ist. Passt! „Und die auch super kochen kann.“ Oje. Doch nicht.
„Du bist so . . .“, beginnt ein Kandidat seinen Satz und schaut mich, wie ich’s mir einbilde, bewundernd an. Was bin ich? Charmant? Noch immer knackig? Einfach unwiderstehlich?, überlege ich in Erwartung eines tollen Kompliments. „Du bist so groß“, sagt er. „Viel größer als ich.“ Gleich darauf kritzelt er energisch auf seinen Zettel, und ich sehe das Nein bildlich vor mir.
Einer hat leider schmutzige Fingernägel – und auch wenn man nicht oberflächlich nach der Optik geht, gepflegt muss ein Mensch sein, das ist Basis. Ich kreuze das Nein an, bevor wir noch ein Wort geredet haben. Sieben Minuten können lang sein.
In der Halbzeit kriege ich schon Halsweh vom vielen Reden, aber es geht ohne Pause weiter. Einer lacht schallend über seine eigenen Jägerwitze, ein anderer redet nur von seiner Ex, einer mag nicht auf Urlaub fahren, dem nächsten wohne ich zu weit weg. Fazit: Ich gebe mit dem Erschallen des letzten Gongs also meinen Zettel ab mit den zehn Ja/Neins und bin mir sicher: Das ergibt nicht ein Match.
„Macht ja nix, dann kommst halt nächstes Mal gleich wieder, eh schon in sieben Wochen“, lacht die Helga. Die hat auch gut lachen. Sie hat ja einen tollen Mann. Beim Speed Dating kennengelernt? Nein! Tatsächlich auf einer Online-Plattform. „Ich hatte damals gerade damit angefangen, selbst Speed Dating zu organisieren“, erzählt die quirlige Steirerin. „Nachdem ich selbst auf einigen war und mich gestört hat, dass da alle Altersgruppen vermischt waren, wollte ich das anders machen. Da hatte ich gerade noch eine Woche Frist bei einer Dating-Plattform.“ Und da rannte er ihr rein. Der Hermann. Liebe ihres Lebens und längst ihr Ehemann.
Speed Dating bietet sie seit sieben Jahren alle sieben Wochen an, und ihre Treffen im Gasthaus Dokl (nahe St. Margarethen/R.) werden gestürmt. „Es war vor Corona schon viel los, währenddessen natürlich gar nichts – aber jetzt gibt es ein richtiges Comeback.“
Speed Dating ist sicher die ehrlichste Form, jemanden kennenzulernen. Auf Plattformen wird ja so viel über den Beziehungs- Status gelogen.
Initiatorin Helga Papst
Manche Gesichter sieht sie immer wieder, „da denke ich mir oft, warum findet der- oder diejenige niemanden? Die sind doch nicht verkehrt.“ Aber warum boomt die Blitz-Partnersuche wieder? Helga Papst: „Weil die Leute das Persönliche herbeisehnen, Authentizität, ein echtes Gegenüber. Statt anonymer Plattformen, auf denen gelogen und geghostet wird.“ Ist Speed Dating denn nur ehrlich? „Der Beziehungsstatus denke ich doch. Denn da hat man viel zu viel Angst, dass man hier einen kennt, der einen aufklatscht.“
Singlesein ist nicht zum Genieren
Überhaupt ist man hier diskret. Aufs Foto will so gut wie niemand. „Nicht bös sein“, sagt eine sehr attraktive Dame aus der zweiten, „jugendlichen“ Gruppe. Bei uns im Ort liest fast jeder die ,Krone’, ich wäre Tagesthema.“ Obwohl Singlesein nichts ist, wofür man sich heutzutage genieren muss.
Mein Fazit: Ich bleib (sehr glücklich) geschiedener Single auch nach diesem Speed Dating. Aber ein interessanter Abend war es auf jeden Fall!
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