Eine Collage an Texten, in denen sich Franz Kafka an seinem Vater abarbeitet, bringt das Schauspielhaus Graz auf die Bühne. Erstmals führt bei „Kafka/Heimkehr“ Intendantin Andrea Vilter selbst (Co-)Regie.
Wie befreiend muss es für Franz Kafka gewesen sein, als er das Schreiben entdeckte. Endlich eine Ausflucht aus der schwierigen Beziehung mit seinem dominanten Vater, die nicht nur seine Kindheit und Jugend bestimmte, sondern die auch weit in sein Erwachsenenleben hineinreichte. Nachts, an seinem Schreibtisch sitzend, konnte er dem Vater schreibend entfliehen.
Doch schnell kam die bittere Erkenntnis, dass das Schreiben ihn nicht frei machte, wie er sie in seinem legendären Brief an den Vater festhielt: „Mein ganzes Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte.“ Der Vater war die erste Instanz und wird die letzte bleiben.
Literarisches Abarbeiten an der Vaterfigur
Dieses Klagen, dieses literarische Abarbeiten an der Vaterfigur, haben Intendantin Andrea Vilter und ihr Co-Regisseur Jan Philipp Gloger mit „Kafka / Heimkehr“ zu einem spannenden Theaterabend verarbeitet. Auf drei Söhne haben sie das Ringen verteilt – die drei Darsteller (Tim Breyvogel, Zeljko Marovic und Anna Rausch) greifen dabei ebenso gut ineinander wie die Stühle, die sich als imposantes Bühnenbild (Franziska Bornkamm) in einem großen Bogen bis an die Decke, bis an die Tür zum Zimmer des Vaters, stapeln.
Mit großem Gusto gräbt sich Franz Solar in diese Vaterfigur hinein und blickt von oben auf die Söhne herab, richtet die Scheinwerfer auf ihre Fehler und Mängel, ehe er sich zu ihnen hinabbegibt – und doch über sie erhaben bleibt. Die Söhne scheitern daran, ihn zu verstehen – und damit bleibt ihnen auch das letzte Verständnis der Welt verwehrt.
Eindrucksvoll bringt dieser Abend nicht nur eine der legendärsten Vater-Sohn-Beziehungen der Literaturgeschichte auf die Bühne, sondern nähert sich auch klug und gewitzt dem emotionalen Kern von Kafkas Schaffen.
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